„Faire Kleidung“ (VI.): Second Hand – erstklassig und nachhaltig

Jeder kann etwas tun, damit Nachhaltigkeit im Kleidungsbereich nicht nur Theorie bleibt, sondern gelebte Praxis wird. Second-Hand-Mode zu kaufen ist eine Möglichkeit. Vielerorts gibt es gewerbliche oder karitative Second-Hand-Läden die eine breite Kleiderauswahl bieten. Ob die Mode aus zweiter Hand zweitklassig ist, ob beim Second-Hand-Kauf Ersparnis-Gründe oder umweltfreundliche Motiven im Vordergrund stehen – das wollten wir genauer wissen.

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Frau zeigt in einem Laden einen Pullover

Das VebraucherFenster hat deshalb nachgefragt und mit Christa Wolpert gesprochen. Sie ist Leiterin des Oxfam-Shop Wiesbadens. Oxfam ist einer von vielen karitativen Second-Hand-Shops, die das Geld aus dem Verkauf der Second-Hand-Ware für wohltätige Zwecke weitergeben oder verwenden.

VF: Was tragen Sie denn heute?

Wolpert: Oxfam. Mein Kleiderschrank besteht fast nur aus Oxfam beziehungsweise Second-Hand-Mode. Nur wenn ich zu besonderen Angelegenheiten etwas ganz Besonders brauche, gehe ich in ein Geschäft.

VF: Wieso kaufen Sie Second-Hand-Mode?

 

Wolpert: Erstens unterstütze ich damit Oxfam und die gute Sache. Zweitens begegnen mir hier immer wieder Kleidungsstücke, die mir gut gefallen und die ich mir aufgrund des Preises leisten kann. Die Preise sind ja nicht sehr hoch. Ich kann mir eine Bluse kaufen und wenn sie mir in einem halben Jahr nicht mehr gefällt, gebe ich sie wieder zu Oxfam und kaufe mir eine neue.

VF: Das tut dem Geldbeutel nicht so weh …

 

Wolpert: Ja, man kann sich auch mal etwas leisten, was man vielleicht nicht unbedingt benötigt. Wenn mir etwas gefällt, muss ich nicht so lange überlegen, ob ich es kaufe, weil die Preise für jedermann erschwinglich sind.

VF: Sehen das Ihre Kunden auch so? Oder haben die andere Motive?

 

Wolpert: Das ist unterschiedlich. Es gibt zum Beispiel die Mütter, die gerne gebrauchte Kinderkleidung kaufen, weil die Chemie durch das mehrmalige Waschen hier schon raus ist. Dann gibt es ältere Leute. Sie haben nicht unbedingt den karitativen oder nachhaltigen Zweck im Blick, sondern sehen, dass sie sich hier etwas leisten können, was sie sich zu regulären Preisen nicht kaufen könnten.

VF: Welche Leute kaufen bei Ihnen ein? Bedürftige oder jede Schicht?

 

Wolpert: Weder die Bedürftigen noch die Reichen. Wir bekommen von den besser Gestellten Kleidung, aber die kaufen nicht unbedingt hier ein. Leider kommen Jüngere auch eher weniger. Sie wollen bestimmte Mode zu einem bestimmten Zeitpunkt und morgen schon wieder etwas anderes. Das können wir so in der Form nicht bieten, wobei es in Berlin einen Shop von uns gibt „Oxfam Move“, der speziell etwas für junge Leute bietet. Es sind überwiegend Menschen zwischen 45 und 70 Jahren, die bei uns einkaufen. Mit viel Liebe und Herzblut. Sie fühlen sich hier wohl und haben Freude daran etwas zu finden, was sie so in einem Geschäft nicht gefunden hätten.

VF: Wird die Second-Hand-Ware von den Käufern schon kritisch beäugt oder wie Neuware betrachtet?

 

Wolpert: Die Leute wissen, was sie möchten und was sie nicht möchten. Sie schauen teilweise sogar, ob wir einen Fehler übersehen haben.

VF: Wirklich? Aber sie wissen doch, dass das Second-Hand-Sachen sind.

 

Wolpert: Ja, aber die Käufer haben trotzdem ihre Ansprüche. Sie gucken, was hochwertige Ware ist und was relativ günstige oder billigere Qualität ist.

VF: Was heißt das für Sie und Ihren Verkauf?

 

Wolpert: Wir versuchen, nur die besten Sachen im Angebot zu haben und unser Ziel ist es, nur einwandfreie Ware im Laden zu haben. Und da wir sehr viel Ware bekommen, funktioniert dies auch.

VF: Welche Ware bieten Sie an?

 

Wolpert: Grundsätzlich findet man hier alles: Damen-, Herren- und Kinderkleidung. Aber auch Accessoires, Taschen, Mützen und Schuhe haben wir im Angebot. Also alles, was man braucht. Bei Damenkleidung allerdings eher kleinere Größen, bei Männersachen auch größere. Wir haben auch ausgefallene Sachen oder Unter- oder Übergrößen. Was wir nicht verkaufen und annehmen sind Pelze oder Waren aus geschützten Tierarten. Das widerspricht unseren ethischen Motiven und der Oxfam-Einstellung.

