Verbrauchsmessung bei Neuwagen – Hersteller tricksen beim Normverbrauch

Das Frühjahr ist traditionell die Jahreszeit mit saisonbedingt hohen Zulassungszahlen für neue Autos. Von besonderem Interesse für Verbraucher beim Erwerb eines neuen fahrbaren Untersatzes ist neben Leistung und Optik der Spritverbrauch. Ein offenes Geheimnis und gleichsam ärgerlich ist, dass dieser mehr oder weniger stark von den Werksangaben abweicht. Die Hersteller können jedoch bislang völlig mit den Normverbräuchen tricksen.

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Liste mit Verbrauchswerten für Pkw in einem Autohaus

Der im Hochglanzprospekt des Fahrzeugherstellers ausgewiesene Spritverbrauch Ihres in Blech gegossenen Traums beträgt weniger als fünf Liter pro 100 Kilometer. „Das ist knapp die Hälfte dessen, was meine alte Rostlaube verbraucht“, denkt gar mancher, und bestellt sich das neue Auto auch in der Hoffnung, künftig deutlich weniger Geld an der Tankstelle lassen zu müssen. Kaum hat man den ersten Tank mit dem neuen Vehikel leer gefahren, folgt die Ernüchterung an der Zapfsäule: gut acht Liter pro 100 Km hat sich das neue Auto genehmigt, und das trotz sparsamer Fahrweise. Beim Händler mit Hinweis auf den Normverbrauch zu reklamieren ist wohl wenig Erfolg versprechend: man wird vermutlich auf die nach dem „NEFZ“ durchgeführte Verbrauchsmessung hingewiesen, welche Werte hervorbringt, die lediglich so genannten „Vergleichszwecken“ dienen. Im Kleingedruckten ist das auch so oder ähnlich nachzulesen. Aber was bedeutet das im Klartext?

Was ist NEFZ?

NEFZ steht für „Neuer Europäischer Fahrzyklus“. Diese unter Laborbedingungen ermittelten NEFZ-Werte sind in der Praxis jedoch kaum zu erzielen. So werden während der 11 (elf!) Kilometer langen Verbrauchsfahrt beispielsweise weder die Beleuchtung, noch die Heizung oder die Klimaanlage, geschweige denn die Sitzheizung, das Radio oder andere „Energiefresser“ eingeschaltet. Auch die Beladung eines Fahrzeugs unter Alltagsbedingungen wird nicht einberechnet. Und wenn Sie Ihren Wagen nicht mit der schmalbrüstigen Serienbereifung sondern mit „anständigen Schlappen“ ausgerüstet haben, zahlen Sie für diesen Luxus zweimal. Der Normverbrauch wird nämlich unter Zugrundelegung der Standardbereifung ermittelt. Summa summarum wird so aus Ihrem erhofften 5-Liter-Auto auch ohne „Bleifuß“ ganz schnell wiederum ein Spritfresser, den Sie ja eigentlich gehofft hatten, durch den Fahrzeugwechsel los zu werden.

Ablösung in Sicht

Diese Trickserei der Autohersteller soll nun bald ein Ende haben. Der nicht mehr ganz so „neue“ Europäische Fahrzyklus soll ab 2017 schrittweise durch die „Worldwide Harmonized Light Vehicle Test Procedures“ (WLTP) abgelöst werden. Nach diesem dann weltweit einheitlichen Standard werden Spritverbrauch und Abgasverhalten geprüft. Die Einführung eines neuen Standards wird aufgrund der verschärften CO2-Grenzwerte nötig und soll den Verbrauchern ermöglichen, die Verbrauchswerte von Neuwagen realistischer betrachten und vergleichen zu können.

Was des einen Freud‘, ist des anderen Leid

Zwar hat der WLTP für Autokäufer den Vorteil, dass die bislang schöngerechneten Labor-Verbräuche des NEFZ bald Vergangenheit sein können. Aber: Die Automobilbranche mahnt bereits deutlich steigende Preise, vor allem für Kleinwagen, an. Denn durch die viel schärferen Emissionsgrenzwerte werden die Automobilwerke dazu gezwungen, durch Leichtbau, Hybrid-Technologie und Reduzierung von Hubraum und Zylindern weitreichende Neuentwicklungen zu konzipieren. Dadurch werden vor allem kleinere Fahrzeuge im Verhältnis teurer. Zudem besteht noch erhebliche Unsicherheit, welche Auswirkungen die neue Gesetzgebung genau haben wird, weshalb einige Hersteller die Entwicklung neuer Antriebstechniken zunächst auf Eis gelegt haben und abwarten. Wenn Sie mit Ihrem Autokauf nicht abwarten wollen oder können, haben wir im folgenden Abschnitt einige Tipps für Sie zusammengestellt.

Worauf sollten sich Autokäufer einstellen?

Zunächst gilt die Binsenweisheit: Papier ist geduldig. Vertrauen Sie deshalb nicht blind auf die abgedruckten Verbrauchswerte, sondern fragen Sie in jedem Fall den Vertragshändler nach dem „echten“ Spritverbrauch des Wunschfahrzeugs. Verkäufer oder Werkstattleiter können Ihnen vermutlich realitätsnahe, auf Erfahrung basierende Zahlen nennen, außerdem haben Sie fast immer die Möglichkeit einer Probefahrt. Nehmen Sie diese wahr, und fahren Sie eine angemessene Strecke. Sind Sie ein „guter“ bzw. dem Autohaus bekannter Kunde, wird man Ihnen unter Umständen das Probefahrzeug sogar für ein Wochenende überlassen.

Wie den Verbrauch messen?

Vor Fahrtbeginn setzen Sie im Bordcomputer den Verbrauchszähler zurück, nach Beendigung der Probefahrt können Sie den Verbrauch dort ablesen. Eine andere, unter Umständen exaktere Möglichkeit den Verbrauch je 100 Kilometer zu errechnen ist folgende: Bestehen Sie darauf, den Vorführwagen vollgetankt zu übernehmen. Setzen Sie sodann den Tageskilometerzähler auf Null. Nach Beendigung der Probefahrt lesen Sie den Kilometerzähler ab, tanken den Wagen voll und teilen die Anzahl Liter des getankten (=verbrauchten) Sprits durch die Anzahl der gefahrenen Kilometer und multiplizieren diese Zahl mit 100.

Probefahrt? Ab nach Hause!

Empfehlenswert ist es, bei der Probefahrt die „Hausstrecke“ zu fahren – also beispielsweise vom Händler zu Ihrem Wohnort, von dort zur Arbeitsstelle und wieder zurück. Langweilig, meinen Sie? Mag sein, aber diese Strecken machen den größten Teil der Jahresfahrleistung aus und sind daher ideale Berechnungsgrundlage für Ihre individuelle Verbrauchsermittlung. Stellen Sie dabei im Sommer die Klimaanlage und im Winter die Heizung sowie die Sitzheizung an, machen Sie das Radio und ggf. das Navi an. Schalten Sie außerdem (auch bei Tage) die Beleuchtung ein und fahren Sie so, wie es Ihren üblichen Fahrgewohnheiten entspricht. Achten Sie in jedem Fall darauf, dass auf Ihrer Probefahrt sowohl Strecken mit Stadtverkehr als auch Überlandfahrten (Landstraße, Autobahn) vorkommen. Auf diese Weise kommen Sie der Ermittlung eines realistischen Verbrauchswertes recht nahe.

Stand: April 2015