„Faire Kleidung“ (VIII.): Faire Kleidung – aber wie?

Faire Kleidung soll unter guten sozialen und ökologischen Bedingungen produziert werden. Was in der Theorie einfach klingt, scheint in der Praxis oft schwer umsetzbar zu sein. Doch woran liegt das? Welche Rolle spielen hierbei die Unternehmen und welchen Einfluss haben sie? Und was kann der Kunde tun, damit „Faire Kleidung“ nicht nur eine Worthülse bleibt?

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T-Shirt im Angebot

Im letzten Teil der Serie hat VerbraucherFenster-Redaktionsmitglied Barbara-Maria Birke mit Dr. Hartmut Spiesecke gesprochen. Er ist Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie.

VF: Faire Kleidung soll unter guten sozialen und ökologischen Bedingungen produziert sein, damit sie nachhaltig ist. Dies zu erfüllen kann eigentlich nicht so schwer sein. Trotzdem sind viele Firmen noch nicht auf den Nachhaltigkeitszug aufgesprungen… Woran liegt das?

Spiesecke: Das ist nicht ganz richtig: Deutsche Firmen haben schon vor vielen Jahren begonnen, auf nachhaltige Produktion zu achten. Heute wird viel nachhaltiger produziert als vor 20 Jahren. Zum Beispiel wird systematisch danach geforscht, welche neuen chemischen Stoffe bisherige ersetzen können. Allerdings ist die globale textile Lieferkette lang, komplex und dadurch intransparent und schwierig zu kontrollieren.

VF: Was bedeutet das genau?

Spiesecke: Kleidung ist ein Produkt, das aus vielen Komponenten besteht. An der Herstellung eines ganz normalen Herrenoberhemdes sind etwa 140 Unternehmen aus mehreren Staaten beteiligt. Da kommt die Baumwolle aus Indien, sie wird dort geerntet, gewaschen und für möglichst einheitliche Qualität gemischt. Anschließend wird sie nach China geliefert und dort von einer chinesischen Fabrik zu Garn gesponnen. Ein weiteres Unternehmen webt das Garn zu einem Stoff. Die nächste Firma veredelt den Stoff, zum Beispiel mit Farbe oder anderen Chemikalien. Danach näht ein Konfektionär alle Einzelteile des Hemdes zusammen: den Stoff, das Manschettenvlies, den Kragen, die Knöpfe, die Kragenstäbchen, das Pflegetikett – wobei jedes Einzelteil wieder seine eigene Lieferkette hat. Diese ganzen Schritte zu kontrollieren und auf Nachhaltigkeit zu achten ist für einen deutschen Mittelständler praktisch unmöglich. Dies haben wir in einem kurzen Erklärvideo anschaulich gemacht.

VF: Wie sind denn die Produktionsbedingungen in den jeweiligen Staaten?

Spiesecke: Sie haben eine große Spannbreite – zum Teil sind sie hervorragend, zum Teil sehr schlecht. Wo deutsche Unternehmen im Ausland eigene Fabriken haben, herrschen dort weit überdurchschnittliche Bedingungen. Meistens sind deutsche Unternehmen im Ausland allerdings nicht Arbeitgeber in eigenen Fabriken, sondern Auftraggeber lokaler Unternehmen vor Ort. Dadurch ist ihr Einfluss begrenzt.

VF: Wäre es dann nicht am besten, wenn Unternehmen sich aus Staaten wie zum Beispiel Bangladesch ganz zurückziehen?

Spiesecke: In Bangladesch arbeiten etwa vier Millionen Menschen, überwiegend Frauen, in heimischen Textilfabriken. Wenn die internationale Bekleidungsindustrie sich hier zurückziehen würde, wäre das für sie und für weitere zehn Millionen Familienangehörige eine humanitäre Katastrophe. Deswegen fordert das auch niemand. Alle Beteiligten sind sich einig, dass sie die Situation vor Ort verbessern wollen.

VF: Wie kann das geschehen? Wer trägt die Verantwortung hierfür?

Spiesecke: Einiges hat sich schon getan. Der Lebensstandard in Bangladesch ist seit 2002 um etwa 50 Prozent gestiegen ist. Das ist natürlich noch immer weit entfernt von unserem Niveau in Deutschland, aber es geht voran. Die Textilindustrie ist hier Motor eines Industrialisierungs-prozesses, der langfristig zu mehr Wohlstand führt.

