Das Elend der „Corona-Hunde“: überforderte Tiere, überforderte Menschen

Im Corona-Jahr 2020 haben sich so viele Leute einen Hund angeschafft wie nie zuvor. Der Wunsch nach Nähe und Zuneigung war während monatelanger Lockdowns und der Pflicht zum Abstand halten groß. Ebenso wie die Hoffnung, diesen Sehnsüchten mit dem Einzug eines Vierbeiners nachkommen zu können. Nicht selten wird der Traum vom treuen Begleiter in unsicheren Zeiten zum Albtraum – und zwar für Mensch und Tier.

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Hund mit Maulkorb liegt auf Wiese

Vielen Ersthundebesitzern ist gar nicht klar, was die Anschaffung des neuen Familienmitglieds bedeutet

Noch im November 2020 klang die Idee vom eigenen Hund toll. Schließlich waren Reisen in ferne Länder auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt, berufliche Tätigkeiten fanden bereits seit Monaten in den eigenen vier Wände statt und Fußballtraining, Kino und Freunde treffen waren sowieso tabu. Da blieb vermeintlich viel Zeit für die Anschaffung und Eingewöhnung eines Hundes.

Viele Tierfreunde machen sich vor dem Einzug eines Hundes allerdings keine Gedanken darüber, ob der Vierbeiner tatsächlich in das Familienleben passt – etwa dann, wenn der Lockdown vorbei, ein Sommerurlaub am Mittelmeer wieder möglich und der Berufsalltag zurück in die offiziellen Büroräume verlegt worden ist.

Überforderte Hunde und überforderte Menschen: Viele wurden auch betrogen

Nicht wenige der unerfahrenen Hundekäufer wurden schlicht betrogen mit angeblichen Rassewelpen, die in Wirklichkeit keine waren. Stattdessen entpuppten sich die Hunde als gefährliche Mischungen, die trotz Trainings- und Resozialisierungsbemühungen immer speziell bleiben und kaum verantwortungsvoll an Hundehalter mit Kindern und Garten vermittelt werden können. Experten nennen sie „Schattenhunde“. Und für diese Hunde gab es im Lockdown nicht einmal geöffnete Hundeschulen!

Solche Tiere in unerfahrenen Händen hinterlassen nicht selten eine blutige Spur. Meldungen über Beißvorfälle häuften sich. Und am Ende landeten viele der einst süßen Welpen als Langzeitinsassen im Tierheim. Dort treffen sie auf echte Rassehunde, junge Gebrauchshunde wie Schäferhunde, Border Collies oder Dobermänner, die als Herdenschützer oder „Wachhunde“ im Hochhaus fehl am Platz sind. Das ist das Elend der Corona-Hunde.

Hund ist nicht gleich Hund

Experten schlagen Alarm. „Nicht nur die Überlegung, ob man überhaupt genug Zeit für ein Tier aufbringen kann, kommt vor der Anschaffung häufig zu kurz, auch die Wahl einer geeigneten Hunderasse wird kaum berücksichtigt“; berichtet Ute Heberer, Hundetrainerin, Expertin für Aggressionsverhalten und Leiterin des Tierheims „Tiere in Not“ im Odenwald.

„Je nach Rasse haben die Tiere unterschiedliche Wesen und Bedürfnisse oder benötigen erfahrene Besitzer, die diesen gerecht werden können. Nicht immer ist es mit guter Erziehung getan. Viele Wesenszüge beruhen auf genetischer Veranlagung und dagegen kommt man nur bedingt an. So hat ein Jagdhund beispielsweise die genetische Veranlagung zu jagen, ein Herdenschutzhund wiederum verteidigt sein Umfeld und kann nicht in einer 60 Quadratmeter-Wohnung mit Vorgarten gehalten werden,“ so die Gewinnerin des Hessischen Tierschutzpreises 2014.

„Auch Hunde aus dem Tierschutz und aus anderen Ländern können „spannende“ Rassemischungen in sich tragen, die neben möglicherweise traumatischen Erlebnissen das Verhalten des Hundes prägen können und sogar von Hundetrainern nicht immer erkannt oder falsch eingeschätzt werden. Häufig ist die Rassebeschreibung von der Tierschutzorganisation schlichtweg falsch angegeben!“

Schnell kann sich so die unüberlegte Hundeanschaffung zu einer falschen Entscheidung entpuppen und Mensch und Tier überfordern oder sogar zu einem gefährlichen Albtraum werden.

