Kaffeefahrten: Steig‘ nicht bei Fremden ein

Besonders Senioren melden sich immer wieder zu Busfahrten an, die sich im Laufe des Tages als Kaffeefahrten entpuppen. Überrascht von den aggressiven Verkaufsmethoden und überredet von scheinbar positiven Erfahrungen anderer Mitreisender lassen sie sich zu Vertragsabschlüssen überreden, die sie später bereuen.

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Doppeldeckerbus

Dubiose Geschäftemacher erfinden ständig neue Tricks, um arglose ältere Menschen in ihre Busse und ihre Verkaufsveranstaltungen zu locken. Wie man vorbeugen kann, erklärt im sechsten Teil unserer Serie eine Expertin, Katharina Lawrence von der Verbraucherzentrale Hessen. Christoph Zörb vom „VerbraucherFenster“ hat mir ihr gesprochen.

VF: Hand auf’s Herz: Man müsste ja meinen, dass sich Verbraucher nicht mehr durch Gewinnmitteilungen locken lassen?

Lawrence: Haben Sie eine Ahnung! Jeder träumt doch von einem hohen Gewinn. Das lockt und wird wohl immer locken. Hinzu kommt, dass der ein oder andere Senior gerne mal eine kleine Tagesreise mit Verpflegung unternehmen würde – und deshalb nicht abgeneigt ist, den angekündigten Gewinn vor Ort im Rahmen einer Veranstaltung in Empfang zu nehmen.

VF: Und deswegen landen regelmäßig so viele Einladungen bei Leuten im Briefkasten, die mit Vornamen Reinhold, Horst oder Kurt heißen?

Lawrence: Vom Namen kann man halt auf das Alter schließen. Deshalb ist eher ein Heinrich potenzieller Kunde als ein Kevin oder ein Luca! In persönlich gehaltenen Anschreiben stellen sich Firmen beispielsweise als Ziehungszentrale, Insolvenzverwaltung oder Reservierungsservice vor und versprechen hohe Geldsummen und wertvolle Geschenke. Verbraucher haben mir schon Briefe vorgelegt, bei denen beispielsweise auch handschriftliche Eintragungen des Angeschriebenen aus einem Kreuzworträtsel auf die Schreiben kopiert worden sind.

VF: Was blüht denen, die sich zu so einer Tour anmelden?

Lawrence: In aller Frühe geht es los. Man wird ortsnah abgeholt. Das ist ganz bequem. Ziel ist angeblich eine beliebte Sehenswürdigkeit oder eine schöne Stadt. Angekündigt wird der Besuch einer Gaststätte zur Mittagszeit, wo Speisen kostenfrei oder zu ermäßigten Preisen gereicht werden. Außerdem wird der Eindruck erweckt, dass im Rahmen dieses Aufenthalts auch die wertvollen Gewinne überreicht werden.

VF: Klingt nicht so schlecht?

Lawrence: Ist es aber! Das Ziel ist häufig ein abgelegener Landgasthof. Von den touristischen Attraktionen und Sehenswürdigkeiten der Gegend bekommen diese Busreisenden häufig nichts zu sehen. Dafür wird die Verweildauer in der Gaststätte oder dem Saal in die Länge gezogen.

VF: Das ist genau das, was die Kaffeefahrten-Betreiber wollen. Und dann geht es mit dem Verkaufen los. Mit welchen Tricks arbeiten die Geschäftemacher?

Lawrence: Da Kaffeefahrten häufig den ganzen Tag dauern, haben die geschäftstüchtigen Verkäufer während dieser Zeit ausgiebig Gelegenheit, sich intensiv um die Senioren zu bemühen und sie als Kunden zu werben.

VF: Es wird also im Laufe der Busfahrt eine persönliche Beziehung zu den Senioren und potentiellen Kunden aufgebaut?

Lawrence: Ja, das stimmt. Ein Dankbarkeits- oder Peinlichkeitsgefühl wird erzeugt. Manche Teilnehmer berichten hinterher, dass sie sich geradezu einem psychologischen Kaufzwang ausgesetzt sahen. Je länger die Veranstaltung dauerte, desto schwerer sei es ihnen gefallen, nicht auch etwas zu kaufen.

VF: Wie muss man sich das vorstellen?

