Konsum: Ist weniger mehr und gibt es ein Zuviel?

Die einen glauben Zufriedenheit und Wohlbefinden hängen maßgeblich von Erwerb und Besitz ab, andere sind derzeit eher der Auffassung, dass weniger Eigentum viel mehr ist. Wie können Sie Ihren Alltag ohne Verzicht ein kleines bisschen unbeschwerter gestalten und gleichzeitig den Geldbeutel schonen?

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Tiny House im Grünen

Frustshopping gegen den Stress

Sich nach einer harten Arbeitswoche am Samstagvormittag bei der Shoppingtour etwas Schönes gönnen – einen neuen Pullover, eine schicke Armbanduhr oder vielleicht sogar das neueste Smartphone - so oder ähnlich ist es vermutlich schon vielen Menschen ergangen. In der Hoffnung mit Ärgernissen der letzten Wochen besser fertig zu werden, wird als Trost oder zur Belohnung nicht selten auch mal tiefer in die Tasche gegriffen. Dass das Frustshoppen tatsächlich „hilft“, zumindest für einen kurzen Moment, liegt an verschiedenen Glückshormonen, die beim Kaufen ausgeschüttet werden. Allerdings: Lange hält der Hormonrausch nicht an, die neuen Teile verschwinden irgendwo im Schrank und in nicht weiter Ferne steht der nächste Kaufrausch an.

Dies bezieht sich nicht nur Besitztümer, auch Erlebnisse können kurzzeitige Glücksgefühle auslösen. Dabei kann es oft nicht aufregend, interessant und luxuriös genug sein. Doch auch die Sehnsucht nach immer neunen Erlebnissen kann zu einer ins Leere verlaufenden Passion werden.

Materialismus: Wenn viele Dinge sehr glücklich machen

Hängt das eigene Seelenheil besonders stark vom Erwerben und dem Besitz bestimmter Produkte ab, so sprechen Psychologen von einer materialistischen Denkweise. Ausgeprägte Materialisten sind davon überzeugt, dass ihnen die Warenwelt guttut. So ist es nicht verwunderlich, dass bereits viele Firmen mit einem gezielten Marketing ein vermeintliches Lebensgefühl anpreisen, das die Produkte auslösen sollen. Einzelne Marken werden so zu einem regelrechten Kult oder sollen einen gewissen sozialen Status aufzeigen.

Wird das Bedürfnis, Dinge zu kaufen und zu besitzen, immer stärker, kann es sich allerdings zu einem ernsten Problem entwickeln. Studien zeigen, dass Personen, die zu materialistischem Verhalten neigen, tendenziell ängstlicher und unzufriedener sind. Nicht zuletzt belasten Kaufexzesse massiv den Geldbeutel und verbrauchen unnötige Ressourcen.

Warum horten manche Menschen Dinge?

Im Vergleich zu Menschen, die durch den Besitz bestimmter materialistischer Dinge vermeintlich Glück, Ausdruck und Erfüllung finden, gibt es Personengruppen, denen es wiederum sehr schwerfällt, sich überhaupt wieder von ihren Besitztümern zu trennen. Im Extremfall sammeln sogenannte Messies so lange Dinge an, bis ganze Wohnungen überquellen. Hier steckt allerdings in den meisten Fällen eine psychische Erkrankung dahinter, wie etwa eine Zwangs-oder Angststörung.

Dennoch: Auch ohne Erkrankung fällt es vielen Menschen schwer, sich von Dingen wieder zu trennen. Grund dafür sind oftmals Erinnerungen, die mit den Gegenständen verknüpft sind und den Gedanken an Trennung regelrecht schmerzhaft machen.

Ist es ein befreiendes Gefühl, sich von Besitz zu trennen?

Seit einiger Zeit ist der sogenannte Minimalismus im Trend. Dabei geht es den Minimalisten darum, sich von der Masse an Dingen zu trennen, seien es Bücher, Kleidung, Dekoartikel, Küchenutensilien oder Möbel und sich lediglich mit wenigen hochwertigen und langlebigen Gütern zu umgeben. Im gleichen Zuge ziehen einige Menschen sogar aus ihren Wohnungen aus und in ein Tiny House mit kleinstem Wohnraum und fahrbarem Untersatz ein. Dadurch, dass sie der Überflussgesellschaft den Rücken kehren, erhoffen sich die Fans der bewussten Beschränkung auf das vermeintlich Nötigste, die eigene Lebensqualität zu verbessern.

In jedem Minimalisten steckt vielleicht auch ein Materialist

Ein minimalistischer Lebensstil ist nur dann schön und angenehm, wenn man sich bewusst dafür entscheiden kann. Viele Menschen haben allerdings erst gar nicht die Wahl. Ein geringes Eigentum und eine kleine Wohnung sind für sie bittere Realität.

