Honigbienen schwärmen

Wollen Sie Hobby-Imker werden? Sie wären in guter Gesellschaft. 2010 gab es in Hessen rund 7.500 Imkerinnen und Imker, heute sind es schon 10.000. Einer davon ist Dieter Schott (Idstein). Im VerbraucherFenster erklärt er Monat für Monat die Grundlagen, was der Bienenzüchter zu tun hat und wie er aktuell mit „Corona“ umgeht. Kommen Sie mit auf eine spannende Reise durchs Bienen-Jahr.

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Bienenschwarm an einem Ast

Jedes Lebewesen will sich vermehren. Bei den Honigbienen ist das nicht anders. Allerdings wollen sich nicht die einzelnen Bienen vermehren, sondern das Bienenvolk an sich, der sogenannte Bien. Irgendwann im Frühjahr entscheiden die Arbeiterinnen eines Volkes, dass die Zeit für die Vermehrung gekommen ist. Sie fangen an, einige Maden der Arbeiterinnenbrut mit Königinnenfuttersaft zu füttern, dem Gelée Royale. Aus diesen Maden entwickeln sich neue Königinnen.

Alte Königin, neue Königin

Sobald die alte Königin merkt, dass ihre Arbeiterinnen neue Königinnen nachziehen, bereitet sie sich auf den Auszug aus ihrem Bienenstock vor. Zusammen mit der Hälfte der Arbeiterinnen wird sie schwärmen und anderswo ein neues Volk gründen, wenn der Imker nicht eingreift. Die frisch geschlüpfte Königin übernimmt dann die zurückgebliebenen Arbeiterinnen und Drohnen der alten Königin und führt deren Volk weiter. Aus einem Bien sind zwei geworden, das Volk hat sich vermehrt.

Was macht der Imker?

Der Imker muss für sich entscheiden, wie er mit dem natürlichen Schwarmtrieb seiner Völker umgehen will. Er kann die Völker schwärmen lassen und die Schwärme nach Möglichkeit wieder einfangen. Oder er kann den Schwarmtrieb nutzen, um für sich neue Völker nach zu ziehen, ohne dass die Völker tatsächlich schwärmen. Schließlich kann er auch versuchen, den Schwarmtrieb so weit wie möglich zu unterbinden und nachgezüchtete Königinnen einsetzt. Die meisten Imker versuchen den Schwarmtrieb so weit wie möglich zu kontrollieren und Schwärme erst gar nicht entstehen zu lassen.

Alle Betriebsweisen haben Vor- und Nachteile: Lässt der Imker seine Völker schwärmen, bedeutet das viel Arbeit beim Wieder-Einfangen der Schwärme. Auch ist der Zeitpunkt des Schwärmens nicht planbar. Hier ist Spontaneität und möglichst freie Zeiteinteilung gefragt. Ist ein Volk geschwärmt, bedeutet das in aller Regel eine deutlich niedrigere Honigernte: Der Schwarm nimmt zu seiner „Erstversorgung“ einen Teil des Honigs mit und das zurückgelassene Volk muss mit der neuen Königin erst einmal wieder neue Arbeiterinnen nachziehen, die Nektar sammeln können. Wird das Schwärmen vollständig unterbunden, verliert das Volk einen Teil seines natürlichen Verhaltensrepertoires.

Was passiert beim Schwärmen?

Die Königin verlässt den Bienenstock zwei Mal in ihrem Leben: Das erste Mal nachdem sie geschlüpft ist und sie begattet wird und das zweite Mal zum Schwärmen. In der Zwischenzeit ist ihr Körper einzig darauf ausgerichtet, Eier zu legen. Sie wird schwerer und träge. Will sie schwärmen, d.h. aus dem Stock herausfliegen, muss sie wieder kleiner und leichter werden. Dies gelingt ihr, in dem sie aufhört, Eier zu legen und weniger Futter zu sich nimmt.

Kurz bevor die neue Königin schlüpft verlässt die alte Königin, meist an einem sonnigen Tag in den späten Stunden des Vormittags, zusammen mit einigen Tausend oder Zehntausend Arbeiterinnen den Bienenstock. Die Bienen fließen förmlich aus der Öffnung des Stocks und bilden vor dem Stock eine große Wolke aus Bienen. Es summt und braust überall - sehr beeindruckend. Sind alle Bienen draußen, suchen sie sich zusammen einen Ort in der Nähe des Bienenstocks, an dem sie sich erst einmal niederlassen, die Königin in der Mitte und alle Arbeiterinnen außen herum. Zusammen hängen sie in einer Traube. So bleiben sie jetzt erst einmal für die nächsten Stunden sitzen, bis sie sich entschieden haben, wo sie ihr neues Zuhause errichten wollen.

