Cyber-Mobbing

Pöbeln, tratschen, lästern, beleidigen – im digitalen Zeitalter ist das Mobbing nicht mehr auf den Klassenraum beschränkt. Soziale Netzwerke werden immer mehr zu Plattformen, um Menschen zu verunglimpfen und auszugrenzen. Wie kann man sich davor schützen?

Mobbing Handy_Daisy Daisy - Fotolia.com_.jpg

Mädchen wird ausgegrenzt

Redaktionsmitglied Barbara-Maria Birke hat mit dem Pressesprecher des Hessischen Landeskriminalamtes Christoph Schulte über Cyber-Mobbing gesprochen und wie man sich davor schützen kann.

VF: Herr Schulte, Cyber-Mobbing – wie muss ich mir das vorstellen?

Schulte: Unter Cyber-Mobbing versteht man das absichtliche Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen anderer mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel – und meist über einen längeren Zeitraum.

VF: Werden Sie mal konkreter!

Schulte: Eine entscheidende Rolle beim Cyber-Mobbing spielt das Internet. Mobbing findet also durch E-Mails, Instant Messenger wie beispielsweise ICQ, in Sozialen Netzwerken, durch Videos auf Portalen oder per Handy zum Beispiel durch SMS oder lästige Anrufe statt. Oft handelt der Täter anonym, so dass das Opfer nicht weiß, von wem die Angriffe stammen.

VF: Ich dachte immer, dass es meist die Klassenkameraden sind, die andere digital bloßstellen und nicht Fremde.

Schulte: Bei Cyber-Mobbing unter Kindern und Jugendlichen ist das auch so. Hier kennen Opfer und Täter sich meist auch in der „realen“ Welt. Die Opfer haben fast immer einen Verdacht, wer hinter den Attacken stecken könnte oder wissen es sogar. Cyber-Mobbing geht in der Regel von Personen aus dem eigenen Umfeld aus – der Schule, dem Wohnviertel, dem Dorf oder der ethnischen Community. Fälle, in die gänzlich Fremde involviert sind, sind wenig verbreitet.

VF: Mobbing im Klassenraum und Mobbing im Internet – wo liegen die Unterschiede?

Schulte: Cyber-Mobbing endet nicht nach Schulschluss oder nach Feierabend. Weil die Täter rund um die Uhr über das Internet oder das Handy angreifen können, wird man sogar zu Hause von ihnen verfolgt. Die eigenen vier Wände schützen also nicht vor Mobbing-Attacken, es sei denn, man nutzt keine Messenger, Soziale Netzwerke oder andere Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet.

Ein weiterer Aspekt ist, dass Nachrichten oder Bilder, die elektronisch herumgeschickt werden, sobald sie online sind, nur schwer zu kontrollieren sind. Filme können beispielsweise ganz einfach von einem Internetportal in ein anderes kopiert werden. Deswegen sind Ausmaß und Spielraum von Cyber-Mobbing viel größer als beim Mobbing auf dem Pausenhof.

VF: Gibt es weitere Unterschiede?

Schulte: Im Unterschied zum normalen Mobbing zeigt sich der "Cyber-Täter" seinem Opfer nicht direkt, sondern kann auch anonym agieren, was ihm eine - wenn auch vielleicht trügerische - Sicherheit und oftmals eine zähe Ausdauer verleiht. Nicht zu wissen, wer der andere ist, kann einem Opfer Angst machen und es verunsichern, weil es nicht weiß, wer es belästigt.

VF: Was kann ich tun, wenn ich gemobbt werde?

Schulte: Vertrauen Sie sich Freunden oder Eltern an. Bei Schülern sollte auch die Schule informiert werden. Eltern und Schulen haben hier eine besondere Verantwortung.

VF: Und wenn ich gemobbt werde: Rache?

Schulte: Beleidigende oder sogar bedrohliche E-Mails dürfen nicht toleriert werden. Sich zu rächen ist aber nicht empfehlenswert. Dadurch steigert man im schlimmsten Fall noch das Cyber-Mobbing.

VF: Kann ich gegen die Mobber vorgehen?

Schulte: In jedem Fall sollten Sie sich an die Polizei wenden und Anzeige erstatten. Bewahren Sie hierzu vor allem das Beweismaterial auf – die verbreiteten Bilder und beleidigende E-Mails und SMS.

VF: Wie kann ich die Gefahr, Opfer von Cyber-Mobbing zu werden, reduzieren?

Schulte: Geben Sie den persönlichen Bereich in Sozialen Netzwerken nicht für jedermann frei. Prüfen Sie stattdessen jede Freundschaftsanfrage. Grundsätzlich sollten Sie nur Ihrem engsten Freundeskreis, also Personen, die Sie auch aus dem realen Leben gut kennen, diesen Bereich zugänglich machen. 

VF: Wie kann ich mich noch vor Cyber-Mobbing schützen?

Schulte: Das Internet vergisst nichts. Sind fiese Beleidigungen und rufschädigende Bilder erst einmal im Netz, ist es schwer, alle Inhalte endgültig zu löschen. Deshalb sollte man sich im Internet grundsätzlich vorsichtig bewegen. Geben Sie nicht zu viele persönliche Daten preis. Auf keinen Fall sollten Sie Handynummern oder die vollständige Adresse in Sozialen Netzwerken mitteilen. Ratsam ist auch, möglichst wenige Bilder ins Internet zu stellen.

VF: Welche Rolle spielt das Cyber-Mobbing heutzutage? Ein ernstzunehmendes Problem oder eher eine Randerscheinung?

Schulte: Die Zahl aufgenommener Beleidigungsdelikte hat sich mit gewissen Schwankungen seit Jahren auf einem ähnlichen Niveau eingependelt. In Zahlen ausgedrückt entwickelten sich die statistisch erfassten Beleidigungsdelikte in Hessen seit 2008 von 8.089 auf 9.724 angezeigte Fällen pro Jahr. Die Zahl  an Beleidigungen via Internet ist in diesem Zeitraum von ca. 440 auf ca. 1.250 Taten angestiegen. Dadurch, dass immer mehr Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und Erwachsene auch über mobile Endgeräte Zugang zum Internet haben und diesen auch ausgiebig nutzen, schätze ich, dass der Anteil weiter ansteigen wird.

VF: Was kann ich präventiv tun, um nicht Opfer von Cyber-Mobbing zu werden?

Schulte: In erster Linie sind Erziehungsberechtigte und die Lehrerschaft in der Pflicht, Kinder, Jugendliche und Heranwachsende über das Thema Cyber-Mobbing aufzuklären. Die hessische Polizei bietet hierzu sehr gute Informationsmaterialien an, die kostenlos im Internet unter www.polizei-beratung.de und bei jeder Polizeidienststelle bestellt werden können. Für grundsätzliche Fragestellungen zur Thematik Kinder- und Jugenddelinquenz  sowie Cybercrime stehen Ihnen in jedem Präsidium Ansprechpartner zur Verfügung. Unter www.polizei.hessen.de können Sie die für Ihren Bereich zuständigen Jugendkoordinatorinnen und Jugendkoordinatoren sowie Fachberaterinnen und Fachberater Prävention Cybercrime finden.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Christoph Schulte

Christoph Schulte

Stand: Juli 2018

Allgemeine Informationen zum Thema Cyber-Mobbing finden Sie unter: