„Faire Kleidung“ (VII.): Kartoffelsack oder schicker Dress – kann „Öko“ trendy sein?

Im Nahrungsbereich greifen immer mehr Verbraucher zu „Öko“. Bei grüner Mode sieht das oft anders aus. Nicht wenige denken hier an den berüchtigten Jutesack. Ist da was dran? Wie sieht „Öko“ heute aus? Wer kauft „Öko“? Und wie teuer ist „Öko“? Das VerbraucherFenster hat im siebten Teil der Interview-Serie mit Gerd Palmer gesprochen. Er ist Geschäftsführer des Textilgeschäfts Organicc in Frankfurt. Der Laden hat ausschließlich faire und nachhaltig produzierte Kleidung im Angebot.

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Frauen in einem Secondhand-Laden

VF: Herr Palmer, was tragen Sie heute?

Palmer: Normalerweise trage ich in der Freizeit immer Organicc. Da ich gerade von einem Business-Termin komme, trage ich aber einen herkömmlichen Anzug, weil Organicc keine Business-Fashion hat. Da bin ich gezwungen, auf andere Kleidung zurückzugreifen. Es gibt zwar auch Anbieter, die nachhaltige Business-Fashion haben. Stylisch und besonders chic sind die Anzüge aber nicht. Da kommt man tatsächlich sehr altbacken rüber. Hier hinkt die Öko-Mode einfach noch hinterher.

VF: Aber sonst tragen Sie nachhaltige Mode?

Palmer: Ja, sogar meine Unterwäsche ist von Organicc. Wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, wo und wie viel Chemie in Produkten drin ist, möchte man diese nicht auf nackter Haut haben. Dieser gesundheitliche Aspekt unserer Mode durch den Verzicht auf die Chemie ist der Mehrheit der Menschen gar nicht bewusst. In der normal produzierten Kleidung sind extrem viele gesundheitsschädliche Stoffe drin, die über den Hautkontakt in den Körper gelangen und langfristig Gesundheitsschäden wie zum Beispiel Krebserkrankungen auslösen können. Das gibt es bei unserer Mode nicht!

VF: Der Anteil derer, die Öko-Kleidung kaufen, ist recht überschaubar. Viele sagen, sie wollen es tun, die Realität spricht aber eine andere Sprache. Woran liegt das?

Palmer: Zwischen dem, was die Leute sagen und was sie tatsächlich tun, liegen Welten. Es gibt den Schnäppchen-Effekt. Es befriedigt die Leute, wenn sie etwas besonders günstig eingekauft haben. Die Rhythmen in der Mode werden immer schneller. Wenn die Kunden die ständigen Saisonwechsel mitmachen wollen, spielt der Preis eine entscheidende Rolle. Viele denken sich: Wenn ich schon viel Geld ausgebe, müssen das die Leute auch sehen. Sie möchten etwas mit dem Kleidungsstück ausdrücken. Das geht mit unserer Kleidung nicht, da Öko-Labels nicht so bekannt sind.

VF: Wenn ich den Bereich Lebensmittel und Öko betrachte, stelle ich fest, dass „Öko“ immer mehr gefragt ist.

Palmer: Zwischen der Lebensmittel- und der Modebranche gibt es gravierende Unterschiede. Bei Kleidung spielt die Marke, der Look und der Style unheimlich hinein, was bei Lebensmitteln so nicht gegeben ist. Eine Banane ist und bleibt vom Design her eine Banane, ob sie nun „Bio“ ist oder nicht. Zudem ist der Preisunterschied zwischen konventionell erzeugten und ökologisch erzeugten Lebensmitteln relativ gering. Bei Mode sieht das anders aus. Damit drücke ich etwas aus, was andere sehen sollen. Bio-Lebensmittel dagegen isst man im stillen Kämmerlein. Man macht das für sich oder seine Familie, um sich besser oder gesünder zu ernähren.

VF: Auf Ihrer Homepage werben Sie mit folgendem Slogan: „Mode und Nachhaltigkeit gehen eine neue aufregende Verbindung ein. Streetwear aus ethisch korrekter Herstellung und Biofasern ist der heißeste Trend der Modebranche.“ Kann der Kunde sich also vom Kartoffelsack verabschieden?