Illegaler Handel mit Welpen boomt

Aufgrund der große Nachfrage während der Corona-Pandemie, sind Züchter mittlerweile für lange Zeit im Voraus ausgebucht. Kriminelle Banden mit teils mafiösen Strukturen wittern hier das große Geschäft. Sie bieten Hundekinder mit dubioser Herkunft – oft aus dem osteuropäischen Ausland – im Internet zum Kauf an. Die Preise sind horrend, die Zuchtbedingungen schlecht. Meist werden die Tiere viel zu früh von der Mutter getrennt und sind daher verhaltensauffällig, weisen Krankheiten auf und die Begleitpapiere sind gefälscht.

Ausbildung des Hundes ist essenziell – aufgrund von Corona allerdings oft zu kurz gekommen

Wer in Zeiten von Corona auf den Hund gekommen ist und bisher wenig Erfahrung in Sachen Hundeerziehung aufweist, hat aufgrund des Lockdowns über längere Zeit kaum Möglichkeiten gehabt, sich Unterstützung in der Hundeschule oder bei einem Trainer zu holen. Nicht selten entwickelt sich der neue Mitbewohner daher zu einem „Problemhund“: Junghunde im Teenageralter tanzen ihren Familien auf der Nase herum, falsch vermittelte Hunderassen und ihre Besitzer sind überfordert, Beißvorfälle nehmen zu. So kommt es dazu, dass sich mittlerweile in vielen Tierheimen die Abgaben häufen.

Der Einzug des Hundes sollte wohl überlegt sein

Hundeinteressenten sollte ehrlich zu sich sein und genau überlegen, ob sie die Zeit aufbringen können, sich um das Tier zu kümmern. Dazu gehören neben Spaziergängen bei Wind und Wetter, auch die Erziehung daheim und in der Hundeschule. Je nach Rasse sind zudem verschiedene Hundesportarten sinnvoll, um für eine Auslastung des Tieres zu sorgen. Ein Hund kann auch bedeuten, auf den ein oder anderen Urlaub verzichten zu müssen oder aber die Ferien mit dem Vierbeiner zu organisieren.

Berufstätige sollten sich fragen, wie lange der Hund täglich alleine bleiben muss, sobald die Homeoffice-Regelung wieder zurückgenommen wird.

Wer der Meinung ist, auch nach der Corona-Pandemie den Alltag mit Vierbeiner zu wuppen, sollte sich überlegen, ob er dies die nächsten 15 Jahre schafft – so alt kann ein Hund schließlich werden.

Die Anschaffung ist zudem kostspielig, zum Beispiel, wenn der Hund krank wird. Nicht zuletzt kann die Größe entscheidend sein. Ist der Hund noch in der Wohnung willkommen, wenn er ausgewachsen ist? Gibt es einen Garten?

Wie alt sind die Kinder und gibt es pflegebedürftige Personen im Haushalt? Kommt oft Besuch vorbei?

Beratung durch Hundetrainer sinnvoll

Vor dem Kauf ist zudem Rücksprache mit einer Hundeschule oder einem Hundetrainer sinnvoll. Gegen einen geringen Kostenaufwand kann man sich hier über die passende Hunderasse beraten lassen, um böse Überraschung zu vermeiden. Generell helfen Hundeschulen bei der Ausbildung von Junghunden weiter und sind auch bei aufkommenden Problemen die richtigen Ansprechpartner.

Weitere wertvolle Tipps zur Hundeanschaffung gibt es unter anderem in der Hundefibel des Hessischen Umweltministeriums.

Bei Tierschutzhunden Verträge checken

Fällt die Wahl auf einen Hund von einer ausländischen Tierschutzorganisation, sollten Interessenten vor Abschluss des Übergabevertrags diesen genau prüfen. Oft ist es nicht möglich, die Tiere wieder an die Organisation zurückzugeben, sollte es in der Familie zu schwerwiegenden Problemen kommen. Dann bleibt oft nur die Hundepension, bis das Tier neu vermittelt ist. Die Kosten hierfür trägt der Besitzer.

Welpen nicht auf Ebay kaufen

Soll es sich bei dem neuen Familienmitglied um einen Welpen handeln, müssen aktuell die langen Wartezeiten beim Züchter in Kauf genommen werden. Von Ebay-Käufen ist in jedem Falle dringend abzuraten!

Dog Sharing - Schöne Alternative mit weniger Verantwortung

„Statt sich einen eigenen Hund zuzulegen, können Tierfreunde auch im Tierheim des Vertrauens beim Ausführen der Hunde mithelfen oder auf die Tiere von Freunden, Nachbarn und Bekannten aufpassen“, schlägt Ute Heberer vor. „Dog Sharing - das macht Spaß, man ist in tierischer Gesellschaft und gleichzeitig tut man etwas Gutes“. (Sie)

Stand: Juni 2021