Lipödem: Was kann eine ausgewogene Ernährung bewirken?
Schmerzen, Druckempfindlichkeit und eine unproportionale Fettverteilung können den Alltag von Menschen mit Lipödem stark belasten. Eine ausgewogene Ernährung unterstützt die Gesundheit und kann bei Übergewicht hilfreich sein. Aber gibt es auch eine Ernährung, die gezielt gegen das krankhaft veränderte Fettgewebe wirkt? Was wissenschaftlich belegt ist – und was nicht: Hier gibt es Antworten.
Das Lipödem ist eine chronische Erkrankung, die vor allem Frauen betrifft. Männer sind hingegen nur sehr vereinzelt betroffen. Typisch ist eine meist symmetrische Vermehrung des Unterhautfettgewebes an den Beinen und teilweise auch an den Armen. Häufig kommen Schmerzen, Druckempfindlichkeit, eine erhöhte Neigung zu Blutergüssen und ein Schweregefühl hinzu. Hände und Füße sowie Kopf, Hals und Stamm sind in der Regel nicht betroffen. Der Verlauf eines Lipödems ist individuell unterschiedlich. Bei manchen Betroffenen bleiben die Beschwerden über längere Zeit relativ stabil, bei anderen nehmen sie im Laufe der Zeit zu.
Die genauen Ursachen sind noch nicht abschließend geklärt. Genetische Veranlagungen und hormonelle Veränderungen im Körper wie Pubertät und Menopause werden als mögliche Mitursachen diskutiert. Auch Verschlechterungen bei den Verläufen stehen mit hormonellen Umschwungsituationen (Schwangerschaft, Menopause etc.) im Zusammenhang. Das Lipödem ist nicht einfach mit Übergewicht gleichzusetzen und lässt sich nicht auf mangelnde Bewegung oder falsche Ernährung zurückführen.
Auch andere Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen. Bei einem Lymphödem sammelt sich Flüssigkeit im Gewebe, während Adipositas eine übermäßige Vermehrung des Körperfetts bezeichnet. Beide Erkrankungen können zusätzlich zu einem Lipödem auftreten. Eine ärztliche Untersuchung hilft, die Beschwerden richtig einzuordnen.
Ernährung: Was ist wissenschaftlich belegt?
Was generell gilt
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und pflanzlichen Ölen unterstützt die allgemeine Gesundheit und den Stoffwechsel. Eine solche Ernährungsweise wird auch mit günstigen Effekten auf Entzündungsprozesse und das Risiko verschiedener chronischer Erkrankungen in Verbindung gebracht. Ob und in welchem Umfang sie die Beschwerden eines Lipödems lindert, ist bislang nicht ausreichend geklärt. Die deutsche S2k-Leitlinie zum LipödemÖffnet sich in einem neuen Fenster empfiehlt eine gesunde Lebensweise und berücksichtigt auch das Gewichtsmanagement. Strenge Verbote oder umfangreiche Ausschlussdiäten sind daher ohne medizinischen Grund weder angesagt noch sinnvoll.
Ketogene und Mediterrane Kost
In der Forschung werden mögliche entzündliche Prozesse und Veränderungen im Fettgewebe bei Lipödem untersucht. Daraus lässt sich bislang nicht ableiten, dass einzelne Lebensmittel die Erkrankung verursachen oder eine bestimmte Ernährungsweise das Lipödem heilen kann.
Ketogene Ernährung
Diese sehr kohlenhydratarme Ernährungsform wird in Studien als möglicher Ansatz zur Gewichtsregulation und zur Linderung von Schmerzen untersucht. Erste Ergebnisse sind vielversprechend. Die bisherigen Studien sind jedoch begrenzt, sodass sich noch nicht sicher beurteilen lässt, wie groß und dauerhaft die möglichen Vorteile sind.
Mediterrane Ernährung
Sie zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Olivenöl und Fisch aus. Die Ernährungsform ist gut mit den allgemeinen Empfehlungen für eine gesundheitsfördernde Ernährung vereinbar. Auch für Menschen mit Lipödem kann sie eine alltagstaugliche Option sein.