Palmer: Ja. Heutzutage muss man nicht mehr im Jutesack gehen. Man kann wirklich sehr trendig und sehr stylisch aussehen. Aber keiner von unseren Herstellern ist eine In-Marke. Bis auf ARMEDANGELS vielleicht. Aber bei uns kommt keiner rein, um eine bestimmte Marke zu kaufen und diese nach außen zur Schau zur tragen.

VF: Das hat aber sicherlich seinen Preis?

 

Palmer: Die Jeans sind deutlich billiger als eine teure „in“-Marken-Jeans, für die die Leute gerne schon mal 200 bis 300 Euro ausgeben ohne mit der Wimper zu zucken. Aber natürlich reichen sie nicht an das Preisniveau einer H&M- oder C&A-Jeans für 29 oder 39 Euro ran. Die Jeans bei uns liegen um die 100 Euro, was sich dadurch erklären lässt, dass allein der Ausgangspreis schon höher ist, wenn man Faktoren wie die faire Entlohnung und höhere Sozialstandards berücksichtigt. Zudem produzieren unsere Lieferanten in viel kleineren Auflagen als die großen Hersteller, die Jeans in Massen herstellen, was sich natürlich auch im Preis niederschlägt.

VF: Wer leistet sich das?

Palmer: Ganz normale Menschen. Die ganz Reichen oder die Hipster kommen nicht. Wer modisch ist, möchte etwas ausdrücken und seine Individualität zur Schau stellen. Jemand der Geld hat und modisch ist, leistet sich oft Sachen, die sich andere nicht leisten können und muss dies nach außen auch zeigen. Unseren Klamotten sieht man ja gar nicht an, dass sie fair produziert sind, dass sie aus Bio-Baumwolle sind und ohne Chemie hergestellt werden. Das kann man nicht nach außen zeigen. Wir haben schon Kunden, die Geld haben, aber wir sind nicht deren erste Wahl, sondern die nehmen uns eher als Ergänzung. Die jungen Leute zwischen 15 und 22 finden Sie bei uns selten, weil die einfach noch zu wenig Budget haben und gerade in der Schule oder der Ausbildung stecken. Sie haben auch nicht das allgemeine Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Wenn sie kommen, kommen sie mit ihren Eltern.

VF: Was für Leute kommen also zu Ihnen?

 

Palmer: Unsere Klientel ist in erster Linie weiblich, rund 70 Prozent. Die meisten Käuferinnen sind Ende 20 oder zwischen 30 und 50 Jahren und besser ausgebildet. Die bildungsfernen Schichten kaufen weniger bei uns, unsere Kunden haben einen deutlich höheren Akademikeranteil. Sie sind deutlich kritischer mit allen Vor- und Nachteilen.

VF: Und die typischen „Ökos“?

 

Palmer: Die finden Sie bei uns nicht, denn die wollen gar nicht modisch aussehen. Die dürfen gar nicht modisch aussehen. Wir haben keine typische Öko-Mode, sondern ganz normale Streetwear, schicke moderne Kleidung. Die Jeans haben einen Super-Schnitt, die T-Shirts tolle Prints. Den Kunden, die zu uns kommen, ist die modische Ausrichtung mindestens genauso wichtig wie die ökologische, wenn nicht sogar noch wichtiger.

VF: Also modisch vor „Öko“?

 

Palmer: Ja, das kann man schon so sagen. Das hören wir auch immer aus den Gesprächen, die wir führen, raus. Die Leute nehmen es gerne an, wenn die Kleidung fair produziert wird und sehen das als einen zusätzlichen Nutzen; aber wenn es ihnen modisch nicht gefallen würde und das Preis-Leistungs-Verhältnis aus ihrer Sicht nicht stimmen würde, würden sie es gar nicht kaufen.

VF: Es zieht also der Trendy-Style und nicht der bewusste Umgang mit Ressourcen?

