Die Online-Wache – wie Sie sich den Weg zum Polizei-Revier ersparen

Im Internet kann man Pizza bestellen, Urlaub buchen oder Mode einkaufen. Vieles ist nur noch einen Klick entfernt. Doch wie ist es mit der Polizei? Was bei den Freunden und Helfern „online“ geht, haben wir im Interview geklärt.

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Polizeiauto

Ob Fahrraddiebstahl, Verkehrsverstöße oder Ladendiebstahl: Wenn der Geschädigte Aufklärung will, führt kein Weg an der Polizei vorbei. Nicht immer ist hierfür aber der Gang aufs Revier notwendig. Möglich macht das die Online-Wache. Im Gespräch mit dem VerbraucherFenster erklärt Christoph Schulte, stellvertretender Pressesprecher beim Hessischen Landeskriminalamt, in welchen Fällen die Online-Wache die richtige Institution ist und wann sie weiterhilft.

VF: Was ist die Online-Wache überhaupt?

Schulte: Die Online-Wache ist ein ergänzendes Angebot zur ersten Kontaktaufnahme mit der Polizei und soll den direkten persönlichen und auch wichtigen Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern nicht ersetzen. Sie stellt eine von vielen Möglichkeiten der Erstattung von Strafanzeigen oder der Übermittlung von Hinweisen dar. Die notwendigen Folgemaßnahmen, wie Vernehmungen, finden weiterhin persönlich statt.

VF: In welchen Fällen kann ich mich an die Online-Wache wenden?

Schulte: In allen Fällen, in denen kein sofortiges polizeiliches Einschreiten notwendig ist. Bei Notfällen können wir sonst nicht schnell genug reagieren.

VF: Wie sieht es nach einem leichten Autounfall mitten in der Pampa aus? Kann man hier später die Online-Wache kontaktieren oder muss ich bei Minusgraden in der Kälte ausharren, bis die Polizei vorbeikommt?

Schulte: Bei Bagatell-Unfällen ist es meistens nicht notwendig, die Polizei zu rufen. Wenn beide Unfallbeteiligten ihre Personalien und Versicherungsinformationen ausgetauscht haben, können sie den weiteren Ablauf den Versicherungen überlassen. Anders sieht es natürlich aus, wenn ich beispielsweise ein geparktes Auto touchiert habe. Nach herrschender Rechtsprechung muss man eine „angemessene Zeit“ warten, bis der Geschädigte zu seinem Auto zurückgekommen ist. Was „angemessen“ ist, ist natürlich einzelfallabhängig. Im von Ihnen beschriebenen Sachverhalt würde ich die 110 anrufen und den Sachverhalt mitteilen. Wenn ich ortskundig bin, würde ich zum nächsten Polizeirevier fahren und den Sachverhalt dort mitteilen.   

VF: Wenn ich nicht sicher bin, ob mein Fall etwas für die Online-Wache ist oder nicht, wie gehe ich vor? Wie im realen Leben? Das heißt ich stelle den Fall ein, wenn ich auch zur Polizei gehen würde?

Schulte: Wenn Sie unsicher sind und es sich nicht um einen Notfall handelt, rufen Sie auf dem nächsten Polizeirevier an und fragen Sie nach. Die Kolleginnen und Kollegen helfen Ihnen gerne weiter. Welches Polizeirevier zuständig ist, finden Sie auf www.polizei.hessen.de unter dem Reiter „Dienststellensuche“.    

VF: Muss der Fall in Hessen passiert sein oder ich Hesse sein, damit ich die Online-Wache kontaktieren kann?

Schulte: Nein. Die Online-Wache kann deutschlandweit, aufgrund des Internets natürlich theoretisch auch weltweit, genutzt werden.  

VF:  Wie nutze ich dieses System?

Schulte: Man benötigt zur Nutzung lediglich einen freien Internetzugang. Der Aufruf der Online-Wache erfolgt unter https://onlinewache.polizei.hessen.de/ow/Onlinewache/. Die Nutzung der Online-Wache bietet sich an, wenn man als Opfer oder Zeuge eine Strafanzeige erstatten oder eine Mitteilung an die Polizei senden möchte. Dieser Weg ist jedoch auf keinen Fall für Notfälle geeignet!

