Biologisch abbaubar? Bei Plastiktüten ist das nur die halbe Wahrheit

Plastikmüll in der Natur belastet das Ökosystem weltweit. Sind biologisch abbaubare Kunststoffe aus Pflanzenstärke eine Alternative zu herkömmlichen Plastiktüten? Das klingt vielversprechend. Was ist dran an Bioplastik?

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Äpfel in Plastiktüten hängen an einer Stange

Was ist dran an Bioplastik?

Die Zahlen sind unvorstellbar: Jährlich werfen allein die Deutschen noch etwa 5,5 Millionen Tonnen konventionell erzeugte Kunststoffe auf den Müll. Die landen oft gerade dort, wo sie ganz und gar nicht hingehören: in der Landschaft oder im Meer. Der Ärger der Umweltschützer brachte Unternehmen auf neue Ideen: Die Entwicklung biologisch abbaubaren Kunststoffs, der sich langsam auflöst – wo immer er letztlich strandet.

Bioplastik: Biologisch abbaubar oder Plastik aus Bio?

Einkaufstüten, Müllbeutel, Verpackungen und eine ganze Reihe von Alltagsgegenständen gibt es inzwischen aus Biokunststoff. Die Produkte sind mit Hinweisen wie „biologisch abbaubar" oder „kompostierbar“ versehen. Doch für die Begriffe Biokunststoff oder Bioplastik gibt es keine klare Definition, verschiedene Zusammensetzungen können sich dahinter verbergen.

Zum einen kann es sich um Kunststoff handeln, der „biobasiert“ auf der Basis von nachwachsenden organischen Rohstoffen aus Pflanzen hergestellt wurde. Zum anderen werden biologisch abbaubare Kunststoffe als Bioplastik bezeichnet.

Aber: Nicht jeder Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen ist biologisch abbaubar. Ebenso werden nicht alle biologisch abbaubaren Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen produziert. Zudem gibt es zahlreiche Produkte, die aus Mischungen von konventionell hergestelltem Plastik mit Bioplastik bestehen.

Der Marktanteil von Biokunststoffen liegt heute bei etwa 1,5 Prozent; Marktanalysen prognostizieren einen Anstieg auf höchstens drei Prozent bis zum Jahr 2020.

Dilemma: Ratlose Verbraucher

Der Verbraucher hat nicht wirklich die Wahl. Am Material der Tüte ist nicht zu erkennen, um welche Art von Kunststoff es sich handelt und die aufgedruckten Angaben geben nur begrenzt Aufschluss: Steht „biologisch abbaubar“ auf der Tüte, dann bezieht sich die Angabe nur auf die Abbaubarkeit und nicht auf die Rohstoff-Herkunft. Steht „Biokunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen“ oder eine ähnliche Formulierung drauf, heißt dies nicht, dass die Tüte auch biologisch abbaubar ist. Außerdem bedeutet es nicht zwangsläufig, dass die Tüte aus 100 Prozent nachwachsenden Rohstoffen hergestellt ist.

Sind „Bio“-Kunststoffe umweltfreundlicher?

Bioplastik hat aus ökologischer Sicht gegenüber herkömmlichen Kunststoffen einige Vorteile. Biobasierte Kunststoffe brauchen zur Herstellung keine fossilen Rohstoffe wie Erdöl, sondern nutzen nachwachsende Ressourcen, wie Mais, Weizen, Kartoffeln, Zuckerrohr oder Holz. Mittels verschiedener Verfahren können aus den Rohmaterialien unterschiedliche Kunststoffarten produziert werden (Stärke-, PLA- oder Zellulosebasierte Biokunststoffe). Die Verwendung von essbaren Pflanzen als Rohmaterial steht allerdings in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Für den Anbau dieser Pflanzen kommen zudem große Mengen an Düngemittel zum Einsatz, die Böden und Gewässer belasten – „und zwar in stärkerem Umfang als bei der Herstellung herkömmlicher Kunststoffe“, wie das Umweltbundesamt (UBA) schreibt. Außerdem werden beim Anbau Pestizide und teilweise gentechnisch veränderte Organismen eingesetzt. Aus den geernteten Pflanzen wird dann in Fabriken Plastik erzeugt, was zu weiteren Umweltbelastungen führen kann.

Fazit des UBA: „Biobasierte Kunststoffe sind noch längst nicht umweltfreundlicher als herkömmliche Kunststoffe.“

Übrigens schneiden hinsichtlich der Ökobilanz laut UBA nicht einmal Einwegtüten aus Papier besser ab als konventionelle Plastiktüten.

Biologisch abbaubare Kunststoffe sind nur theoretisch kompostierbar

Biologisch abbaubare Kunststoffe dürfen sich kompostierbar nennen und das „Keimling“-Logo  tragen, wenn sie innerhalb von 90 Tagen zu 90 Prozent in kleinste Teilchen zerfallen.

Doch die Realität sieht anders aus: Laut UBA zersetzen sich viele biologisch abbaubare Kunststoffe bei der Kompostierung nämlich nur unter den definierten Bedingungen von industriellen Kompostierungsanlagen. Auf den Komposthaufen zu Hause sollte Bioplastik keinesfalls geworfen werden, weil hier andere Feuchte- und Temperaturbedingungen herrschen. Die biologisch abbaubaren Kunststoffe zersetzen sich dort nicht oder nur mit einer deutlich längeren Zerfallszeit. Das Kompostieren ergibt auch keinen wertvollen Humus, setzt keine Nährstoffe und keine Spurenelemente frei - es findet lediglich ein Abbau zu Kohlendioxid (CO2) und Wasser statt.

„Bio“-Kunststoff wird aussortiert

Auch wenn die Tüten allen Kriterien der biologischen Abbaubarkeit entsprechen, werden sie üblicherweise meistens verbrannt. Denn in der Praxis brauchen die meisten Bioplastik-(Müll)tüten in industriellen Kompostieranlagen mindestens 12 Wochen um zu zerfallen. Die Rottezeiten der Kompostieranlagen dagegen liegen meist zwischen vier und acht Wochen – je nachdem welche Qualität der Kompost letztendlich haben soll. Jeder Tag kostet extra. Der Großteil der Kompostierbetriebe sortiert die Biokunststofftüten daher aus und führt sie der Restmüllverwertung, sprich den Müllverbrennungsanlagen zu.

Im Hinblick auf die Ökobilanz bringt die biologische Abbaubarkeit bei Kunststoffen laut UBA keine Vorteile. Da sich die „Bio“-Kunststoffe sowohl beim Abbau wie bei der Verbrennung nur in CO2 und Wasser auflösen, schneidet die energetische Verwertung – das Verbrennen in der Müllverbrennung also – sogar besser ab. So lässt sich die Verbrennungsenergie wenigstens in Strom oder Wärme umwandeln.

Plastik vermeiden ist die beste Alternative

Derzeit scheinen sich die Vor- und Nachteile von Biokunststoff gegenseitig aufzuwiegen. In einer umfassenden Studie zum Thema aus dem Jahr 2012 kommt das Umweltbundesamt zu dem Schluss, dass Bioplastik in der Gesamtökobilanz nicht besser ist als herkömmlicher Kunststoff. Die Klimabilanz ist durch die CO2-Einsparungen zwar etwas besser, die Umweltbelastungen aufgrund des Rohstoffanbaus aber mindestens genauso hoch. Überall dort, wo sich Plastik schwer vermeiden lässt, ist die aktuell sinnvollste Variante Recycling-Kunststoff. Der „Blaue Engel“ zertifiziert beispielsweise Plastiktüten mit mindestens 80 Prozent Recyclinganteil.