Bienenschwarm in einem Baum

Was macht der Imker?

Egal ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt: Ist der Schwarm abgegangen, ist genau jetzt, wo die Bienen noch in der Nähe des alten Stockes sind, der richtige Zeitpunkt, ihn wieder einzufangen. Alle Arbeiterinnen haben sich vor dem Auszug mit Honig vollgesaugt und sind friedlich. Der Imker kann die Bienentraube vorsichtig mit etwas Wasser einsprühen, einen großen Eimer oder Kasten unter die Traube stellen und sie mit einem leichten Schlag auf den Ast, um den sie sich gruppiert haben, in den Eimer oder Kasten abschlagen. Jetzt fehlt nur noch, dass der Schwarm in eine neue Bienenbeute überführt wird und mit ein bisschen Glück hat der Imker ein neues Volk.

Und auch für Nicht-Imker, die das Glück haben, zufällig einen Bienenschwarm zu erleben, gilt: Keine Angst, Schwärme sind fast immer sehr friedlich. Nicht zu nahe kommen ist sicherlich gut, vielleicht gelingt es mit ein wenig Abstand aber trotzdem, dieses faszinierende Schauspiel zu beobachten.

Demokratie im Bienenvolk

Sobald das geschwärmte Volk sich in der Traube niedergelassen hat, fliegen einzelne sogenannte Spurbienen aus, die nach einem neuen Zuhause suchen. Haben sie in einem Umkreis von etwa zwei Kilometern einen hohlen Baum, einen Hohlraum im Dach einer Scheune oder eine andere geeignete Stelle gefunden, kommen sie zu der Traube zurück und „berichten“ dem Volk davon. Daraufhin fliegen auch andere Bienen zu dem gefundenen Ort und begutachten ihn. Je mehr Bienen zu einem Ort hinfliegen, desto weiter steigt er in der Beliebtheit. Ist sich das Volk schließlich einig, erhebt sich der gesamte Schwarm und es geht zu dem neuen Zuhause.

Leider finden sich in unserer durchorganisierten Landschaft nicht mehr viele Orte, die für ein natürliches Zuhause freilebender Bienenvölker geeignet sind. Viele Schwärme, die nicht eingefangen werden, sterben spätestens im folgenden Winter.

Was macht der Imker?

Imker, die ihre Völker nicht schwärmen lassen wollen, müssen in der Zeit von Mitte April bis Ende Juni ihren Völkern wöchentlich einen Besuch abstatten. Hierbei kontrollieren sie in jedem Volk, ob dieses Königinnenzellen bildet und sich damit auf das Schwärmen vorbereitet. Königinnenzellen sind wesentlich größer als Arbeiterinnen- oder Drohnenzellen und hängen wie eine Nase an oder unter den Waben. Findet der Imker Königinnenzellen, entfernt er diese und versucht das Volk durch weitere Maßnahmen davon ab zu bringen, weitere Königinnenzellen zu bauen. Hierzu kann zum Beispiel gehören, dass der Imker einige Waben mit Brut aus dem Volk entnimmt und mit diesen eigenständig ein neues Volk bildet. Damit simuliert er das Schwärmen: Das schon bestehende Volk verliert Brut und Arbeiterinnen und es entsteht ein neues Volk, das sich aus der Brut des alten Volkes selbstständig eine eigene Königin heranzieht.

Königinnenzelle nach dem Schlupf der Königin

Imkern und Corona

Gerade in der Schwarmzeit ist Kommunikation das A und O. Zum einen muss der Imker allen, die einen Schwarm noch nie gesehen haben, die Angst vor diesem nehmen, zum Anderen versucht er, seinen Schwarm wieder einzufangen und muss dafür vielleicht auch mal ein fremdes Grundstück betreten. Das dürfte er sogar, ohne den Grundstückeigentümer dafür um Erlaubnis zu fragen (§ 962 des Bürgerlichen Gesetzbuches, „Der Eigentümer des Bienenschwarms darf bei der Verfolgung fremde Grundstücke betreten“), trotzdem steht an erster Stelle natürlich immer das Gespräch mit dem Eigentümer. Auch in Zeiten von Corona gilt also: Der Kontakt, das Gespräch und das Miteinander – mit ein bisschen mehr Abstand, vielleicht auch mit einem Mundschutz - stehen an erster Stelle!

Im nächsten Teil der Serie geht es um das was wir alle Dank der Bienen genießen können. Honig: Ernte, Sorten und Besonderheiten. (scho)

Stand: April 2020