Taschendiebstahl

Auf Festen, dem Wochenmarkt, im Bus oder in der dichtgedrängten Fußgängerzone kommt es immer wieder zu Taschendiebstahl. Ehe man sich versieht, ist der Geldbeutel weg. Wie man vorbeugen kann, das erklären wir im ersten Teil unserer Aufklärungsserie mit dem Experten des Hessischen Landeskriminalamtes, Christoph Schulte.

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Dieb klaut Geldbörse

Besonders Senioren fallen immer wieder auf die kriminellen Machenschaften von Betrügern und Kriminellen rein. Ihre Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit wird dreist ausgenutzt. In unserer siebenteiligen Serie greifen wir verschiedene kriminelle Phänomene auf und zeigen, wie sich Senioren und Verbraucher verhalten sollen, damit sie nicht in die Fallen der Betrüger tappen und Opfer von Straftaten werden.

VF: Herr Schulte, man hört es so oft: „Tragen Sie Ihre Taschen eng am Körper“ und dann  greifen die Taschendiebe trotzdem erfolgreich zu. Woran liegt das?

Schulte: Es liegt meist daran, dass die Betroffenen sorglos unterwegs sind, ihre Handtasche beim Einkauf auf dem Wochenmarkt zum Beispiel nicht wieder zu machen und an den Körper legen oder das Portemonnaie ohne Bedenken in die hintere Hosentasche stecken.

VF: Man müsste ja glauben, dass die Menschen durch stetige Aufklärung mittlerweile sensibilisiert sind.

Schulte: Die Zahlen sprechen leider eine andere Sprache. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden im Jahr 2016 in Hessen 7638 Taschendiebstähle angezeigt. Taschendiebstahl ist daher nach wie vor ein aktuelles Phänomen und in der Großstadt-Öffentlichkeit neben Autoaufbruch, Fahrraddiebstahl und Sachbeschädigungen am Auto eines der häufigsten Delikte. Es ist also weiterhin wichtig, die Menschen aufzuklären.

VF: Wo lauern die größten Gefahren?

Schulte: Insbesondere im Gedränge bei Veranstaltungen, in Geschäften oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Jahr 2016 entstand in Hessen dort ein Schaden von  rund 2,4 Millionen Euro.

VF: Kann ich Kriminelle erkennen?

Schulte: Sie lassen sich am typisch suchenden Blick erkennen und meiden meist den direkten Blickkontakt zum Opfer und schauen eher nach der Beute. Taschendiebfreundliche Zeiten sind insbesondere die Rushhour im ÖPNV, eine Stunde vor Ladenschluss im Einkaufszentrum oder Schlussverkäufe sowie die Vorweihnachtszeit.

VF: Mit welchen Tricks arbeiten die Diebe?

Schulte: Zu nennen sind natürlich die Klassiker wie der Rempel-Trick oder der Drängel-Trick. Das Opfer wird im Gedränge angerempelt oder in die Zange genommen, beim Einsteigen stolpert der Vordermann, er bückt sich oder bleibt plötzlich stehen. Während das Opfer aufläuft und abgelenkt ist, greift ein Komplize in die Tasche. In vollen Bussen oder Bahnen rückt ein Dieb unangenehm dicht an das Opfer heran, das ihm den Rücken zuwendet und so die Tasche griffbereit anbietet. Ein anderer Klassiker ist der Beschmutzer-Trick. Insbesondere nach einem Bankbesuch wird das Opfer „versehentlich“ mit Ketchup, Eis oder einer Flüssigkeit bekleckert. Beim wortreichen Reinigungsversuch verschwindet das gerade abgehobene Geld aus der Bekleidungstasche.

VF: In der letzten Zeit liest man oft, dass die Opfer nur den Stadtplan erklären oder Geld wechseln wollten.

Schulte: Ja, das stimmt. Fremde fragen das Opfer nach dem Weg und halten ihm einen Stadtplan vor oder bitten es - etwa auf Bahnhöfen - an einen ausgehängten Plan. Während sich das Opfer orientiert und abgelenkt ist, plündern andere Täter die Hand- oder Umhängetasche.