Lawrence: Der Kunde kauft die Ware anstandshalber und nicht, weil er das Angebot geprüft oder für gut befunden hätte. Eine Masche ist, den Teilnehmern unentgeltliche Zuwendungen zu machen. Höfliche Verbraucher meinen, einem an sich nicht beabsichtigten Kauf nicht ausweichen zu können, weil es ihnen peinlich ist, für die Heimreise in den Bus zu steigen, ohne auch gekaufte Ware in der Hand zu halten.

VF: Gibt es eigentlich noch die gute alte Heizdecke – oder was wird typischerweise angeboten?

Lawrence: Neben Magnetmatten, Rheumadecken oder diversen „Wundermitteln“ hat insbesondere der Verkauf von Reisen immer noch Konjunktur. Für die angeblichen Schnäppchen wird während der Verkaufsveranstaltung eine sogenannte Beratungs- und Servicegebühr zwischen 50 bis 80 Euro pro Reise und Reisenden verlangt. Diese Gebühr ist sofort in bar zu zahlen. Ist nicht genug Bargeld vorhanden, bieten die „Reise-Verkäufer“ die Möglichkeit der Zahlung per Girokarte an.

VF: Kaum wieder zuhause bereuen dann viele Verbraucher den Abschluss solcher Reiseverträge. Und dann?

Lawrence: Die Reiseverträge schweigen sich häufig zu Ort, Reisezeit und sonstigen Leistungen schlicht aus. Dies stellen Verbraucher erst in einer ruhigen Minute zu Hause fest und widerrufen anschließend die auf der Kaffeefahrt geschlossenen Verträge. Aber unabhängig davon stehen die gezahlten Beratungs- und Servicegebühren im Raum. Letztendlich versucht man jedoch häufig vergeblich, den Zahlungsempfänger nebst Adresse zu identifizieren, Einziehungsbelege und Quittungen fehlen oder sind unleserlich. Frustriert bleiben in der Praxis Verbraucher regelmäßig auf diesen Kosten sitzen.

VF: Auf den ursprünglichen Einladungen waren doch Gewinne versprochen worden, kann man die nicht einklagen?

Lawrence: An sich hat man bei einer Gewinnzusage den Anspruch auf die Aushändigung des Gewinns. Die Durchsetzung dieses Rechts ist aber selten praxistauglich. Es fehlt für die gerichtliche Geltendmachung die ladungsfähige Anschrift des Versprechenden oder der sogenannte Gewinn war von vornherein lediglich eine Option auf eine Nominierung für einen Gewinn.

Um es auf den Punkt zu bringen: Was raten Sie den Seniorinnen und Senioren im Blick auf Kaffeefahrten?

Lawrence: Melden Sie sich nicht für Veranstaltungen an, die Ihnen mit noch so schönen Worten angekündigt werden. Beherzigen Sie den Satz, den Sie Ihren Enkelkindern sagen: „Steig‘ nicht bei einem Fremden ein und nimm nichts von einem Fremden an.“ Nehmen Sie vielmehr die Angebote Ihres örtlichen Sport- und Seniorenvereins wahr. Erleben Sie dort mit Gleichgesinnten angenehme Tagesausflüge ohne bitteren Nachgeschmack.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Stand: Juli 2017

Die VerbraucherFenster-Tipps von Expertin Katharina Lawrence
  • Wenn Sie an einer sogenannten Kaffeefahrt teilnehmen und Verträge abschließen, die sie später rückgängig machen wollen, steht Ihnen ein Widerrufsrecht innerhalb einer Frist von 14 Tagen zu.
  • Der Widerruf muss durch Erklärung gegenüber dem Vertragspartner erfolgen.
  • Eine Begründung des Widerrufs ist nicht erforderlich.
  • Achtung: Die Nichtabnahme oder bloße Rücksendung der Ware ist nicht zwingend die Erklärung eines Widerrufs.
  • Aus Beweisgründen empfiehlt es sich, ein Einwurfeinschreiben zu schicken.
  • Die Widerrufsfrist von 14 Tagen beginnt grundsätzlich mit dem Vertragsschluss, setzt aber voraus, dass Sie ordnungsgemäß belehrt worden sind. Bei Warenlieferung beginnt die Frist erst mit Erhalt der Ware. Ohne ordnungsgemäße Widerrufsbelehrung bleibt Ihnen auch noch länger (ein Jahr und 14 Tage) Zeit sich vom Vertrag zu lösen.