 

Palmer: Sowohl als auch. Manche wissen gar nicht, dass sie in einem nachhaltigen Geschäft sind. Sie nehmen das gar nicht wahr. Wir haben einen hohen Stammkundenanteil. Die Stammkunden kommen ganz bewusst hierein, weil sie sagen, das ist schicke, modische Streetwear für jeden Tag mit dem Zusatznutzen, dass sie nachhaltig und fair produziert ist. Es gibt auch Leute – aber die sind wirklich in der Minderheit – die uns gezielt über das Internet suchen und finden, weil sie etwas Nachhaltiges kaufen wollen.

VF: Im Internet schreiben Sie, dass Organicc „für Kleidungsstücke und Accessoires steht, die unter sozial vertretbaren Arbeitsbedingungen (Fairtrade) hergestellt werden und soweit wie möglich aus organischem (Organic Cotton) oder recyceltem Material bestehen.“ Wie wählen Sie die Mode aus, die Sie verkaufen?

 

Palmer: Wir wählen in erster Linie die Lieferanten aus. Wir haben – und dass muss man ganz ehrlich sagen – keinerlei Chancen die Produktionsbedingungen vor Ort zu kontrollieren. Das ist nicht im Ansatz denkbar. Zertifikate spielen eine Rolle, aber nicht die Hauptrolle. Das liegt zum einen daran, dass es zu viele gibt und sich keines wirklich durchgesetzt hat und zum anderen daran, dass Siegel in den Ländern, wo Textilien produziert werden, auch gefälscht werden können und man sie sich mit krimineller Energie leicht besorgen kann. Und da ich nicht die Möglichkeit habe, selbst nach Indien zu fliegen, ist es mir viel wichtiger, die Hersteller persönlich kennenzulernen. Es gibt keinen von unseren Anbietern, wo wir nicht die Inhaber oder das General Management persönlich kennen.

VF: Also gehen Mensch und Motivation vor Siegel?

Palmer: Für mich ist der Mensch wichtiger und seine Motivation. Es gibt eine Flut von Siegeln, ohne dass ein Siegel richtig beim Endverbraucher im Kopf bekannt ist. Wenn das Siegel mit dabei ist, ist es ok. Mir persönlich wichtiger sind aber die Menschen und deren Motive.

VF: Fragen Ihre Kunden denn nach Siegeln oder ist denen das egal?

Palmer: Diejenigen, die bei uns reinkommen, kennen sich schon ganz gut aus und haben Erfahrung. Die meisten kennen die Siegel schon. Andere interessiert es nicht.

VF: Wie werben Sie für ökologische Kleidung?

Palmer: Anfangs haben wir hier in Frankfurt und damals auch in Wiesbaden, wo wir einen Laden hatten, viel Werbung betrieben: Zeitungsanzeigen, Radio, Flyer, Gutscheine in der Fußgängerzone verteilen. Alles hat nichts gebracht. Redaktionelle Beiträge haben etwas gebracht. Aber das allerwichtigste ist Mund-zu-Mund-Propaganda. Deswegen haben wir auch ein Stammkundensystem. Jeder der sich bei uns eintragen lässt, bekommt 10 % Rabatt auf alles. Das wird gut angenommen und spricht sich rum. Als kleiner Einzelhändler können wir keine Aufklärungsarbeit für Öko-Mode leisten. Das müssen andere machen.

VF: An wen denken Sie da?

Palmer: Verbände, Multiplikatoren und auch Prominente. Bei Kleidung ist der „in“-Faktor sehr wichtig. Wenn Leute in einer bestimmten Zielgruppe „in“ sind und ihnen gefolgt wird, hat es einen riesigen Effekt, wenn sie sagen: „Ich trage diese Marke oder dieses Kleidungsstück“. Das zieht, wenn es positiv besetzte Prominente sind. Negativ behaftete Aufklärung mit dem drohenden Zeigefinger sehe ich dagegen eher problematisch, weil die Leute da dicht machen. Die wollen nicht über die negativen Rahmenbedingungen der Textilproduktion Bescheid wissen. Sie wissen es zwar, wollen es aber nicht wissen.

VF: Danke für die Information.

Stand: Oktober 2015