Alte Obst- und Gemüsesorten retten

Tomaten, Bohnen, Karotten: Die angebotene Vielfalt von Samentütchen aus dem Baumarkt und Gartenhandel ist groß. Doch wie findet man wohlschmeckende Sorten, die sich dann auch immer weiter vermehren lassen? Was hat es auf sich mit Begriffen wie F1-Hybrid, sortenrein oder samenfest, die häufig auf den Verpackungen angegeben sind?

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Hand, die Samenkorn in Erde legt

Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten ernten oder ersatzweise aus Pflanzgefäßen auf Balkon oder Terrasse – das gefällt immer mehr Menschen. Denn die herkömmliche Supermarktware schmeckt nicht besonders, ist manchmal schon welk und gammelig und stammt meist nicht aus nachhaltigem Anbau. Beim Anblick von übergroßen harten Erdbeeren aus Spanien denkt manch einer sehnsuchtsvoll an die köstlichen Früchte aus Kindheitstagen mit Namen wie Senga Sengana oder Mieze Schindler zurück. Aromatische Erdbeeren lassen sich übrigens nicht nur aus Ablegern vermehren, auch die Aussaat ist einen Versuch wert.

Wie kommt man an die guten alten Kartoffeln, Bohnen oder Tomaten, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr als Massenware angebaut werden und nur noch als Rarität auf Wochenmärkten oder im Hofladen zu ergattern sind? Das Internet ist auch hierfür eine Fundgrube. Für den Erhalt alter Sorten kann sich jeder Verbraucher stark machen: durch Nachfrage, Kaufverhalten und Eigeninitiative.

Warum verschwinden alte Sorten vom Markt?

Der gewerbliche Handel von Samen ist in Deutschland gesetzlich geregelt. So schreibt das Saatgutverkehrsgesetz genau vor, welche Voraussetzungen Samen mitbringen müssen, um im Handel verkauft werden zu können. Neue Sortenzüchtungen werden erst einem gebührenpflichtigen Prüfungsverfahren durch das Bundessortenamt unterzogen, bevor sie in die Erde kommen dürfen. Zu guter Letzt unterliegen diese Anbaugenehmigungen einer zeitlichen Befristung, je nach Pflanzenart läuft die Anbaugenehmigung nach einigen Jahren wieder aus. Danach muss die Sorte vom Markt genommen oder beim Bundessortenamt neu angemeldet werden. Diese recht aufwändige und mit Kosten verbundene Anmeldeprozedur hat dazu geführt, dass sich nur noch wenige Anbieter den Markt an Samen und Pflanzgut aufteilen. Auf der Strecke bleiben dabei alte regionale Sorten, deren Sortenzulassung abgelaufen ist oder deren Verbreitungsgebiet zu klein ist, als dass sich eine Samenproduktion rechnen würde. Als die beliebte Kartoffelsorte Linda vom Markt genommen werden sollte, gab es von Verbraucherseite starken Protest und die Sorte wurde wieder zugelassen.

Handelsübliches Saatgut: F1, CMS und Saatenfest -

Es werden unterschiedliche Formen von Samen produziert, die je nach Einsatzzweck einen Vorteil mitbringen sollen:

F1-Hybride: Der Buchstabe F steht für das lateinische Wort filia – Tochter, die Eins steht für 1. Generation. Diese Samen werden gezielt aus zwei elterlichen Inzuchtlinien gezüchtet. Ziel ist es, genau definierte Wuchseigenschaften hervorzukehren. So soll jeder Nachkomme der Aussaat exakt mit der Elterngeneration übereinstimmen und in Farbe, Größe oder Gewicht der Früchte die erwartete Ernte einfahren. In der nächsten Generation (F2) treten diese Wunscheigenschaften aber deutlich verringert oder gar nicht mehr auf. Meist haben F1-Hybriden die Fähigkeit zur Vermehrung verloren und können für eine neue Aussaat nicht mehr genutzt werden. Dann heißt es im frühen Gartenjahr wieder neue Samen kaufen zu müssen.

CMS-Hybride: Hier soll durch den gezielten züchterischen Eingriff mit technischen Hilfsmitteln die Selbstbefruchtung einiger Pflanzenarten unterbunden werden (Cytoplasmatische Männliche Sterilität). Dadurch soll verhindert werden, dass sich die Pflanzen ungewollt durch eine Eigenbestäubung weiter vermehren und unerwünschte Eigenschaften ausbilden. Weit verbreitet sind heute CMS-Hybriden beispielsweise bei Broccoli, Blumenkohl oder Chicorée.

Beide Züchtungsformen sind aber nicht mit gentechnischen Eingriffen in der Samenproduktion zu verwechseln. In der Gentechnik wird mittels besonderer Verfahren direkt in die DNA im Zellkern eingegriffen, um die gewollten Wuchseigenschaften hervorzurufen. Gentechnisch veränderte Samen müssen aber als solche deklariert werden und wären daher als solche zu erkennen.

Samenfestes Saatgut: Diese Variante an Samen zeichnet sich dadurch aus, dass die Nachkommen solcher Pflanzen weiterhin vermehrungsfähig sind und ähnliche Wuchseigenschaften wie die Elterngeneration aufweisen. Im Gegensatz zu den F1-Hybriden sind samenfeste Zuchtlinien aber nicht auf einzelne Eigenschaften genormt. Mit samenfestem Saatgut werden Gärtnerinnen und Gärtner in die Lage versetzt ihr eigenes Saatgut zu erzeugen. Der Vorteil liegt auf der Hand. Denn mit samenfestem Saatgut liegt die Saatguterzeugung nicht in der Hand weniger Agrarkonzerne, die ihre Produkte auf Ertrag und Gleichförmigkeit trimmen. Daher wird häufig samenfestes Saatgut auch als nachbaufähig oder sortenrein bezeichnet. (eck)

Stand 4/2021

Bezugsquellen:

Das Internet hält eine Fülle von Kontaktmöglichkeiten und Bezugsquellen für samenfestes Saatgut vor. Vielfach sind es kleine Vereine oder einzelne Saat- und Pflanzgutanbieter, die sich der Produktion von samenfestem Saatgut verschrieben haben.
Eine kleine Auswahl:

https://www.nutzpflanzenvielfalt.de/
https://vern-ev.de/
https://www.tomatenretter.de/
https://anstattdessen.de/saatgut/