Verantwortung tragen alle Beteiligten. Die Regierungen der Produktionsstaaten sind verantwortlich für den Rechtsrahmen und dessen Durchsetzung sowie Korruptionsbekämpfung. Dies kann durch Diplomatie und Entwicklungshilfe westlicher Staaten unterstützt werden. Die lokalen Unternehmen müssen sich an die geltenden Regelungen halten. Die Auftraggeber aus anderen Staaten müssen Vereinbarungen über soziale und ökologische Standards mit ihren Zulieferern schließen und in der Lieferkette für Standards werben. Und natürlich entscheiden auch die Kunden in Deutschland mit ihrem Kauf mit darüber, was produziert wird.

VF: Den meisten Kunden scheint das, was weit weg passiert, egal zu sein, oder wie kann man sich sonst die Hamsterkäufe von Billig-T-Shirts erklären?

Spiesecke: Kunden tragen auch Verantwortung. Allerdings maße ich mir kein moralisches Urteil an: Wer jeden Euro umdrehen muss, kauft eben das billigste Produkt. Wahr ist aber auch, dass von fünf Euro für drei T-Shirts nicht viel für die Arbeiter in der Herstellung bleibt.

VF: Und was tragen deutsche Unternehmen zu Verbesserungen bei?

Spiesecke: Deutsche Unternehmen treffen mit ihren direkten Geschäftspartnern Vereinbarungen über soziale und ökologische Standards. Viele von ihnen nutzen dazu den Code of Conduct, einen Verhaltenskodex der deutschen Textil- und Modeindustrie. Er wurde vor einigen Monaten aktualisiert.

VF: Was besagt er genau?

Spiesecke: Der Code of Conduct orientiert sich an den international anerkannten Prinzipien zum Schutz der Menschen- und Arbeitsrechte und der Umwelt. Im Detail geht es zum Beispiel um das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit und Diskriminierung, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Einzelheiten gibt es hier .

VF: Und was wird sonst noch getan?

Spiesecke: Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie hat mit seinen Mitgliedsverbänden eine Informationskampagne durchgeführt und bietet Unternehmen und Verbänden umfangreiche Informationen und Servicetools an, auch im Internet. Ein eigenes „Forum Nachhaltigkeit“ präsentiert auch gute Beispiele dafür, was Unternehmen in Produktionsstaaten heute schon tun. Das wird oft übersehen. Der Podcast erläutert unser Engagement.

VF: Ist das für die Unternehmen gelebte PR oder stehen sie wirklich hinter der Sache?

Spiesecke: Viele mittelständisch geprägte Unternehmen der deutschen Textil- und Modeindustrie waren schon engagiert, als Nachhaltigkeit noch nicht in aller Munde war. Sie haben allein aber nur sehr begrenzte Möglichkeiten, die Verhältnisse zu verbessern.

Deswegen sind viele Unternehmen aus Industrie und Handel in diesem Jahr dem „Bündnis für nachhaltige Textilien“ beigetreten, das Bundesentwicklungsminister Müller initiiert hat. Wegen der komplexen Schwierigkeiten kann kein Akteur alleine die Situation verbessern. Wir sind aber davon überzeugt, dass eine gemeinsame Initiative, die auch international verbreitert werden soll, große Chancen bietet. Dort arbeiten Politik, Verwaltung, Nichtregierungsorganisationen, Zertifizierer, Unternehmen und Gewerkschaften zusammen, um die Bedingungen der Bekleidungsproduktion weltweit zu verbessern. Mehr Einzelheiten gibt es in unserem Podcast.

VF: Eine Frage zum Schluss. Wie groß ist hierzulande der Anteil von nachhaltiger Kleidung?

Spiesecke: Separate Statistiken hierüber gibt es nicht, zumal ja eine eindeutige Definition fehlt. Experten schätzen den Anteil aktuell auf etwa zwei Prozent; das bezieht sich wohl auf Bekleidung in den einschlägigen Läden.

VF: Das ist deutlich ausbaufähig…

Spiesecke: Da gebe ich Ihnen Recht, aber noch fehlt die Nachfrage. Immer mehr Kleidungsstücke in ganz normalen Kollektionen werden inzwischen nachhaltig produziert. Nachhaltigkeit ist kein Ergebnis, das wir irgendwann erreichen, sondern ein Prozess, der immer weiter geht. Wir sind mitten drin.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Stand: November 2015