Inzwischen gibt es sogar einen großen Markt für einen minimalistischen Lebensstil, sei es in Form von Büchern, Rucksäcken oder Apps. In wie weit diese Form von Konsum mit dem eigentlichen Gedanken der Bewegung zusammenpasst, bleibt fraglich.

Jeder entscheidet für sich, wie und mit welchen Dingen er leben möchte und was davon ihm tatsächlich Zufriedenheit und Wohlbefinden beschert. Sicherlich sind Frustkäufe nach einem anstrengenden Arbeitstag nie die beste Wahl; wer gerne kocht, tut sich aber sicherlich auch nicht gut damit, sämtliche Küchenutensilien aus der Wohnung zu verbannen. Ein gesunder Mittelweg beziehungsweise ein geschärftes Bewusstsein für die Dinge, die wir gerade im Begriff sind zu kaufen oder die wir bereits besitzen, können zum Beispiel bereits helfen, gelassener zu werden.

Tipps für ein bisschen mehr Zufriedenheit

Wer sein Leben etwas konsumferner gestalten möchte, muss ja nicht sofort sämtliche Schränke und Regale leerräumen. Einfache, kleine Veränderungen im Alltag können bereits eine große, entschleunigende Wirkung aufs Gemüt haben. Hier einige Vorschläge:

  • Lassen Sie das Auto stehen: Wer kürzere Strecken zu Fuß geht, ist nicht nur langsamer unterwegs, sondern kann Entfernung und den Weg ganz anders wahrnehmen. Vielleicht sehen Sie Bäume, Häuser und Gärten, die Ihnen zuvor nie aufgefallen sind? Zu Fuß gehen ist nicht nur umweltfreundlich, frische Luft und Bewegung sind maßgeblich für die Gesundheit und wirken sich positiv auf  die Nerven aus!
  • Minimalistisch essen: In Fertiggerichten stecken viel Zusatzstoffe und wenig Vitamine. Kochen Sie doch einfach mal wieder selbst– mit frischen, saisonalen Zutaten aus der Region und in aller Ruhe. Oder wie wäre es, den Fleischkonsum ein wenig zu minimieren: weniger, dafür bessere Qualität.
  • Hochbeet oder Gemüse vom Balkon: Um eigenes Gemüse zu ziehen, braucht man gar nicht unbedingt einen eigenen Garten. Tomaten und Kräuter zum Beispiel gedeihen auch wunderbar auf dem Balkon oder Fensterbrett. Der Vorteil von eigenem Gemüse: Es ist auf jeden Fall saisonal, frei von Zusatzstoffen, braucht keine Verpackungen und bedarf keiner langen Transportwege.
  • Gehen Sie mal wieder offline: Ständig vibriert und klingelt es irgendwo oder es schreibt jemand eine Nachricht in einem der unzähligen Messenger-Dienste und sozialen Netzwerke. Haben Sie schon mal eine Smartphone-Pause eingelegt? Wer sich morgens vom Smartphone wecken lässt, könnte auch überlegen, wieder auf den klassischen Wecker umzusteigen und sich zumindest für die erste Stunde am Tag handyfrei zu verordnen.
  • Wecken Sie den Bastler in sich: Es ist sinnvoll, Dinge möglichst lange zu benutzen und sie nicht achtlos zu entsorgen. Das kann auch bedeuten, bei kleineren Reparaturen mal wieder selbst Hand anzulegen. Meist ist dies viel einfacher als man denkt und führt außerdem zu einer neugewonnenen Wertschätzung von Gegenständen und den eigenen Fähigkeiten. Kommt man mal nicht weiter, können zum Beispiel Repair Cafés weiterhelfen.
  • Misten Sie mal wieder den Kleiderschrank aus: So gut wie jeder hat Kleidung im Schrank, die lange nicht getragen wurde, vielleicht sogar ein absoluter Fehlkauf bei einer Frustshoppingtour war.
  • Ohne Verpackung geht es auch: Wer beim Einkaufen auf möglichst minimal verpackte Waren achtet, verzichtet ebenfalls auf überflüssigen Kram: Müll, Ressourcen- und Zeitverschwendung durch Ein- oder Auspacken.

Wer sich von Dingen trennen möchte, sollte diese auf keinen Fall achtlos wegwerfen. Oftmals gibt es noch dankbare Abnehmer. Viele Sachen können zum Beispiel auf dem Flohmarkt verkauft oder an Umsonst-Läden abgegeben werden. Vielleicht eignet sich ja das ein oder andere Teil noch als ein Geschenk für einen Freund oder ein Familienmitglied.(Sie)

Stand: Februar 2020