Smart Contracts – Was bieten digitale Verträge?

Smart Contracts sind digitale Verträge, die auf Computerprotokollen basieren. Weil sie transparent und unveränderbar sind, könnten ausführliche schriftliche Vertragsklauseln damit entbehrlich werden.

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Mann tippt auf Tablet

Utopia

Das Paradies ist für jeden Menschen etwas Anderes. Aber viele Menschen könnten sich wohl darauf einigen, dass es im Paradies keinen Streit gibt. Auch nicht über Verträge. Im Paradies sind Verträge einfach da, irgendwo in der Cloud oder auf „Wolke sieben“. Nach dem Abschluss muss man sie gar nicht mehr beachten. Sie funktionieren einfach und vollautomatisch, ohne dass man dem Unternehmen für eine Rückzahlung hinterherlaufen muss. Doch stimmt dieses „Heile-Welt-Bild“ wirklich?

Smart Contracts

Der Weg ins Paradies ist steinig. Aber vielleicht führt er über Smart Contracts. Denn das Ziel von Smart Contracts ist es, Verträge möglichst automatisch abzuwickeln. Echte Automatisierung funktioniert idealerweise natürlich wie im Paradies – nämlich ganz ohne verzögernden Streit. Derzeit experimentieren Unternehmen mit der praktischen Umsetzung dieser guten Idee. Sie übersetzen bestimmte Regeln aus Verträgen in eine Programmiersprache. Das Ergebnis erhält den wohlklingenden Namen „Smart Contract“. Doch dahinter steckt letztlich auch nur eine Art Software.

„Smart“ klingt nach Digitalisierung und künstlicher Intelligenz. Das begeistert Investorinnen und Investoren. Das klingt nach Zukunft. Doch mit echter Intelligenz haben die Experimente derzeit noch wenig zu tun. Sie bilden oft lediglich einfache Beziehungen ab. Wenn, dann. Theoretisches Beispiel: Wenn die Bahn mindestens so und so viel Verspätung hat, dann erhält die Kundschaft eine pauschale Entschädigung. Intelligent muss die Software dafür nicht sein.

„Contract“ klingt nach Vertrag und seitenlangen AGB. Schwerstarbeit für Juristinnen und Juristen. Wundervoll, wenn sich all diese Arbeit automatisieren ließe. Doch derzeit wählen Unternehmen bei ihren Versuchen eher einzelne Elemente eines Vertrages aus, um diese zu automatisieren. Das sind kleine abgrenzbare Bereiche, die sich gut in Maschinensprache und Software übersetzen lassen.

Die Bahnverspätung könnte die Software beispielsweise aus einer Datenbank auslesen. Überschreitet die Verspätung den definierten Schwellwert, gibt die Software das Ergebnis aus: Die Kundschaft muss entschädigt werden. Schwerer zu übersetzen sind andere Aspekte eines Vertrages. Denn oft beinhalten Verträge auch sehr abstrakte Regeln etwa zur Haftung. Diese lassen sich derzeit kaum in einen Smart Contract übernehmen.

Blockchain

Häufig werden Smart Contracts im Zusammenhang mit Blockchain-Technologie erwähnt. Die Blockchain ist allerdings nur der Speicherort für einen Smart Contract. Sie gewährleistet, dass der Programm-Code dokumentiert ist und möglichst nicht durch Unbefugte verändert werden kann. Eine Technologie, welche in ihrer Blockchain auch Programm-Codes hinterlegen kann, ist beispielsweise Ethereum. Aber Smart Contracts sind theoretisch nicht abhängig von Blockchains. Sie könnten auch völlig unabhängig davon in anderen Datenbanken gespeichert sein.

Mehrwert

In seiner Komplexität ähnelt der Smart Contract aktuell eher einem einfachen Getränkeautomaten. Wer die Taste für Eistee drückt und das richtige Geld einwirft, erhält einen Eistee. Ein kaltes Getränk und eine schnelle Entschädigung – beides bietet für Verbraucherinnen und Verbraucher einen möglichen Mehrwert. Gegenwärtig müssen Betroffene umständlich Anträge stellen, um eine Entschädigung für ihre verspätete Bahnfahrt zu erhalten. Dementsprechend wäre es wünschenswert, dass eine Software automatisch über Entschädigungen entscheidet. Der Gesetzgeber hat die Verspätungspauschalen schließlich ausdrücklich festgelegt. Er verlangt eine schnelle Entschädigung.

Doch das Problem ist: Unternehmen haben wenig Interesse daran, Smart Contracts zu programmieren, die Dinge im Sinne der Kundschaft entscheiden. Sie profitieren vom Status quo. Denn einige Reisende vergessen es, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen. Andere wissen vielleicht gar nicht, dass sie überhaupt einen Anspruch auf Entschädigung haben. Von den zahlreichen Berechtigten fordert also nur ein Bruchteil seine Rechte ein. Das lohnt sich für die Unternehmen. Ihnen fehlt der Anreiz, daran etwas zu ändern.

Vermutlich werden Firmen bald beginnen, ihrer Kundschaft Smart Contracts anzubieten. Verbraucher müssen dann genau hinsehen. Es ist zu befürchten, dass solche Systeme eben nicht in ihrem Interesse entwickelt wurden.

Dystopia

Naheliegend wäre zum Beispiel, dass Unternehmen Systeme mit automatischer Zahlungsüberwachung entwickeln. Der Smart Contract überprüft dann etwa regelmäßig, ob die Rate für das Auto pünktlich gezahlt wurde. Bleibt die Zahlung aus, sperrt der Algorithmus im Smart Contract automatisch das Fahrzeug. Es liegt auf der Hand, dass das zu starken Beeinträchtigungen führen kann.

Und natürlich sind auch Smart Contracts so fehlbar wie ihre menschlichen Entwickler. Möglicherweise droht also auch einfach eine fehlerhafte Sperre des Fahrzeugs. Es dürfte schwierig werden, die Service-Hotline dann von einem Computer-Fehler zu überzeugen. Paradiesisch klingt das nicht. Die Zivilgesellschaft wird sehr aufmerksam sein müssen, damit Privatpersonen vor einer Übervorteilung durch Unternehmen geschützt sind.

Verfasser: Verbraucherzentrale Hessen e.V.

Stand: Oktober 2021