Wenn sich Verbraucher und Landwirte an einen Tisch setzen…

Die Initiative „Du bist hier der Chef“ hat eine Milch in die Supermarktregale gebracht, bei deren Produktion Verbraucher und Landwirte maßgeblich mitentschieden haben. Die Verpackung macht dabei mit dem großen Aufdruck „Diese Milch wurde von uns Verbrauchern gewählt“ auf sich aufmerksam. Weitere Produkte sollen folgen und die Verbraucher sind aufgefordert abzustimmen!

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Mädchen lacht und hält Glas mit Milch in der Hand

Was Erzeuger und Verbraucher wollen

Lebensmittel zu produzieren, die sowohl die Wünsche auf Verbraucherseite als auch die Bedürfnisse der Produzenten abdecken, klingt erst mal nach einem ziemlichen Mammutprojekt – aber es ist gelungen! Das erste Produkt, bei dem Verbraucher und Landwirte mitentschieden haben, ist eine Milch.

Lange schon beklagen Milchbauern die Preispolitik im Handel und die sinkenden Einkaufspreise. Verbraucher hingegen legen beim Einkauf tierischer Lebensmittel immer größeren Wert auch Tier- und Umweltschutz. Da muss man doch zusammenkommen können – so oder ähnlich war wohl der Gedanke des Gründers der Initiative und Verbrauchermarke „Du bist hier der Chef!“, Nicolas Barthelmé (Eltville). Ziel seines bundesweit aktiven Vereins ist, dass Verbraucher beim Herstellungsprozess von verantwortungsbewusst produzierten Lebensmitteln mitbestimmen dürfen und so die Produktion transparenter wird. Gleichzeitig sollen Landwirte fair entlohnt werden.

Die Idee dahinter

Auf der Website „Du bist hier der Chef!“ können Verbraucher online entscheiden, welche Lebensmittel über die Initiative hergestellt werden sollen. Gleichzeitig sieht sich die Initiative nach Landwirten und Verarbeitungsbetrieben um, bespricht mit diesen Produktionskriterien und Preise und entwickelt daraus einen Fragebogen für Verbraucher, der auf der Homepage von Interessierten ausgefüllt werden kann. Mit dem Fragebogen haben Verbraucher die Möglichkeit, ihr persönliches Feedback zu geben, wie sie sich ihr Lebensmittel wüschen, etwa in Bezug auf Herkunft, Produktionsprozess, Vergütung für die Landwirte, Qualität und Verpackung. Aus den Ergebnissen werden dann Kriterien für ein Pflichtheft zusammengestellt, das die zukünftige Produktion des gewählten Lebensmittels bestimmt. Landwirte, Hersteller und Händler, die diese Kriterien unterstützen, sorgen dafür, dass das von den Verbrauchern gestaltete Produkt schnellstmöglich im Handel verfügbar ist.

Übrigens: Ein unabhängiges Prüfinstitut überwacht gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern die Einhaltung der Pflichtheft-Kriterien.

Das erste Produkt steht in den Supermärkten

Für die Milch, die als erstes Produkt über die Initiative in den Handel gekommen ist, haben sich mehr als 9.000 Verbraucher am Fragebogen beteiligt. Aus den Antworten sind folgende Kriterien für die Produktion der Milch ergeben:

  • Die Milch ist bio.
  • Die Kühe stehen mindestens vier Monate auf der Weide.
  • Im Stall bekommen die Kühe als Futter Frischgras.
  • Das Futtermittel wird direkt aus der Region bezogen.
  • Die Kühe bekommen kein gentechnisch verändertes Futter.
  • An der Initiative teilnehmende Betriebe müssen den Tiergerechtigkeitsindex nutzen. Dabei geht es um die Bewertung von Tierhaltungsverfahren für die Bereiche Bewegungsmöglichkeit, Sozialkontakt, Bodenbeschaffenheit, Licht, Luft und Lärm sowie Betreuungsintensität. Dazu werden Punkte vergeben. Hier müssen die Mindestanforderungen vorliegen.
  • Die Landwirte bekommen pro Liter Milch 0,58 Euro. Das bedeutet, dass sie im Bundesdurchschnitt 0,11 Euro mehr für den Liter Biomilch bekommen.
  • 0,01 Euro des Preises geht in einen Fond, der dazu dient, Landwirte bei der Umstellung eines Betriebs auf Weidehaltung, auf muttergebundenen Kälber-Aufzucht oder auf ökologische Landwirtschaft zu unterstützen.
  • Die Milch befindet sich in einem Getränkekarton, der im Vergleich zu PET und Glas als umweltfreundlichste Verpackung gehandelt wird. Zudem ist die Verpackung klimaneutral, da bei der Herstellung entstehenden Treibhausgas-Emissionen durch die Förderung von Klimaschutzprojekten, Reduzierung des Materialeinsatzes und die Verwendung erneuerbarer Rohstoffe und Strom kompensiert werden.

Bisher kann man die Verbrauchermilch in Rewe und Tegut-Filialen in Hessen, Teilen von Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen erwerben. Zu erkennen ist die Verbrauchermilch an dem großen Aufdruck „Diese Milch wurde von uns Verbrauchern gewählt“. Welche Märkte die Milch genau anbieten, kann man hier einsehen.

Damit die Verbrauchermilch auch bundesweit angeboten wird, können Verbraucher zudem einen Vordruck für eine Produktanfrage in Supermärkten ausdrucken, die die Milch bisher noch nicht in ihrem Sortiment haben.

Du bist hier der Chef - Verbrauchermilch

Weiter geht es!

Eier, Kartoffeln und Butter sind die nächsten Produkte, die für die Initiative anstehen. Für Eier ist bereits ein Fragebogen online, mit dem Verbraucher mitentscheiden können, wie die Eier produziert werden sollen und wie teuer eine 6er-Packung sein soll . Auch hier steht die Gestaltung eines wertvollen und fairen Produkts über die gesamte Produktionskette - vom Küken über die Henne bis zum fertigen Ei, vom Tierwohl bis zur Vergütung für die Landwirte im Vordergrund. Die Fragebögen für Kartoffeln und Butter werden aktuell erstellt.

Außerdem kann bereits für weitere Produkte abgestimmt werden, etwa für Apfelsaft, Honig oder Hähnchenfilet. Hier geht es zu Voting!

Auf Werbung verzichtet die Initiative übrigens vollständig. Stattdessen setzt sie auf Mundpropaganda und Social Media. Projektfinanzierung und Betriebskosten finanziert der Verein hingegen durch fünf Prozent des Verkaufspreises. (Sie)

Stand: September 2020