Algo… was?! Wenn die Maschine bestimmt

Es ist einfach und schnell, eine Reise „online“ zu buchen oder den Stromanbieter zu wechseln. Vergleichsportale helfen, den besten Preis zu finden. Doch stimmt das wirklich? Und wer sucht eigentlich die Angebote heraus? Willkommen in der Welt der Algorithmen, wo die Maschinen das Sagen haben! Philipp Wendt, Vorstand der Verbraucherzentrale Hessen, hat die Antworten und praktische Tipps.

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Logo Algo...was?!

VF: Die Algorithmen sind keine Inselgruppe im Pazifik …

Wendt: … und auch keine Krankheit, die man mit Salbe kurieren kann. Im Ernst: Ein Algorithmus ist eine Schritt-für Schritt-Handlungsanweisung, die dabei hilft, ein Problem zu lösen. Digitale Algorithmen sind programmierte Regeln für Computer, die bestimmte Ergebnisse liefern sollen.

VF: Wie darf ich mir das vorstellen?

Wendt: Wenn Sie zum Beispiel in einer Suchmaschine „Käsekuchen“ eingeben, werden Sie eine Trefferliste erhalten. Das ist das Werk von Algorithmen. Dazu scannt ein programmierter Algorithmus alle Webseiten, die das Wort „Käsekuchen“ enthalten. Anschließend bringt er die Webseiten in eine bestimmte Reihenfolge und präsentiert Ihnen eine Liste oder sucht ein Rezept heraus und macht Ihnen einen Einkaufszettel für Käsekuchen.

VF: Das ist doch eine prima Sache, oder?

Wendt: Grundsätzlich ja. Aber: Nach welchen Kriterien der Algorithmus die Webseiten sortiert, wissen Sie nicht. Das halten die Betreiber von Suchmaschinen geheim. Algorithmen sind Werkzeuge und Werkzeuge können zu ganz unterschiedlichen Zwecken verwendet werden. Ein Algorithmus, der Ihnen blitzschnell die richtigen Informationen oder einen Entscheidungsvorschlag liefert, ist auf jeden Fall prima. Ein Algorithmus, der Ihren Kreditantrag ablehnt, hat Sie aber vielleicht diskriminiert. Das grundlegende Problem für uns alle ist: Wenn wir nicht wissen, wie der Algorithmus funktioniert, erfahren wir nicht, ob wir manipuliert werden oder wann unsere Rechte verletzt sein könnten. 

VF: Warum setzen Unternehmen überhaupt Algorithmen ein?

Wendt: Algorithmen begleiten die Digitalisierung – viele Angebote sind auf Algorithmen angewiesen. Um bei der Suchmaschine zu bleiben: Es gibt einfach zu viele Websiten. Allein von Menschenhand könnte kein Unternehmen der Welt die Websiten durchsuchen. Darüber hinaus nutzen Unternehmen Algorithmen, um unsere Daten auszuwerten. Mit jedem Klick, den wir im Internet machen, mit jeder Seite, die wir aufrufen, hinterlassen wir …

VF: … Daten.

Wendt: Ja. Und zwar Daten über unsere Interessen, unsere Lesegewohnheiten und in sozialen Netzwerken über unsere Kontakte. Die Unternehmen nutzen diese Daten, um uns Werbeangebote zu machen. Die Algorithmen entscheiden, welche Werbung und welche Informationen uns gezeigt werden. Bei Werbung hört sich das nicht so schlimm an. Tatsächlich kann das aber eine Manipulation der Verbraucherinnen und Verbraucher sein.

VF: Wie gehe ich als Verbraucher damit um? Haben Sie ein paar Tipps für mich?

Wendt: Wenn ein digitales Angebot nichts kostet, dann dient es dazu, Ihre Daten auszuwerten. Sie sind dann das Produkt. Das heißt, gerade bei kostenfreien Angeboten sollten Sie prüfen, welche Daten der Algorithmus des Unternehmens von Ihnen nutzt. Mit Ihren Daten werden Sie quasi unsichtbar zur Kasse gebeten. Also, warum möchte eine App auf jeden einzelnen Eintrag in Ihrem Telefonbuch zugreifen, warum braucht die App Ihre Standortdaten?

