Der Abschluss des Bienenjahres

Wollen Sie Hobby-Imker werden? Sie wären in guter Gesellschaft. 2010 gab es in Hessen rund 7.500 Imkerinnen und Imker, heute sind es schon 10.000. Einer davon ist Dieter Schott (Idstein). Im VerbraucherFenster erklärt er Monat für Monat die Grundlagen der Bienenhaltung. Kommen Sie mit auf eine spannende Reise durchs Bienen-Jahr.

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Arbeiterin der westlichen Honigbiene, Apis mellifera carnica

Wir Menschen genießen den Sommer gerade in vollen Zügen und der nächste Winter ist für uns noch sehr fern. Bienen sind da schon längst weiter: Nachdem die Tracht eingebracht ist und in den meisten Regionen Deutschlands und Mitteleuropas jetzt auch fast keine Blühpflanzen mehr zu finden sind, kümmert sich der Bien vor allem um die Vorbereitungen für den nächsten Winter.

Der nächste Winter kommt bestimmt

Etwa ab Oktober fliegen Bienen nur noch aus, um ihre Kotblase zu entleeren, Wasser zu holen oder einmal „nach dem Rechten zu sehen“. Pollen und Nektar gibt es dann schon lange nicht mehr. Außerdem ist es im Oktober für Bienen meistens schon zu kalt, zu regnerisch oder zu windig, um weitere Strecken zu fliegen. Also muss bis zum Herbstanfang alles, was das Bienenvolk für die kalten Monate benötigt, schon im Bienenstock eingelagert sein. Und das Volk muss sich von allem, was nicht unbedingt notwendig ist, getrennt haben.

Auch Bienen haben Futterneid

Der von den Bienen eingelagerte Honig dient dem Volk eigentlich als Futterreserve für die blüten- und damit nektarlose Zeit. Entnimmt der Imker den Honig, muss er dem Volk einen Ersatz geben. Meistens ist dies einfach Zuckerwasser. Das kann er entweder als Zuckersirup fertig angemischt kaufen oder aus ganz normalem Haushaltszucker selbst herstellen. Dieses Zuckerwasser stellt der Imker in einem großen Eimer direkt in das Bienenvolk. Die Arbeiterinnen entnehmen das Zuckerwasser und lagern es wie Nektar in den Waben ein. Das Wasser wird verdunstet und zurück bleibt fast trockener Zucker. Zum Schluss wird die Wabe mit einer dünnen Wachsschicht verschlossen und fertig ist die Konserve für den Winter. Auf diese Weise legt jedes Volk einen Futtervorrat von zehn bis zwanzig Kilo Zucker an.

Wichtig bei der Fütterung ist, dass der Imker darauf achtet, möglichst wenig Zuckerwasser zu verschütten und alle Völker eines Standortes gleichzeitig zu füttern: Da es im Spätsommer und Herbst keinen Nektar mehr zu sammeln gibt, räubern die stärkeren Völker gerne die schwächeren aus. Hat die Räuberei an einem Standort erst einmal begonnen, leiden die schwächeren Völker darunter sehr und der Imker hat auch keine Freude mehr am Umgang mit seinen Bienen: Sie verteidigen das Futter gerne mit dem ein oder anderen Stich.

Lebt auf der Biene: die Varroamilbe

Die Varroamilbe ist seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bekannt. Sie lebt als Parasit auf der Honigbiene, saugt ihre Lymphe und überträgt dabei diverse Krankheiten. In ihrer Heimat im tropischen Ost- und Südostasien haben sich die dortigen Honigbienen an diesen Parasiten angepasst. Sie werden zwar auch befallen, können die Milbe aber aus eigener Kraft in Schach halten.

Nach Europa wurde der Parasit das erste Mal vor etwas über einhundert Jahren eingeschleppt. In Deutschland kommt er seit den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts vor, inzwischen ist er so verbreitet, dass es hierzulande vermutlich keinen Imker mehr gibt, der keine Varroa in seinen Völkern hätte. Die in Westeuropa gehaltenen Bienen sind diesem Parasiten mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert. Deswegen ist es Aufgabe und laut Bienenseuchenverordnung sogar Pflicht des Imkers, Behandlungen gegen die Varroamilbe durchzuführen. Hierfür kommen entweder chemisch-synthetische Mittel zum Einsatz oder organische Säuren, allen voran Ameisensäure. Sie wird über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen im Bienenvolk verdampft, indem sie sehr langsam auf ein Stück Zellstoff tropft. So entstehen im Bienenvolk Ameisensäure-Dämpfe, die dazu führen, dass die Varroamilbe von den Bienen abfällt und stirbt. Wichtig hierbei ist, dass eine Varroabehandlung erst nach der Honigernte geschieht, damit keine Rückstände in den Honig übergehen. Eine angemessene Behandlung gegen die Varroamilbe ist neben der Einfütterung die wichtigste Arbeit des Imkers im Spätsommer.

