Sexting

Was früher ein Kompliment war, ist in der digitalisierten Welt ein Like. Immer mehr Jugendliche posten in den sozialen Netzwerken Bilder von sich, um ein „Gefällt mir“ und somit Anerkennung zu erhalten: ein Porträtfoto am Strand, im Schwimmbad oder auf der Party. Manche versenden erotische und sogar sexuelle Fotos von sich, um die gewünschte Bewunderung zu erhalten. Welche Gefahr birgt das sogenannte Sexting? Christoph Schulte vom Hessischen Landeskriminalamt klärt hierzu auf.

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Frau nutzt Smartphone im Bett

In unserer Serie zeigen wir in den kommenden Wochen, mit welchen Gefahren und Herausforderungen Jugendliche im Netz konfrontiert sind und wie sie sich schützen können.


VF: Suche nach Anerkennung passiert heutzutage immer mehr über die sozialen Medien. Da wünscht man sich nicht nur den Like für das Strandbild, sondern auch ein „Gefällt mir“ zu einem nackten Oberkörper.

Schulte: Das ist richtig. Gerade bei Jugendlichen stellt die hessische Polizei immer wieder fest, dass Sexting betrieben wird, um herauszufinden, wie sie auf andere wirken – auch sexuell. Auch zeigen die polizeilichen Erfahrungen im Zusammenhang mit solchen Sachverhalten, dass Sexting-Bilder als Mutprobe übermittelt werden. Auch Sachverhalte, bei denen Kinder bis einschließlich 13 Jahren Sexting praktiziert haben, werden uns gemeldet. Das sogenannte Sexting – was sich aus Sex und dem englischen Wort texting für Schreiben zusammensetzt – ist aber sehr gefährlich.

VF: Wieso?

Schulte: Jugendliche laufen Gefahr, dass ihr Vertrauen missbraucht wird und die Bilder oder Botschaften ungewollt Verbreitung finden. Sie bedenken nicht die Gefahren, sondern sehen nur die Anerkennung, die sie suchen. Ein einmal im Netz oder über Messenger veröffentlichtes Bild, kann schwer bis überhaupt nicht wieder „eingefangen“ werden.

VF: Was ist die Folge?

Schulte: Die Bilder können in sozialen Netzwerken gepostet oder ins Internet gestellt werden und sind dann sogar weltweit abruf- und kopierbar und für jedermann - auch zur sexuellen Erregung - nutzbar. Auch Mobbing in der Schule kann eine Folge von unbedacht veröffentlichten Bildern sein.

VF: Das möchte man sich nicht vorstellen.

Schulte: Bei jeder Veröffentlichung ist zu bedenken, dass ein einmal veröffentlichtes Bild „weg“ ist. Sexting-Bilder können beispielsweise ohne Wissen der Betroffenen auf eindeutigen pornografischen Webseiten veröffentlicht werden.

VF: Kann man dagegen vorgehen, wenn das Bild einmal im Web ist?

Schulte: Es gibt Möglichkeiten, eine Veröffentlichung oder Nutzung eines solchen Bildes zivilrechtlich untersagen zu lassen. In der Realität ist die einzige Möglichkeit jedoch die, kein Bild in eindeutiger Pose zu versenden. Wichtig ist es, eine Strafanzeige bei der Polizei zu erstatten. Aber auch ohne kriminelle Energie kann man sich strafbar machen. Wenn zum Beispiel ein 15-jähriger Junge einem 13-jährigen Mädchen ein entsprechendes Bild übermittelt, kann der Straftatbestand des einfachen sexuellen Missbrauchs oder die Verbreitung pornografischer Schriften einschlägig sein. Sexting ist übrigens auch ein Problem in Schulen, wenn Bilder und Filme mit sexualisiertem Inhalt dort verbreitet werden.

VF: Das hat sicherlich gravierende psychische Folgen für die Betroffenen.

Schulte: In der Tat. Die Jugendlichen schämen sich zutiefst, wenn intime Bilder und Filme von ihnen verbreitet werden. Oft ist das der Anfang für ein lang andauerndes Mobbing in der Schule und den sozialen Netzwerken.

VF: Wie sollten Betroffene vorgehen?

Schulte: Am besten ist es, solche Bilder gar nicht zu versenden, beziehungsweise sich nicht in solchen Situationen filmen zu lassen. Sollte den Kindern und Jugendlichen so etwas aber passiert sein, sollten sie das auf keinen Fall mit sich alleine ausmachen, sondern sich Freunden, Familie oder der Lehrkraft anvertrauen, auch wenn das viel Überwindung kostet.

VF: Wie können diese helfen?

Schulte: Sie können eine Stütze sein. Das Kind ist mit diesem Problem dann nicht mehr allein auf der Welt. Gemeinsam kann man besprechen, was vorgefallen ist und wie man darauf reagiert.

VF: Das bedeutet?

Schulte: Psychologische Hilfe oder eine Beratungsstelle.

VF: Was ist Ihr Rat an Eltern und Lehrer, aber auch Kinder und Jugendliche bezüglich Sexting?

Schulte: Eltern und Lehrkräfte sollten mit ihren Kindern beziehungsweise den Schülerinnen und Schülern über die Risiken des Internets und das Überlassen persönlicher Daten und Fotos sprechen. Was einmal im Netz landet, kann kaum noch gelöscht werden. Darüber sollten sich Kinder und Jugendliche unbedingt bewusst sein.

VF: Vielen Dank fürs Gespräch.

Stand: Juni 2018

Christoph Schulte

Christoph Schulte