VF: Finde ich nur Mode von gestern oder sind auch Trend-Stücke dabei?

 

Wolpert: Ab und zu bekommen wir Vintage. Das kauft bei uns hier aber niemand. Diese Ware geben wir dann an andere Oxfam-Shops weiter. Unsere Alltagsware ist vermutlich die vom vergangenen Jahr. Also sehr aktuelle Mode. Da wir den Kunden stetig ein anderes Sortiment bieten wollen, wechseln wir die Kleidung nach spätestens drei Wochen. Wir richten uns nach dem Geschmack der Kunden und bieten das an, was nachgefragt wird. Manchmal haben wir auch „abgedrehte Mode“, weil es Leute gibt, die was suchen, was ganz anders ist.

VF: Ist das Abendkleid für einen bevorstehenden Anlass bei Ihnen auch zu finden?

 

Wolpert: Was wir im Shop haben, ist Alltagskleidung. Wenn aber jemand zu uns kommt und sagt, dass er etwas für einen bestimmten Anlass braucht, schauen wir im Lager, ob wir etwas da haben und suchen es raus. Zu bestimmten Anlässen wie Silvester oder Fasching haben wir auch Abend-Kleidung im Laden im Angebot.

VF: Second-Hand assoziieren viele Menschen mit dreckig und unsauber. Was entgegnen Sie hier?

 

Wolpert: Dreckige und unsaubere Ware kommt bei uns nicht in den Verkauf. Bekommen tun wir solche Kleidung aber von den Menschen. Wenn wir das auf den ersten Blick sehen, geben wir die Kleidung gleich zurück. Wenn die Kleidung sehr dreckig ist, bleibt leider keine andere Möglichkeit als sie zu entsorgen.

VF: Bereiten Sie die Kleidung vor dem Verkauf auf? Waschen, bügeln Sie sie?

 

Wolpert: Ja, vor allem die Wintersachen, die wir jetzt bekommen, wie die Winterjacken waschen wir. Auch helle Hosen waschen wir, die manchmal unten an den Beinen vom Boden angeschwärzt sind. Das lohnt sich bei hochwertigen Stücken schon. Reinigen tun wir die Kleidung aber nicht. Bügeln dagegen schon, denn wir wollen die Ware ja ansprechend präsentieren.

VF: Wo bekommen Sie die Ware her?

 

Wolpert: Von jedermann: ärmeren Leuten, reicheren Leuten oder wenn jemand verstorben ist. Auch Kinderkleidung erhalten wir, wenn die Kinder etwa rausgewachsen sind. Ältere Damen bringen uns auch ihre Kleidung, wenn sie beispielsweise nicht mehr reinpassen, da sich die Figur verändert hat.

VF: Nehmen Sie alles an oder prüfen Sie die Qualität der Ware vor Annahmen?

 

Wolpert: Wir versuchen die Ware zu prüfen, wenn sie kommt. Wir können aber nicht alles prüfen, weil wir es zum Teil säcke- oder kartonweise bekommen. Wenn die Ware nicht zu gebrauchen ist, geben wir sie direkt zurück. Vor allem bei schlechter oder dreckiger Kleidung oder Kleidung, die im Keller war, weil wir uns kein Ungeziefer in den Laden holen wollen. Das Lager muss gepflegt sein.

VF: Aus welchen Gründen geben die Menschen hier ihre Kleidung ab? Spielen Nachhaltigkeit oder Weiterverwertung eine Rolle oder ersparen sich die Leute den Weg zum Altkleider-Container?

 

Wolpert: Die Weiterverwertung spielt schon eine Rolle. Die Menschen möchten nicht, dass ihre Kleidung im Reißwolf landet, sondern dass sie weiter verwendet wird.

VF: Bekommen Sie auch Sachen, die sich nicht zum Verkauf eignen? Wenn ja, was machen Sie damit?

 

Wolpert: Bevorzugt geben wir sie zurück, da wir sie sonst entsorgen müssen. Sachen, die wirklich nur kleine Mängel haben, geben wir weiter wie zum Beispiel an die Teestube der Diakonie.

VF: Und was geschieht mit überschüssiger Ware?

 

Wolpert: Das ist unterschiedlich. Manche Stücke geben wir an die Teestube der Diakonie weiter, andere Stücke, die nicht unseren Anforderungen entsprechen, wie beispielsweise ein Pullover mit Wollmäusen, an eine führende Organisation, die für das ökologische Sammeln, Sortieren und Verwerten von gebrauchten Textilien in Europa zuständig ist. Ziel dieser Organisation ist es, dass gebrauchte Textilien möglichst lange in der Wertschöpfungskette gehalten werden. Überschüssige Kleidung wird bei uns immer gesammelt, um neue Oxfam-Läden in anderen Städten auszustatten. Wir sind bemüht, dass alle Sachen, die wir bekommen, auch weiter verwertet werden und in den Kreislauf kommen.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Stand: Oktober 2015