„Faire Kleidung“ (V.): Faire Kleidung – zwischen „Öko“ und „Geiz“

Im Lebensmittelbereich greifen immer mehr Verbraucher zu Öko-Produkten. Bei Kleidung sieht das oft noch anders aus. Ob und wieso Wunschdenken und praktizierte Realität auseinander liegen, wollte das VerbraucherFenster wissen. Unsere Redakteurin Barbara-Maria Birke hat deshalb mit Greenpeace gesprochen. Im Gespräch erklärt Dr. Kirsten Brodde, wieso Second-Hand-Kleidung nicht dreckig ist und wieso sich immer mehr Firmen einen grünen Anstrich geben.

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Kirsten Brodde

VF: Nachhaltige Kleidung – Wunschdenken oder geübte Praxis?

Brodde: Insgesamt ist der Markt für nachhaltige Kleidung nach wie vor klein – auch in Deutschland. Aber er wächst – und zwar schneller als der für konventionelle Kleidung. Diese Zahlen hat der Verband IVN (Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft) Anfang des Jahres herausgegeben. Danach schrumpfte der Umsatz für konventionelle Mode um 2 Prozent, während der für "grüne Mode" um 5 Prozent zulegte.

VF: Das heißt, die Verbraucher greifen vermehrt zu grüner Mode? Öko ist also „in“ und Geiz nicht mehr „geil“?

Brodde: Die Antwort liegt irgendwo zwischen "Öko ist in" und "Geiz ist geil". Greenpeace-Umfragen unter Eltern und unter Jugendlichen zeigen, dass beide Gruppen sehr gut informiert sind über die Probleme in der Textilindustrie – sowohl die sozialen als auch die ökologischen. Aber während Eltern ganz pragmatisch "grün" handeln und vor allem die Kinderkleidung teilen, Secondhand kaufen und verkaufen, weil es praktisch ist, aber auch, weil sie die Zukunft des Planeten im Blick haben, klafft bei Jugendlichen Wissen und Handeln weit auseinander. Sie kaufen trotz ihres Bewusstseins für die Probleme hinter der Billigkleidung vor allem nach Design, Preis und Marke – es soll cool aussehen, billig sein und möglichst die richtige Marke.

VF: Worin liegen die Gründe für das unterschiedliche Handeln?

Brodde: Bei den Eltern liegt Wissen und Handeln gar nicht so weit auseinander. Bei den Jugendlichen liegt es einfach daran, dass Kaufentscheidungen impulsiv aus dem Bauch heraus getroffen werden. Es sind emotionale Entscheidungen, während das Wissen um die Missstände sehr rational ist und in dem Spaß-Moment des Kaufens oft keine Rolle spielt.

VF: Wenn man den Bereich der Lebensmittel betrachtet, hat sich in puncto Nachhaltigkeit ja bereits einiges verändert. Hier liegt „Öko“ immer mehr im Trend. Wird sich absehbar auch im Kleidungsbereich ein Wandel in der Gesellschaft vollziehen?

Brodde: Ganz sicher setzt sich der Nachhaltigkeitstrend nach dem Essen nun auch in der Kleidung durch. Die Fabrikeinstürze in Asien, allen voran Rana Plaza in Bangladesch, haben das Bewusstsein für die Ausbeutung der Textil-Arbeiterinnen und Arbeiter in der Billigproduktion geschärft. Und die Detox-Kampagne von Greenpeace hat seit ihrem Beginn vor gut vier Jahren das Problem der massenhaft in der Textilproduktion eingesetzten Chemikalien zu Tage gefördert. Entsprechend findet man inzwischen in jeder Textilkette – von H&M bis Zara – ganze Bio-Sparten. C&A hat im Frühjahr seine Kollektion mit dem einfachen Slogan "Nachhaltigkeit" beworben. Und H&M hat sogar kürzlich eine Recycling-Linie in die Läden gebracht. Und Konsumalternativen wie das Tauschen, Leihen und Weitergeben von Kleidung oder Secondhandmärkte werden immer beliebter. Trotzdem ist nachhaltiger Kleidungskonsum in Deutschland noch am Anfang und muss sich noch viel stärker durchsetzen, um wirklich Arbeiter und Umwelt zu schützen.

VF: Was muss aus Ihrer Sicht hierfür passieren?

Brodde: Ich denke, bei den Verbrauchern findet schon ein Bewusstseinswandel statt. Der schlägt sich allerdings noch viel zu wenig in nachhaltigerem Konsumverhalten durch. Aber er wird durchaus in alternativen Konsumtrends -- teilen, tauschen, Secondhand – sichtbar. Es muss eine stärkere öffentliche Aufklärung über diese Möglichkeiten stattfinden. Greenpeace macht seit fast einem Jahr mit einer Kampagne genau diese Konsumalternativen populärer und veranstaltet deutschlandweite Kleidertauschpartys, Ökomodenschauen, Expertentalks zum Thema nachhaltige Mode, erforscht das Konsumverhalten mit Umfragen und Studien und fordert zum Mitmachen als "Konsumbotschafter" auf.