Ein direkter Vergleich, der eine generelle Überlegenheit der mediterranen oder ketogenen Ernährung bei Lipödem belegt, fehlt bislang. Welche Ernährungsweise am besten geeignet ist, hängt unter anderem von den individuellen Beschwerden, möglichen Begleiterkrankungen und der langfristigen Umsetzbarkeit ab. Bei einer stark einschränkenden Ernährungsform wie der ketogenen Ernährung sollte außerdem auf eine ausreichende Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen geachtet werden.
Die S2k-Leitlinie zum Lipödem empfiehlt aufgrund dieser genannten wissenschaftlichen Hinweise sowohl eine mediterrane als auch eine ketogene Ernährung als mögliche Ernährungsansätze.
Lipödem und Gewicht: Abnehmen ohne Schuldgefühle
Ein Lipödem kann auch bei normalem Körpergewicht auftreten. Die Erkrankung ist nicht mit Übergewicht gleichzusetzen. Zusätzliches Körperfett kann jedoch die körperliche Belastung erhöhen und die Beschwerden ungünstig beeinflussen.
Bei gleichzeitigem Übergewicht oder Adipositas kann eine individuell abgestimmte Gewichtsregulation sinnvoll sein. Sie kann die allgemeine Gesundheit, die Beweglichkeit und die Belastung der Gelenke verbessern. Auch das Volumen der Beine kann sich verringern. Das Lipödem lässt sich dadurch jedoch nicht vollständig beseitigen, und Schmerzen können trotz Gewichtsabnahme fortbestehen.
Entscheidend ist ein langfristig umsetzbarer Ansatz statt kurzfristiger Crash-Diäten. Bei Bedarf können Ernährungsberatung, Sport und Bewegung und verhaltenstherapeutische Unterstützung kombiniert werden. Dabei sollte das persönliche Wohlbefinden im Mittelpunkt stehen – nicht ein bestimmtes Körperideal.
So gelingt eine ausgewogene Ernährung im Alltag
Es braucht keine komplizierten Ernährungsregeln, um die eigene Gesundheit zu unterstützen. Hilfreich sind beispielsweise folgende Gewohnheiten:
Gemüse und Obst: Möglichst abwechslungsreich essen und unterschiedliche Sorten in den Speiseplan integrieren. Eine gute Orientierung bei der Auswahl bietet ein Saisonkalender.
Vollkornprodukte: Haferflocken, Vollkornbrot, Vollkornnudeln oder Naturreis liefern Ballaststoffe und sättigen gut.
Eiweißquellen: Hülsenfrüchte, Naturjoghurt, Eier, Fisch, mageres Fleisch oder Tofu können zu einer ausgewogenen Versorgung beitragen.
Hochwertige Fette: Raps- und Olivenöl sowie Nüsse und besonders fetter Seefisch wie Hering, Lachs oder Makrele liefern wertvolle ungesättigte Fettsäuren.
Regelmäßig trinken: Wasser und ungesüßter Tee sind geeignete Durstlöscher.
Bewegung nach Möglichkeit: Eine an die individuellen Beschwerden angepasste Aktivität kann Mobilität und Wohlbefinden fördern.
Die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bieten hierfür eine gute Orientierung. Die Umsetzung sollte zu den persönlichen Bedürfnissen, dem Alltag und möglichen weiteren Erkrankungen passen.
Vorsicht vor Detox-Kuren und Nahrungsergänzungsmitteln
Im Internet werden spezielle Lipödem-Diäten, Detox-Kuren und Nahrungsergänzungsmittel häufig mit weitreichenden Wirkversprechen beworben. Eine gezielte Heilwirkung solcher Produkte auf das Lipödem ist nicht ausreichend belegt.
Vitamine oder Mineralstoffe können bei einem nachgewiesenen Mangel sinnvoll sein. Dies sollte aber mit dem Hausarzt besprochen und anhand von Laborwerten überprüft werden. Eine pauschale Einnahme ist dagegen nicht erforderlich und kann je nach Präparat auch Risiken bergen. Vorsicht ist insbesondere bei Produkten geboten, die schnelle Erfolge, Schmerzfreiheit oder eine gezielte Auflösung des Lipödem-Fettgewebes versprechen. (sie)