Antibiotikaresistente Bakterienstämme in Lebensmitteln

Der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast erhöht die Gefahr, dass für den Menschen verabreichte Antibiotika nicht mehr wirken. Für die öffentliche Gesundheit kann das ein ernstes Risiko darstellen. Dies bestätigen die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit.

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Bakterien

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat eine Bewertung veröffentlicht zu der Frage:  Geht von Lebensmitteln und zur Lebensmittelerzeugung genutzten Tieren ein Risiko für die öffentliche Gesundheit aus hinsichtlich der Verbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien? Das EFSA-Gremium für biologische Gefahren (BIOHAZ) kommt zu dem Schluss, dass der Einsatz von Antibiotika bei Tieren, die zur Lebensmittelerzeugung genutzt werden, ein Risiko in Bezug auf die Ausbreitung dieser Bakterienstämme darstellt.

Die Sachverständigen empfehlen zur Begrenzung des von Resistenzen in der Nahrungskette ausgehenden Risikos für die öffentliche Gesundheit: die Verringerung der Gesamtverwendung von Antibiotika sollte bei der Lebensmittelerzeugung in der Europäischen Union Priorität haben.

Antibiotikaresistente Bakterienstämme in Lebensmitteln - Die Situation

"Aufgrund der zunehmenden Anwendung von Antibiotika wird die Behandlung von Infektionen immer schwieriger. Bakterien bilden Resistenzen gegenüber Antibiotika, und breiten sich aus. Heute sind wir immer öfter nicht in der Lage, Infektionen zu behandeln", so die Weltgesundheitsorganisation WHO.

"Allein in den Ländern der Europäischen Union sterben jährlich über 25 000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien."

"Antibiotikaresistenzen" haben - laut WHO - heute auch Auswirkungen auf die Lebensmittelsicherheit: Antibiotika werden bei Zuchttieren oft unsachgemäß angewandt, also nicht nur zur Behandlung, sondern auch zur Wachstumsförderung und zur Krankheitsprävention. In manchen Ländern kommen sie bei Tieren offenbar mehr zur Anwendung als in der Humanmedizin. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Bevölkerungsgesundheit, da Resistenzen über die Nahrungskette von Tieren auf die Menschen übertragen werden können.

Antibiotikaresistente Bakterienstämme in Lebensmitteln - Die Folgen

Der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast erhöht die Gefahr, dass beim Menschen verabreichte Antibiotika kaum oder gar nicht mehr wirken. Das geht aus einer neuen Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hervor (Link : s. u.). Antibiotika werden eingesetzt, um Infektionskrankheiten in den Tierställen vorzubeugen oder bereits ausgebrochene Krankheiten zu behandeln.

Die EU-Kommission hatte die Studie in Auftrag gegeben, weil immer mehr Bakterienstämme bekannt werden, die gegen Antibiotika unempfindlich sind. Besonders schwerwiegend ist dies bei der Wirkstoffgruppe Cephalosporine der dritten und vierten Generation. Laut Weltgesundheitsorganisation gehören sie zu den wenigen Präparaten zur Behandlung etwa einer bakteriellen Hirnhautentzündung oder einer Salmonellen-Infektion bei Kindern. Sollte die Wirkung dieser Medikamente in Zukunft nachlassen, dann lassen sich manche Krankheiten schlechter oder gar nicht mehr behandeln.

Warum werden Bakterien überhaupt resistent gegen Antibiotika? 

"Resistenzen breiten sich von der Nahrungskette und der Umwelt aus. Antibiotikaresistente Bakterien und Resistenzgene können durch Kontakt mit Lebensmitteln oder Zuchttieren auf den Menschen übertragen werden. Dies ist auf die übermäßige und missbräuchliche Anwendung von Antibiotika zur Krankheitsprävention oder Wachstumsförderung bei Zuchttieren zurückzuführen. Manche Antibiotika, wie Ciprofloxacin, sind von entscheidender Bedeutung für die Humanmedizin, werden aber gleichzeitig von Tierärzten in großem Umfang an Zuchttieren eingesetzt. So entstehen Arzneimittelresistenzen, die sich auf den Menschen ausbreiten können. Zwar ist die Verwendung von Antibiotika zur Wachstumsförderung seit 2006 in der Europäischen Union verboten, doch ist dies nicht in allen Ländern der Europäischen Union der Fall", kritisiert die Weltgesundheitsorganisation.

Übertragung durch tierische Lebensmittel

Über tierische Lebensmittel – etwa Fleisch – können die Keime auf den Menschen übertragen werden. Dieser Pfad lasse sich damit belegen, dass die Keime in den Tieren genetisch identisch sind mit denen, die in Menschen nachgewiesen wurden, so die EFSA-Wissenschaftler.

Dies hat - laut WHO - "erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung, da resistente Bakterien die Resistenzgene über die Nahrungskette auf den Menschen übertragen können. Resistenzen in Bakterien vom Typ Salmonella und Campylobacter spp., zwei verbreitete, durch Lebensmittel übertragene Bakterien, stehen in eindeutigem Zusammenhang mit dem Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht. Und durch Lebensmittel übertragene Erkrankungen beim Menschen infolge solcher resistenten Bakterien sind gut dokumentiert."

Antibiotikaresistente Bakterienstämme am häufigsten in Hühnern

Laut EFSA wurden unter allen Tieren, die der Lebensmittelproduktion dienen, am häufigsten in Hühnern antibiotikaresistente Bakterienstämme gefunden – in erster Linie die Keimarten Salmonellen und Escherichia coli.

Warum vor allem Hühner betroffen sind, legt die Vermutung nahe, dass die Anzahl der Tiere in einem Stall hier besonders groß ist und je mehr Tiere auf engstem Raum zusammenleben, desto leichter kann sich ein antibiotikaresistenter Keim ausbreiten. 