VF: Gerade beim Bereich Second-Hand-Mode hört man aber immer Vorurteile wie „nicht sauber“ oder „nicht gut“. Dies hat ja auch eine Greenpeace-Umfrage zu Tage gebracht, die die Einstellungen junger Leute abgefragt hat.

Brodde: Das Vorurteil hält sich tatsächlich noch immer hartnäckig, gerade unter Jugendlichen. Allerdings ist genau das Gegenteil der Fall: je öfter ein Kleidungsstück gewaschen wurde, desto sauberer ist es! Nach mehreren Waschgängen sind nämlich die schädlichen Chemikalien, mit denen das Teil gefärbt, bedruckt und gegen Schimmel imprägniert wurde, rausgewaschen.

VF: Nachhaltigkeit und teure Labels – geht das gut zusammen?

Brodde: Teure Kleidung ist nicht sauberer als billige. Greenpeace-Tests von Kinderluxus-Mode haben gezeigt: da stecken die gleichen Chemikalien drin wie in günstigen Klamotten, denn die teuren Labels lassen oft in den gleichen Fabriken produzieren. Und während H&M, Zara und sogar Primark Detox-Verpflichtungen abgegeben haben – sich also auf Greenpeace-Druck hin verpflichtet haben, bis 2020 giftfrei zu produzieren – halten sich die Luxus-Firmen bislang vornehm zurück. Außer Burberry und Valentino – die einzigen Luxusfirmen mit Detox-Verpflichtungen – ist keine einzige Marke aus dem Luxus-Segment bereit, auch nur auf die gefährlichsten Chemikalien in der Produktion zu verzichten.

VF: Sie haben das Stichwort gegeben: Detox-Kampagne. Greenpeace verpflichtet führende Modemarken bis 2020 giftfrei zu produzieren. Wie genau sieht das aus und was steckt dahinter?

Brodde: Bei den Detox-Verpflichtungen geht es vor allem um Chemikalien und Abwasser. Die Firmen legen sich auf einen zeitlich gestaffelten Fahrplan fest, nach dem sie Schritt für Schritt aus den elf schädlichsten Chemikaliengruppen aussteigen. Und sie legen nach und nach für alle Fabriken die Abwasserdaten offen, damit die Menschen im Umfeld der Fabriken sich über den Zustand ihrer Wasserressourcen informieren können. Die neueren Verpflichtungen – allen voran die von Tchibo – haben außerdem eine Verantwortung für den gesamten "Lebenszyklus" des Produkts im Programm: Damit sollen die Produkte von vornherein so entworfen werden, dass sie am Ende auch gut wieder recycelt werden können.

VF: Folgen den Absichtserklärungen der Unternehmen auch Taten?

Brodde: Ja, die meisten Firmen haben tatsächlich begonnen, erste Gifte auszusortieren, Klarheit in ihre Lieferkette zu bringen und Abwasserdaten zu veröffentlichen. Firmen wie H&M, Zara oder Adidas sind im Zeitplan, was ihr Entgiftungsversprechen anbelangt. Anders sieht es bei Nike und dem chinesischen Sportartikelhersteller LiNing aus, die ihren Worten bislang kaum Taten folgen lassen. Mehr Infos gibt es auf der Seite "Detox Catwalk", in dem Greenpeace in regelmäßigen Abständen den über 30 Firmen mit Detox-Versprechen auf den Zahn fühlt.

VF: Wieso machen die Firmen das? Weil der Druck so groß ist oder weil sie sich einen grünen Anstrich geben wollen, den sie gegenüber den Kunden präsentieren können?

Brodde: Da wirken sicher beide Faktoren. Zum einen lassen sich Produkte heute einfach besser verkaufen, wenn sie irgendwie nachhaltig sind. Wer will schon viel Geld für einen Adidas-Turnschuh oder ein Kinderkleid ausgeben, in dem Greenpeace schädliche Chemikalien nachgewiesen hat? Da ist es besser, wenn die Firmen glaubhaft machen können, dass ihre Kleidung sauberer wird. Zum anderen zeigt uns grade die Detox-Kampagne, wie viel Druck Greenpeace auch heute noch ausüben kann: Tchibo zum Beispiel hat sich nur einen Tag, nachdem wir die desaströsen Testergebnisse auch von Tchibo-Klamotten veröffentlicht hatten, zum Entgiften bekannt. Das ging sicher auch deswegen so schnell, weil wir am darauf folgenden Tag in über 30 Städten mit den Greenpeace-Gruppen vor den Läden protestieren wollten. So etwas ist nach wie vor ein PR-Desaster für jede Firma.

VF: Wie wirkungsvoll ist die Kampagne?

Brodde: Die Kampagne hat eine enorme Schlagkraft entwickelt. Inzwischen ist etwa 15 Prozent der globalen Textilindustrie ge-"detoxed". International führende Modegiganten wie Adidas, H&M, Zara, Primark, Esprit, C&A, aber auch Discounter wie Aldi, Lidl oder Penny und Textillieferanten aus Italien haben sich dem Druck der Kampagne gebeugt und versprochen, in ihrer Lieferkette aufzuräumen.

VF: Danke für das Gespräch.

Stand: Oktober 2015