Autounfall: Wenn’s im Urlaub kracht

Viele sind im Urlaub mit dem Auto unterwegs. Schätzungen zufolge geraten jedes Jahr rund 150 000 Autofahrer im Ausland in einen Unfall. Das VerbraucherFenster hat einen Versicherungsexperten interviewt, der weiß, was zu tun ist, wenn´s passiert ist.

Verkehrsunfall Andrea Seemann - fotolia.com_.jpg

Verkehrsunfall mit zwei Autos, Feuerwehr räumt die Straße

Interviewpartner ist Günter Weidemann, Sprecher des Bezirks Gießen im Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK). 

VF: Herr Weidemann, nach Schätzungen haben jedes Jahr rund 150 000 Autofahrer das Pech im Ausland in einen Unfall zu geraten. Dann sind meist nicht nur die weiteren Urlaubspläne hinfällig, sondern die Unfallopfer müssen sich noch in einer fremden Sprache mit versicherungstechnischem Hickhack herumschlagen. Welche Tipps können Sie den Autofahrern geben, wenn es gekracht hat?

Weidemann: Grundsätzlich empfiehlt es sich in osteuropäischen Ländern wie Polen, der Slowakei und Tschechien die Polizei zu alarmieren, weil häufig das polizeiliche Unfallprotokoll als Grundlage für die Regulierung genommen wird. Man sollte sich auch eine Protokoll-Durchschrift geben lassen und auf keinen Fall ein unüberlegtes Schuldanerkenntnis - noch dazu in einer fremden Sprache - abgeben. Das schmälert nämlich drastisch die Chancen auf einen Schadensersatzanspruch gegenüber der ausländischen Versicherung.

VF: Was ist, wenn es auch Verletzte gegeben hat?

Weidemann: Ist man selbst verletzt worden, ist es sehr ratsam zeitnah einen Arzt im Reiseland aufzusuchen und sich ein Attest ausstellen zu lassen. Das kann später Grundlage für einen Anspruch auf Schmerzensgeld sein.

VF: Was ist am Unfallort noch hilfreich für eine spätere zügige Abwicklung mit der Versicherung?

Weidemann: Sinnvoll ist es, einen zweisprachigen „Europäischen Unfallbericht“ zu verwenden, der im Internet für das jeweilige Reiseland vorher kostenlos heruntergeladen werden kann. Außerdem empfiehlt es sich, nach der „Grünen Karte" des Unfallgegners zu fragen, die als internationaler Versicherungsnachweis gilt.

VF: Welche Hilfe kann man aus Deutschland aktivieren?

Weidemann: Ein Anruf nach Deutschland lohnt sich. Aus dem Ausland erreicht man den Zentralruf der Autoversicherer unter Tel. 0800 250 2600 (kostenfreie Servicenummer) sowie unter Tel. 0049 40 300 330 300 (aus dem Ausland).

Anhand des Kfz-Kennzeichens kann man dort erfahren, a) welche Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallgegners zuständig ist und b) welche Bedingungen (z. B. eine Unfallbegutachtung) diese ggf. stellt.

Außerdem sollte man die eigene Autohaftpflichtversicherung benachrichtigen und den Schaden umgehend, spätestens aber innerhalb einer Woche melden.

VF: Die Regulierung von Unfällen im Ausland dauert in der Regel viel länger als im Inland. Wie kommt man zu seinem Recht?

Weidemann: Damit man wegen der Sprachprobleme und der Unkenntnis der Rechtsgepflogenheiten im Unfallland seine eigene Rechtsposition nicht unwissentlich schmälert, empfiehlt es sich, einen mit dem ausländischen Recht vertrauten Rechtsanwalt zu beauftragen. Die meisten Rechtsschutzversicherer übernehmen nach Rücksprache dafür auch die Kosten.

VF: Kann ich bereits zu Hause Vorsorge treffen, um bei einem Unfallschaden, - möglicherweise sogar noch mit geschädigten Personen - nicht „leer“ auszugehen?

Weidemann: Einige inländische Kfz-Versicherungen bieten als Zusatzleistung zur bestehenden Kfz-Versicherung für einen zweistelligen Jahresbetrag einen „Auslandsfahrtenschutz“ an. Dieser leistet Schadensersatz für Personen- und Sachschäden nach deutschem Recht von der eigenen Versicherung. Bei Detailfragen helfen die Versicherungskaufleute.

VF: Aus all dem wird klar: Die Regulierung von Unfällen im Ausland ist noch ärgerlicher und langwieriger als hierzulande. Was tun, wenn gar nichts mehr geht?

Weidemann: Unfallopfern bleibt folgende Möglichkeit: Reagiert die ausländische Versicherung innerhalb von drei Monaten nicht oder nicht angemessen, kann sich der Geschädigte an die nationale Entschädigungsstelle, die Verkehrsopferhilfe in Berlin, wenden. Internet: www.verkehrsopferhilfe.de

VF: Vielen Dank.

Stand: Juni 2016