„Faire Kleidung“ (I.): „Geiz ist nicht geil“ – Billige Kleidung teuer erkauft

„Geiz ist geil“: je billiger, desto besser. Diese Mentalität ist bei vielen Verbrauchern Alltag. Das gilt nicht nur für Lebensmittel, Elektrogeräte oder Möbel, sondern vor allem auch für Kleidung. Die Rahmenbedingungen hinterfragen dabei die wenigsten. Ein Blick hierauf ist aber zwingend angebracht. Billiglöhne, schlechte Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern und negative Auswirkungen auf die Umwelt: all dies ist der Preis für billige Kleidung.

Jeans blau Geschaeft Nathalie P - fotolia.com_.jpg

Jeans im Sonderangebot in einem Geschäft

Die Hessische Nachhaltigkeitsstrategie beschäftigt sich intensiv mit der Nachhaltigkeit in vielen Lebensbereichen. Nachhaltige Mode ist ein Bereich davon. In unserer Serie „Faire Kleidung“ wollen wir Ihnen zeigen, welchen Preis „Billigkleidung“ mit sich bringt, wie die Deutschen zu „Öko“-Kleidung stehen und wieso „Öko“ nicht uncool sein muss. Im ersten Teil der Serie berichten wir darüber, welche Folgen es hat, wenn Kleidung wie ein Wegwerf-Produkt gebraucht wird.

Niedrigpreise animieren die Käufer zu regelrechten Beutezügen

Wenn der Rock nur 5 Euro gekostet hat, freut das den Verbraucher, die Umwelt eher weniger. Das hat mehrere Gründe: natürliche Ressourcen wie Baumwolle und Erdöl werden im Übermaß verbraucht und Ökosysteme wie unsere Gewässer vergiftet.

Günstig ist „in“ – so kommt es, dass schon Jugendliche regelrechte Beutezüge durch die diversen Bekleidungsgeschäfte starten. Ihre Einkäufe präsentieren sie dann wie Trophäen der You-Tube- und Netzgemeinde. Das Fatale: Viele tragen diese Kleidung nur einmal oder wenige Male, um bald schon wieder auf Schnäppchenfang zu gehen, weil sich die Mode geändert hat oder das vermeintliche Schnäppchen in Puncto Qualität Tribut zollen musste.

Ein T-Shirt kostet so viel wie ein Baguette

Modeketten gehen diesen Trend mit und produzieren ständig neue Kleidung in immer kürzeren Abständen. Neue Kollektionen treffen nicht mehr nur zwei Mal pro Jahr, sondern mehrmals jährlich ein. Da ein T-Shirt kaum mehr kostet als ein belegtes Baguette, kaufen die Kunden. Bei einem Rock für 5 Euro kann man keine großen Verluste eingehen, im Zweifel wird eben weggeworfen oder neugekauft. Die Auswahl ist ja groß genug. Auch Baumwoll-T-Shirts kommen in den Läden in Massen wie Äpfel oder Birnen vor. Noch.

Massenproduktion führt zur Endlichkeit von Rohstoffen, Wasser und Energie

Künftig könnte dies anders aussehen, alleine schon aufgrund der Endlichkeit der Ressourcen. Baumwolle wird in den kommenden Jahren knapper, zum einen, weil weniger angebaut wird und zum anderen, weil auch der Klimawandel hier mit reinspielt, und auch das Erdöl, die Basis von Polyester, ist nicht unbegrenzt verfügbar. Die Natur bringt die Massenproduktion somit an Ihre Grenzen und zwingt auch Firmen zu handeln. Die begrenzte Verfügbarkeit der Ressourcen könnte dazu führen, dass Kleidung teurer wird.

Nachwachsende Rohstoffe als Alternative

Viele Anbieter setzen daher auf Fasern aus nachwachsenden Rohstoffen, wie beispielsweise Viskose, die auf Basis von Holz hergestellt wird. Diese Pflanzenfasern wachsen schnell nach, brauchen aber nicht so viel Anbaufläche wie Baumwolle. Zudem sind diese Fasern langlebiger. Knapp sechseinhalb Kilogramm Fasern für Bekleidung verbraucht jeder Mensch auf der Erde laut Andreas Engelhardts „Schwarzbuch Baumwolle“ durchschnittlich im Jahr. Grund genug für jeden Einzelnen, darüber nachzudenken, ob langlebige Kleidung kurzlebigen Modetrends nicht vorgezogen werden sollte.

Textilproduktion verschlingt Millionen Liter Wasser

Der Verbrauch von Rohstoffen wie Baumwolle oder Erdöl ist das eine, das andere ist der Wasserverbrauch, welchen die Produktion der Kleidung mit sich bringt, insbesondere beim Anbau von Baumwolle. Laut WWF verschlingt die Produktion eines Kilogramms Baumwollfasern 22.000 bis 25.000 Liter Wasser.