Beim Geldwechsel-Trick läuft es so, dass das Opfer Geld wechseln soll. Wenn das Opfer das Portemonnaie herausholt und das Münzfach öffnet, wird es vom Täter abgelenkt. Während dieser beispielsweise seine Münze in die Börse wirft, nimmt er Banknoten heraus.

In den Fußgängerzonen kommt auch häufig der Bettel-Trick vor. Kinder halten dem Opfer im Lokal ein Blatt Papier vor mit der Bitte um eine Spende. Oder sie tollen auf der Straße um das Opfer herum und betteln es an. Dabei nutzt einer die Ablenkung für den raschen Griff nach der Geldbörse oder in die Handtasche.

VF: Wie sieht es mit Taschendiebstahl im Supermarkt aus?

Schulte: Der kommt auch häufig vor. Im Supermarkt fragen Fremde das Opfer nach einer bestimmten Ware. Während es danach sucht, wird die Tasche am Einkaufswagen ausgeräumt.

VF: Mit welchen Tricks muss ich noch rechnen?

Schulte: Nicht ganz so häufig und daher für das Opfer überraschend und unbekannt sind der Blumen- oder der Hochhebe-Trick.

VF: Was versteckt sich dahinter?

Schulte: Beim Hochhebe-Trick behauptet jemand in einer Gaststätte, das Gewicht des Opfers schätzen zu können. Beim Hochheben zieht der Täter oder ein Komplize die Geldbörse. Beim Blumen-Trick begrüßt ein Fremder das Opfer freundschaftlich, umarmt es oder steckt ihm eine Blume an, während das Opfer verdutzt ist, verschwindet die Brieftasche.

VF: Im Fokus unserer Serie stehen die Senioren. Gibt es für sie besondere Tricks?

Schulte: Alle genannten Tricks können Senioren treffen. Zudem werden Senioren häufig Opfer vom Taschenträger-Trick. „Taschenträger“ oder „-trägerinnen“ spähen ältere Personen beim Einkaufen aus und bieten ihnen scheinbar hilfsbereit an, den Einkauf nach Hause zu tragen. Dort eilen sie mit der Tasche die Treppe hinauf, während der ältere Mensch nicht so schnell hinterherkommt. Unterwegs nehmen sie die Geldbörse heraus, stellen die Tasche vor die Tür und kommen dem Opfer grüßend entgegen. Der Verlust wird erst später bemerkt.

VF: Was raten Sie den Seniorinnen und Senioren?

Schulte: Seien Sie wachsam und geben Sie Ihre Tasche mit Ihrem Portemonnaie nie aus der Hand. Tragen Sie die Tasche verschlossen auf der Körpervorderseite oder klemmen Sie sich diese unter den Arm. Lassen Sie Geldbörsen nicht oben in der Einkaufstasche, im Einkaufskorb oder dem Einkaufswagen liegen.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Stand: Mai 2017

Tipps, damit Sie nicht bestohlen werden
  • Taschendiebe lassen sich am typisch suchenden Blick erkennen: Sie meiden den direkten Blickkontakt zum Opfer und schauen eher nach der Beute.
  • Tragen Sie Geld, Schecks, Kreditkarten und Papiere immer in verschiedenen verschlossenen Innentaschen der Kleidung möglichst dicht am Körper.
  • Tragen Sie Hand- und Umhängetaschen verschlossen auf der Körpervorderseite oder klemmen Sie sie sich unter den Arm.
  • Benutzen Sie einen Brustbeutel, eine Gürtelinnentasche, einen Geldgürtel oder eine am Gürtel angekettete Geldbörse.
  • Legen Sie Geldbörsen nicht oben in die Einkaufstasche, den Einkaufskorb oder den Einkaufswagen, sondern tragen Sie sie möglichst körpernah. Hängen Sie Handtaschen im Restaurant, im Kaufhaus oder im Laden (selbst bei der Anprobe von Schuhen oder Kleidung) nicht an Stuhllehnen und stellen Sie sie nicht unbeaufsichtigt ab.