Arzneimittelentsorgung - Verbraucherwissen mangelhaft

Deutschlands Flüsse und Seen scheinen sauber. Keine schäumenden Wasserläufe, keine stinkenden Bäche oder tote Fische. Doch der Schein trügt. Heute werden mehr als 150 verschiedene Arzneimittelwirkstoffe in fast allen Oberflächengewässern, zum Teil auch im Grundwasser und selbst im Trinkwasser nachgewiesen. Eine ökologische Zeitbombe tickt. Viele Verbraucher wissen gar nicht, dass sie die Verursacher sind.

Tabletten aus Dose Reinalde Roick - fotolia.com_.jpg

Tablettenkapseln kullern aus einer Dose

Die Spurenstoffe aus Schmerzmitteln, Antibiotika, blutdrucksenkenden Mitteln oder Psychopharmaka stammen meist aus häuslichen Abwässern – doch viele Verbraucher wissen gar nicht, dass sie die Umweltverschmutzung selbst verursachen. Eine repräsentative Befragung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung hat große Wissenslücken im Umgang mit Arzneimitteln festgestellt", so das Institut für sozial-ökölogische Forschung, Frankfurt.

Arzneimittelentsorgung – Risiko für die Umwelt

Die häuslichen Abwässer sind die Hauptquelle des Problems. Damit Arzneimittel im menschlichen Körper genau dort wirken, wo sie gebraucht werden, werden Arzneimittelwirkstoffe so konzipiert, dass sie ausreichend stabil sind für ihre Reise durch den menschlichen Körper. Danach werden Wirkstoffe direkt oder als Abbauprodukte mit dem Urin wieder ausgeschieden. und gelangen so ins Abwasser und damit in die Kläranlagen. Hier erschwert die große Bandbreite der chemischen Verbindungen den weiteren Abbau. Ein Teil der Arzneimittelrückstände wird daher gar nicht, andere nur zum Teil entfernt und finden so ihren Weg über den Wasserkreislauf in die Umwelt und letztlich wieder zum Menschen.

Eindeutige Daten über die Höhe des Arzneimittelverbrauchs gibt es nicht. Es werden nur jährliche Hochrechnungen veröffentlicht. Die aktuellsten verfügbaren Zahlen stammen aus dem Jahr 2012. Danach wurden über Apotheken und Krankenhäuser insgesamt 38.000 Tonnen Arzneimittel abgegeben, verteilt auf 2.671 verschiedene Wirkstoffe. Zu den verkaufsstärksten Wirkstoffgruppen gehörten Schmerzmittel (2.500 Tonnen), gefolgt von Antibiotika (500 Tonnen).

Wissenslücke: Arzneimittelentsorgung – aktuelle Studie

Laut einer Studie des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung ist knapp der Hälfte aller befragten Deutschen überhaupt nicht bekannt, dass allein schon durch die Einnahme von Medikamenten Spuren in den Wasserkreislauf gelangen. „Erstaunt haben uns bei der Befragung aber vor allem die großen Wissenslücken bei der richtigen Entsorgung von flüssigen Medikamentenresten“, so die ISOE – Forscher.

47 Prozent der Deutschen entsorgen flüssige Medikamentenreste falsch, nämlich über die Spüle oder die Toilette. Laut einer Medienanalyse des ISOE werde der richtige Umgang mit Spurenstoffen zwar häufig thematisiert, beim Verbraucher komme das aber seit Jahren nicht richtig an.

Arzneimittel richtig entsorgt

Nur 15 Prozent der VerbraucherInnen entsorgen ihre Medikamente richtig:

Das heißt – entsprechend der von der Bundesregierung empfohlenen Praxis – über den Restmüll.

Der Restmüll wird heute nicht mehr auf Deponien gelagert, sondern verbrannt. Dadurch ist die vollständige Zerstörung der Wirkstoffe gewährleistet. Bis 2009 konnten Medikamente in den Apotheken zurückgegeben werden, wo sie professionell entsorgt wurden.

Kläranlagen mit Chemie-Cocktails überfordert

Bei Antibiotika werden durchschnittlich 70 Prozent der Wirkstoffe ausgeschieden, bei manchen anderen Substanzen sind es sogar über 80 Prozent. Dramatische Zahlen - nicht nur, weil große Mengen an Medikamenten keinen medizinischen Effekt haben, sondern auch, weil sie zunehmend unser Wasser kontaminieren.

Selbst moderne Kläranlagen schaffen es nicht, diesen chemischen Cocktail zu beseitigen. Seit einigen Jahren erproben Forscher zwar neue Verfahren wie Aktivkohlefilter oder die Behandlung mit Ozon. Allerdings sind diese Technologien sehr kostspielig. Und keine von ihnen ist in der Lage, alle Stoffe zu entfernen. Einige produzieren aus den Wirkstoffen sogar neue Substanzen, die noch toxischer sind als die Ausgangsstoffe.

Antibaby-Pille "verweiblicht" Fische und Frösche

Wenn die Wirkstoffe in den Wasserkreislauf gelangen, können sie Tier- und Pflanzenwelt gefährlich werden: Hormonreste der „Pille“ haben nachweislich zur Verweiblichung männlicher Fische beigetragen. Auch sind Nierenschäden bei Fischen durch das schmerzstillende Mittel Diclofenac beobachtet worden sowie Verhaltensänderungen durch Psychopharmaka.

Die gemessenen Mengen liegen zwar deutlich unter den Grenzwerten. Doch niemand weiß, wie Menschen darauf reagieren, über Jahrzehnte lang niedrigen Dosierungen ausgesetzt zu sein. Bislang wird die Wirksamkeit von Medikamenten nur über einen begrenzten Zeitraum getestet. Im Wasser bleiben diese Stoffe aber viele Jahre erhalten. Noch schwieriger ist es, die Wechselwirkungen der zurzeit rund 3.000 in Deutschland zugelassenen pharmakologischen Substanzen vorauszusagen.

Eine Lösung: "Nachhaltige Chemie"

Klaus Kümmerer, Professor für Nachhaltige Chemie an der Leuphana Universität Lüneburg, fordert deshalb, statt Abwasser aufwändig zu reinigen, das Übel gleich an der Wurzel anzupacken. Medikamente und andere Chemikalien sollten so beschaffen sein, dass sie in Kläranlagen problemlos abbaubar sind.

Patienten wünschen sich umweltfreundliche Alternativen

Um mögliche Gefahren für die Umwelt abzuwenden, muss endlich eine wirksame Informationskampagne zur Entsorgung durchgeführt werden, so auch die ISOE-Forscher. Wichtig sei aber auch, dass sich Ärzte über die Problematik von Medikamenten-Resten im Wasser und über umweltfreundliche Medikamenten-Alternativen informieren. Vonseiten der Patienten sei die Bereitschaft da: Fast 90 Prozent der Befragten wünschen sich von ihrem Arzt – bei gleicher Wirksamkeit – umweltfreundliche Alternativangebote.

Die Repräsentativbefragung zur Medikamenten-Entsorgung wurde im Projekt „TransRisk – Charakterisierung, Kommunikation und Minimierung von Risiken durch neue Schadstoffe und Krankheitserreger im Wasserkreislauf“ durchgeführt. TransRisk wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) innerhalb des BMBF-Schwerpunktes „Risikomanagement von neuen Schadstoffen und Krankheitserregern im Wasserkreislauf“ (RiSKWa) gefördert. Die Projektleitung liegt bei Prof. Thomas Ternes, Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz.

Projektübersicht zu Schadstoffen im Wasser