Giftige Chemikalien belasten Wasser

Neben dem enormen Wasserverbrauch hat die Textilproduktion noch eine gravierende Konsequenz: sie belastet das Wasser massiv. Laut Greenpeace vergiftet die rasant wachsende Textilindustrie die Trinkwasserressourcen in asiatischen Produktionsländern enorm: allein in China sind laut Greenpeace 320 Millionen Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser. Über 60 Prozent der Trinkwasserreserven der großen Städte Chinas sind verschmutzt.

Wie das kommt? Bei der Textilproduktion werden unterschiedliche Chemikalien eingesetzt wie Farbstoffe, Bleichmittel und Färbebeschleuniger, die dafür sorgen, dass Kleider griffiger werden, mehr glänzen und weniger knittern. Diese positiven Aspekte werden durch die Folgen für die Umwelt aufgehoben: die gefährlichen Stoffe, die ins Abwasser der Fabriken gelangen, sind krebserregend, hormonell wirksam oder giftig für die im Wasser lebenden Arten.

Textilherstellung macht die Menschen in den produzierenden Ländern krank

Die Textilproduktion hat auch Auswirkungen auf die Menschen in den Fabriken. Bei der Sandstrahl-Methode etwa, mit der neue Jeans behandelt werden, damit sie abgetragen aussehen - sogenannter Used-Look - atmen die Arbeiter Quarz ein, das die Lunge angreift. „Die Zeit“ berichtet, dass Unternehmen wie H&M und das Jeanslabel Levis Strauss sich infolge heftiger Kritik verpflichteten, diese Methode nicht mehr anzuwenden, die Sozialstandards sich jedoch kaum verändert hätten.

Lohn reicht kaum zum Überleben

Hinzu kommt die soziale Komponente. Laut Spiegel verdienen in Kambodscha, einem der produktivsten Billigländer der globalen Textilindustrie, Arbeiterinnen und Arbeiter auf der untersten Stufe 100 Dollar Monatsgehalt für acht bis zwölf Stunden pro Tag, sechs Arbeitstage pro Woche. Ein Lohn, mit dem man kaum den Lebensunterhalt bestreiten kann.

Das Medienmagazin „pro“ (Wetzlar) lies Augenzeugen der Situation in Kambodscha zu Wort kommen. „Während in den Fabriken Näherinnen angestellt sind, leisten die Bewohner der Slums die Kleinst-Arbeiten. Die Hosen wurden in den Slum gebracht und die überstehenden Nähte von den Leuten dort abgeschnitten“, heißt es in dem Beitrag der Journalistin Swanhild Zacharias. Insgesamt seien etwa 500.000 kambodschanische Frauen in der Textilindustrie tätig, die Arbeiter im Slum nicht mitgerechnet. Sie nähen für bekannte Marken. Oft müssten auch die Kinder mit anpacken.

Im Januar 2013 gingen viele Näherinnen auf die Straße, um für höhere Löhne zu demonstrieren. Sie forderten eine Bezahlung von 160 Dollar, etwa 630.000 Riel. Das sei die berechnete Untergrenze, um das Existenzminimum in Kambodscha zu sichern, heißt es in einem Artikel der Non-Profit-Organisation RH Reality Check. Das Militär schlug die Proteste jedoch blutig nieder.

Neben mangelnder Entlohnung und schlechten Arbeitsbedingungen kommt auch mangelnde Sicherheit für das Personal am Arbeitsplatz hinzu. Eine der größten und beispiellosesten Katastrophen hat sich am 24. April 2013 in Bangladesch abgespielt. Dort stürzte die Fabrik von Rana Plaza ein, 3000 Textilarbeiter wurden verschüttet, 1.345 starben.

Zahlen, die aufrütteln. Die zur Frage führen, ob der Weg-Werf-Konsum noch angebracht ist oder nicht ein Umdenken im Kopf jedes Einzelnen erfolgen sollte.

Chemie in der Kleidung kann zu Kontaktallergien führen

Die negativen Auswirkungen spüren nicht nur die anderen, die weit weg sind, sondern im schlimmsten Fall der Käufer hierzulande. Nach Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) wurde bei ein bis zwei Prozent der Allergiepatienten in Kliniken die Allergie durch den Kontakt mit der Kleidung hervorgerufen. Die Gesundheitsgefahr durch Textilien wächst besonders, wenn man ständig neue trägt, weil Schadstoffe in neuen Textilien konzentriert vorliegen. Nachdem die Kleidung drei- bis zehnmal gewaschen ist, sind die Rückstände ausgewaschen.

Nachhaltige Kleidung scheint angesichts dieser Zahlen das Maß aller Dinge: aber was verbirgt sich überhaupt dahinter? Das erfahren Sie im zweiten Teil der Serie.

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Stand: August 2017