Varroamilben auf einer noch nicht geschlüpften Biene
Varroamilben auf einer noch nicht geschlüpften Biene

Drohnen im Winter? Braucht das Volk nicht!

Drohnen sind die männlichen Bienenwesen des Bienenvolks. Einzige Aufgabe von ihnen ist es, frisch geschlüpfte Königinnen zu begatten. Diese Begattungen finden während der Begattungsflüge der Königin statt. Bienen fliegen im Herbst nicht mehr und damit können auch keine Königinnen mehr begattet werden. Somit sind Drohnen aus Sicht des Volkes nur noch unnütze Esser, die nicht über den Winter gebracht werden müssen. Etwa im August findet deswegen die sogenannte Drohnenschlacht statt: Arbeiterinnen verscheuchen die Drohnen aus dem Volk und die Wächterbienen am Eingang lassen die Drohnen nicht mehr ein. Nachdem die Drohnen sich nicht selbst versorgen können, verhungern sie.

Auch wenn das erst einmal grausam erscheint, ist dieses Verhalten aus Sicht des Bienenvolkes, des Biens, nur folgerichtig: Drohnen können im Frühjahr nachgezogen werden. Die Überlebenswahrscheinlichkeit für den Bien im Winter erhöht sich jedoch stark, wenn das vorhandene Futter für die Arbeiterinnen, die die Königin über den Winter bringen wollen (also füttern und wärmen müssen), nicht noch mit Drohnen geteilt werden muss: Wenn zu wenig Futter vorhanden ist und die Königin deswegen stirbt, stirbt das ganze Volk. Für die Natur ein viel schwerer Verlust als der Verlust der Drohnen im Herbst.

Das Volk schrumpft

Zur Zeit der Sommersonnenwende besteht ein Bienenvolk aus bis zu 50.000 Bienen. So viele Bienen können und müssen natürlich nicht über den Winter gebracht werden. Also fängt die Königin schon im Sommer an, weniger Eier zu legen. Auch werden die Larven ab August mit etwas anderem Futter aufgezogen, sodass die sogenannten Winterbienen heranwachsen.

Winterbienen sind im Gegensatz zu den Sommerbienen nicht so fleißige Nektarsammlerinnen, werden dafür aber nicht nur sechs Wochen, sondern bis zu sechs Monate alt. Sie gehen mit der Königin in den Winter, betreuen die Königin während der gesamten kalten Jahreszeit und pflegen am Ende ihres Lebens die Brut für die neue Generation der Sommerbienen im nächsten Frühjahr. Wegen der Langlebigkeit der Winterbienen müssen im Herbst nicht mehr so viele Bienen nachgezogen werden. Auch das ist gut für das Überleben des Volkes, weil das Wärmen des Brutnestes durch die Arbeiterinnen sehr viel Energie und damit Futter benötigt.

Zur Zeit des ersten stärkeren Frostes wird die Königin für einige Wochen ganz aus der Brut gehen, um dann spätestens im Februar wieder mit dem Legen zu beginnen. Und wenn alles gut geht, wird der Bien im Frühjahr, wenn die Tage wieder wärmer und länger werden, wieder stark genug sein, um Pollen und später dann auch Nektar einzubringen.

Epilog

In dieser Serie habe ich versucht, Ihnen das Bienenjahr näher zu bringen. Vom ersten Ausflug im zeitigen Frühjahr, dem Wachsen des Volkes, dem Nachziehen einer neuen Königin, dem Auszug eines Schwarmes, der Honigernte und schließlich der Vorbereitung auf den Winter: Einfütterung und Varroabehandlung. Wichtig war mir zu zeigen, dass sich das Bienenjahr sehr eng an der Natur ausrichtet. Dass Honigbienen, obwohl sie durch den Imker kultiviert und betreut werden, zum Glück immer noch „Wildtiere“ sind und der Imker sich in vielen Belangen nach den Bienen richten muss und nicht andersherum. Und, obwohl die meisten Menschen bei Bienen natürlich zuerst an Honig denken, dies bei Weitem nicht alles ist:

Bienen sind sehr wichtig für die Bestäubung und damit für den Ertrag vieler Obst und Gemüsesorten. Bienen sind ein Teil unserer Kulturlandschaft. Honigbienen haben es heutzutage oft schwer, viel schwerer noch haben es aber die wildlebenden Bienen. Und zu guter Letzt: Ein Bienenvolk, der Bien, ist ein faszinierendes Lebewesen. (scho)

Der Autor der Bienenserie mit seinem Sohn - noch im Frühjahr
Der Autor der Bienenserie mit seinem Sohn - noch im Frühjahr

Stand: Juli 2020