VF: Okay. Und ganz konkret tue ich was?

Wendt: Versuchen Sie zu verstehen, was hinter den Kulissen passiert, etwa was man aus Ihren Standortdaten alles über Sie lernen kann. In welcher Gegend wohnen Sie? Welches Endgerät nutzen Sie? Das könnte für den Preis, der Ihnen angezeigt wird, irgendwann relevant werden. Heute ist das Ziel oft, Sie mit Werbung zu überhäufen. Dagegen können Programme helfen, die Werbung blockieren – sogenannte Adblocker. Und manchmal könnte es ein Weg sein, sich gegen die Nutzung einer App, einer Website, eines Angebots zu entscheiden. Digitale Zurückhaltung kann Sie schützen.

VF: Die Verbraucherzentrale hat jetzt eine große Aufklärungskampagne gestartet. Was wollen Sie damit erreichen?

Wendt: Wir finden Algorithmen in fast allen Bereichen unseres Lebens. Nehmen Sie den Routenplaner, der für Sie den Weg berechnet. Oder Ihr Smartphone – es erkennt Sie an Ihrem Gesicht oder Daumenabdruck. Sprachassistenten verstehen, was Sie ihnen sagen, führen entsprechende Befehle aus und liefern uns sogar Antworten auf unsere Fragen. Beim Online-Shopping werden uns Artikel oder Dienstleistungen angeboten, die zu unserer letzten Auswahl oder unseren (vermeintlichen) Interessen passen, in sozialen Netzwerken schlägt man uns passende Kontakte oder Gruppen vor oder blendet zielgruppengenaue Werbung ein. Algorithmen können auch bestimmen, ob wir kreditwürdig sind, ob wir einen Job bekommen oder was uns ein Produkt zu einem bestimmten Zeitpunkt kostet - entweder zu unserem Vorteil oder auch zu unserem Nachteil.

VF: Und wenn es ums Geld geht, wird es sehr schnell ernst.

Wendt: Mit unserem Angebot wollen wir ein Bewusstsein dafür wecken, dass automatisierte Entscheidungen nicht neutral und damit richtig sein müssen. Algorithmen sind immer nur so gut wie die Daten und Formeln, mit denen sie gefüttert wurden. Algorithmische Entscheidungen können also auch fehlerhaft oder diskriminierend sein. Deshalb müssen Verbraucherinnen und Verbraucher die Möglichkeit haben, sie überprüfen und anfechten zu können – jedenfalls dann, wenn sie großen Einfluss auf ihr Leben haben.

VF: Was finde ich auf der Website?

Wendt: Wir haben die Website speziell für junge Menschen konzipiert. In unterschiedlichen Formaten wie einen Kurzfilm, Podcasts, Alltagshacks, Faktenchecks und News finden Sie leicht verständliche Informationen, zum Beispiel zu Vergleichssportalen, Reisebuchungen, Datingportalen und dynamischen Preisen. Aber auch Themen wie Gesichtserkennung, Algorithmen in der Medizin, Cookies, Big Data oder die Datensammlungen von Auskunfteien sprechen wir an. Das ist ein großer Fundus an Informationen – aber niedrigschwellig und gut verständlich.   

VF: Das finde ich spannend. Davon müssten eigentlich schon Schülerinnen und Schüler erfahren.

Wendt: Die Website ist erst der Anfang. Wir planen einige der Themen, die wir auf der Website ansprechen, für die hessischen Schulen und die Erwachsenenbildung aufzubereiten. Wir denken dabei zum Beispiel an Bildungs- und Lehrmaterial, das wir den Lehrerinnen und Lehrern in Hessen zum Download zur Verfügung stellen, oder an digitale Formate wie Smartphone-Rallyes oder Lernvideos. In der Erwachsenenbildung können wir uns auch Online-Vorträge vorstellen. Klar ist, dass die Themen bekannt gemacht werden müssen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Die Fragen stellte Christoph Zörb)