Anlass zu besonderer Sorge geben Resistenzen gegen Antibiotika, die unverzichtbar für die Humanmedizin sind. So lag - nach WHO-Angaben - beispielsweise 2007 in der Europäischen Union der Anteil der in Brathähnchen gefundenen Bakterien vom Typ Salmonella spp., die eine Resistenz gegenüber Ciprofloxacin, einem der wichtigsten Antibiotika, aufwiesen, bei 29 %.

Weiterer Risikofaktor ist der umfangreiche Tierhandel in der EU

"Ein zusätzlicher Risikofaktor ist der umfangreiche Tierhandel in den EU-Staaten", heißt es in der EFSA-Studie weiter. Denn mit den Tiertransporten quer über den Kontinent reisen auch die antibiotokaresistenten Bakterien quer durch Europa.

Die Wissenschaftler weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass nur zwei Unternehmen mehr als 85 % des europäischen Marktes für Großelterntiere beherrschen, aus denen Hühner für die Fleischproduktion gezüchtet werden. Wenn ein antibiotikaresistenter Keim in einer dieser beiden Firmen auftritt, könnte er sich rasant verbreiten.

Schließlich erhöhen Reiseverkehr und Globalisierung des Handels weiter die Gefahr einer Ausbreitung antibiotikaresistenter Bakterien, da diese durch Menschen, Tiere und Nahrungsmittelprodukte übertragen werden.

"Angesichts des wachsenden Reise- und Handelsvolumens in Europa und weltweit müssen sich die Bürger darüber im Klaren sein, dass kein Land in Sicherheit ist, bis alle Länder gegen dieses Problem ankämpfen“, so die WHO.

Ausblick: Neue Antibiotika

"Die Notwendigkeit neuer Antibiotika wächst in dem Maße, in dem sich Resistenzen in den Ländern der Europäischen Region ausbreiten und die Behandlung von Infektionen wie Blutvergiftungen sehr erschweren, selbst bei Einsatz von Reserveantibiotika. Derzeit sind nur sehr wenige Antibiotika zur Bekämpfung resistenter Bakterien in Entwicklung, und die weltweite Ausbreitung hochgefährlicher Resistenzgene gilt unter Experten als Albtraum-Szenario. Die multiresistente Tuberkulose, die - nach WHO-Angaben - vor allem im Osten Europas ein sehr großes Problem darstellt, breitet sich weiter aus und bedroht viele Menschenleben."

Schlussfolgerung und Empfehlung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit

Das EFSA-Gremium für biologische Gefahren (BIOHAZ) kommt zu dem Schluss, dass der Einsatz von Antibiotika bei Tieren, die zur Lebensmittelerzeugung genutzt werden, einen Risikofaktor in Bezug auf die Ausbreitung dieser Bakterienstämme darstellt.

Die Sachverständigen empfehlen, dass, im Hinblick auf die Begrenzung des von Resistenzen in der Nahrungskette ausgehenden Risikos für die öffentliche Gesundheit, die Verringerung der Gesamtverwendung von Antibiotika bei zur Lebensmittelerzeugung genutzten Tieren in der Europäischen Union (EU) von Priorität sein sollte.

Eine wirksame Maßnahme wäre dem Gremium zufolge die Einschränkung oder gänzliche Einstellung der Verwendung von Cephalosporinen bei der Behandlung von Tieren, die zur Lebensmittelerzeugung genutzt werden.

Definitionen:  Antibiotika und Antibiotikaresistenz

Antibiotika sind eine Untergruppe antimikrobieller Wirkstoffe, die ausschließlich gegen Bakterien wirken. Sie können entweder natürlich von Bakterien oder Schimmelpilzen gewonnen oder synthetisch hergestellt werden. Im wissenschaftlichen Sinne werden unter „Antibiotika“ nur natürlich gewonnene antimikrobielle Wirkstoffe verstanden, doch in diesem Text wird der Begriff als Bezeichnung für alle Arzneimittel oder Wirkstoffe gegen bakterielle Infektionen verwendet.

Die Entstehung von Antibiotikaresistenz ist ein natürliches biologisches Phänomen, das beim Gebrauch von Antibiotika auftritt. Antibiotikaresistenzen entstehen aus der Fähigkeit von Bakterien heraus, einen Angriff von Antibiotika abzuwehren. Diese kann sich entweder durch Mutation oder durch den Erwerb von Resistenzgenen von anderen, bereits resistenten Bakterien herausbilden.

Die wichtigsten Antriebskräfte für die Entstehung solcher Resistenzen sind der Gebrauch von Antibiotika, insbesondere ihr übermäßiger Einsatz, aber auch ihr unsachgemäßer oder unzureichender Gebrauch, sowie die Übertragung und Ausbreitung von bereits resistenten Bakterienstämmen oder von Genen, die Träger von Resistenzinformationen sind.

Quelle: WHO

Quellen:

Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) :

EFSA bewertet Risiko für die öffentliche Gesundheit durch antibiotikaresistente Bakterienstämme in Lebensmitteln sowie in zur Lebensmittelerzeugung genutzten Tieren  (Webnachricht 02. August 2011)

Antibiotikaresistenz 

Weltgesundheitsorganisation (WHO) / Europa:

Informationen für Landwirte, Tierärzte sowie Veterinär- und Lebensmittelsicherheitsbehörden   (Faktenblatt, 7. April 2011)

Untätigkeit ist tödlich. Antibiotikaresistenzen breiten sich in der Europäischen Region weiter aus  (Pressemitteilung vom 07. April 2011)

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Fragen und Antworten zu ESBL-tragenden antibiotikaresistenten Keimen  (FAQ vom 28. Juli 2011)