VF: Bei Notfällen also die klassische 110 wählen?

Schulte: Bei Notfällen immer die 110 wählen. Da gibt es keine zwei Möglichkeiten.

VF: Wie geht es nach dem Einstellen des Falls weiter? Werde ich von der Polizeidienststelle kontaktiert und muss doch noch aufs Revier?

Schulte: Das kommt auf den Einzelfall an. Wenn bei einem sogenannten Bagatellsachverhalt die mitgeteilten Informationen ausreichend sind, reicht die Anzeige über die Online-Wache aus. Ansonsten werden sich die Kolleginnen und Kollegen, die den Sachverhalt bearbeiten, mit Ihnen in Verbindung setzen.   

VF: Werde ich über den Ausgang des Verfahrens informiert?

Schulte: Sie können, wie bei einer real im Polizeirevier aufgegebenen Anzeige, entscheiden, ob Sie über den Ausgang des Verfahrens informiert werden möchten.

VF: Das Internet bietet viel schneller als das reale Leben die Möglichkeit, sich zu rächen. Wenn man sauer ist und Aggressionen angestaut hat, macht man schnell mal eine Strafanzeige gegen den anderen. Wird das System missbraucht?

Schulte: Alle rechtlichen Grundsätze in der realen Welt gelten auch im Internet. Natürlich kann dieses System missbraucht werden. Die Folgen, die hieraus resultieren, sollte sich allerdings jeder vor Augen halten.

VF: Welche Folgen hat Missbrauch?

Schulte: Eine Anzeige kann schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Wer eine rechtswidrige Tat vortäuscht oder durch wissentlich falsche Angaben einen anderen zu Unrecht verdächtigt, macht sich folgender Straftatbestände strafbar: Vortäuschen einer rechtswidrigen Tat gemäß § 145d StGB, durch wissentlich falsche Angaben absichtlich einen anderen zu Unrecht verdächtigen gemäß § 164 StGB, vereiteln der Bestrafung eines anderen gemäß § 258 StGB, Begünstigung eines anderen gemäß § 257 StGB. Die Strafen, die der Gesetzgeber bei diesen Delikten vorsieht, reichen von einer Geldbuße bis hin zur Haftstrafe. Es ist in keinem Fall ein Kavaliersdelikt.

VF: Wo liegen die Vorteile des Systems?

Schulte: Insbesondere für Nutzer wie Kaufhäuser oder Verkehrsbetriebe, die mehrfach Strafanzeigen, zum Beispiel wegen Ladendiebstahl oder Erschleichen von Leistungen, erstatten müssen, bietet sich im Rahmen der Onlinewache die Möglichkeit, in einem geschlossenen Bereich zur Anzeigenaufnahme komfortabel Vorlagen zu erstellen, um sich so zeitaufwendiges Ausfüllen von Papiervordrucken per Hand zu ersparen. Diese Vorlagen können abgespeichert und bei Bedarf wieder aufgerufen werden. Dies setzt voraus, dass sie sich bei der Polizei registrieren lassen. So brauchen "Registrierte Nutzer" die Daten ihrer Firma nur einmal zu erfassen und können sie dann immer wieder verwenden. Anschließend senden sie ihre Anzeige online an die für sie zuständige Polizeidienststelle.

VF: Ist die Online-Wache bundesweit einmalig oder eine hessische Besonderheit?

Schulte: Es gibt auch in anderen Bundesländern die Möglichkeit, über das Internet eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Die Besonderheit in Hessen ist, dass die eingegebenen Daten direkt in unser polizeiliches Fallbearbeitungssystem übernommen werden und so eine effizientere Bearbeitung gewährleistet werden kann. 

VF: Wie viele Fälle gehen jährlich bei Ihnen ein?

Schulte: Von Jahr zu Jahr mehr. 2010 waren es 15.615, 2011: 17.666, 2012: 20.200, 2013: 23.055, 2014: 25.512 und im Jahr 2015 waren es sogar 35.040 Fälle. Insgesamt gingen seit 2005 bisher 185.000 Vorgänge ein.

VF: Werden alle Fälle davon gelöst?

Schulte: Alle leider nicht. Wir geben für unsere Bürgerinnen und Bürger in Hessen aber immer unser Bestes.

Stand: 18.03.2016