Cyber Grooming

Die vermeintliche Anonymität des Internets hat auch dunkle Ecken hervorgebracht. Wer weiß schon, ob der 17-Jährige Gymnasiast mit dem hübschen Foto nicht in Wirklichkeit ein 50-jähriger Pädophiler ist, der hinter seiner Tastatur sitzt, um sich an Kinder "heranzumachen" und im schlimmsten Fall sexuell übergriffig zu werden. Welche Gefahren vom sogenannten Cyber Grooming ausgehen und was man dagegen tun kann, erklärt Christoph Schulte vom Hessischen Landeskriminalamt.

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Junges Mädchen mit Laptop und Kopfhörer

VF: Nicht alle Menschen nutzen das Internet in guter Absicht.

Schulte: Das ist richtig. Manche Nutzer möchten sich an Kinder und Jugendliche heranmachen, um sie im schlimmsten Fall im realen Leben sexuell zu missbrauchen. Durch die vermeintliche Anonymität des Internets bereiten sie diese Taten vor. Im Chat suchen sie den Kontakt, gewinnen das Vertrauen der Jungen und Mädchen, manipulieren ihre Wahrnehmung und verstricken sie in ihre Abhängigkeit. Das ist das sogenannte Cyber Grooming.

VF: Wo sind die Täter unterwegs?

Schulte: Sie nutzen verschiedene soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram, Snapchat oder die Chatfunktion von Online-Spielen, um mit den Kindern in Kontakt zu kommen.

VF: Und denken, sie bleiben dort unerkannt.

Schulte: In der Tat. Anders als im öffentlichen Raum wie zum Beispiel im Schwimmbad versuchen die Täter hier, den Kindern näher zu kommen, ohne dass es jemand bemerkt. Sie fragen nach ihren Hobbys und nach ihrem Musikgeschmack und schaffen so Vertrauen. Durch geschickte kommunikative Manipulation nehmen sie sich der Sorgen der Kinder und Jugendlichen an und werden so zu wichtigen Ansprechpartnern.

VF: Das klingt ja eigentlich nicht gefährlich.

Schulte: Ist es aber. Die Täter sprechen oft – häufig schon in den ersten Minuten – über Liebe und Sex. Sie fragen nach Aussehen, sexuellen Erfahrungen und Fantasien der Mädchen und Jungen, die darauf oft mit romantischen und naiven Vorstellungen reagieren. Je intensiver der Dialog mit der fremden Person, desto mehr Vertrauen entsteht und das  ursprünglich vorhandene Misstrauen wird ausgeblendet.

VF: Bleibt es beim Chat?

Schulte: Das ist unterschiedlich. Manche Täter „beschränken“ sich auf die Möglichkeiten der sexuellen Gewalt im Netz. Sie fordern beispielsweise das Mädchen oder den Jungen auf, freizügige Fotos zu verschicken.

Das Versenden von Fotos gehört für Kinder und Jugendliche längst zum digitalen Alltag.

Sobald das erste sexualisierte Foto verschickt ist, haben die Täter ein perfektes Druckmittel in der Hand. Sie drohen dem Kind, das Bild in seinem Bekanntenkreis zu verbreiten, wenn es nicht tut, was gefordert wird. In aller Regel verlangen sie weitere Bilder oder gar Filme, die sexuelle Handlungen zeigen. Manche Täter nutzen die Materialien, um das Opfer zu einem persönlichen Treffen zu zwingen, bei dem sie es sexuell missbrauchen.

Es kann aber durchaus auch ohne Versenden von Fotos zu realen Treffen kommen, bei denen die Mädchen und Jungen vom Täter sexuell missbraucht werden.

VF: Und dann?

Schulte: Die Opfer verschweigen häufig, was ihnen zugestoßen ist, weil sie das Treffen vor ihren Eltern verheimlicht haben und damit etwas Verbotenes oder Unkluges getan haben. Da die Opfer spüren, dass sie einen Fehler gemacht haben, fühlen sie sich schuldig und werden immer weiter in den Sog der Erpressung hineingezogen.

VF: Was können Opfer tun?

Schulte: Kinder und Jugendliche, denen das passiert ist, sollten unbedingt reden und sich Freunden, Eltern oder Fachpersonal anvertrauen, damit ihnen geholfen werden kann. Wenn sich Kinder und Jugendliche sexuell bedrängt fühlen, sollten sie das in jedem Fall der Polizei melden.  Denn sexueller Missbrauch ist strafbar. Die Online-Anmache, die das Ziel hat, ein Kind im realen Leben zu treffen und es zu sexuellen Handlungen zu bewegen, ist eine strafbare Vorbereitungshandlung.

VF: Was sind weitere Maßnahmen?

Schulte: Man sollte den Anbieter des Sozialen Netzwerks oder Online-Spiel-Betreiber kontaktieren, damit der Account gesperrt werden kann. Zudem sollte man Screenshots und Fotos von dem Chat machen, um das Cyber Grooming nachzuweisen. Den Kontakt zu dem Nutzer sollte man sofort abbrechen.

VF: Was können Eltern und pädagogische Kräfte vorbeugend tun?

Schulte: Eltern und Lehrer sollten mit ihren Kindern über die Risiken des Internets sprechen, vor allem über die des Versendens persönlicher Daten und Fotos. Was einmal im Netz landet, kann nicht mehr gelöscht werden. Das Netz vergisst nichts.

Dennoch kann es sein, dass Mädchen und Jungen dem Reiz des Internets erliegen und sich nicht ausreichend schützen. Hier sollte man den Jugendlichen vermitteln, dass die Schuld ausschließlich beim Täter liegt und nicht bei den Kindern.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Christoph Schulte

Christoph Schulte

Allgemeine Informationen zum Thema Cyber-Mobbing finden Sie unter:

www.polizei-beratung.de
www.klicksafe.de
www.polizei.hessen.de

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (bundesweit, kostenfrei und anonym): 0800 22 55 530