Was Lebensmittel wirklich kosten

Der Preis, der im Supermarkt für ein Lebensmittel gezahlt wird, spiegelt meist nicht alle Kosten wider, die bei seiner Produktion entstanden sind. Modelle wie die Nachhaltigkeitsblume versuchen, die wahren Kosten von Lebensmitteln aufzuschlüsseln.

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Glas mit Pflanze und Geld

Das Problem mit den Kosten

Einfach betrachtet, ergibt sich der Preis eines Lebensmittels aus den Kosten, die bei dem Anbau beziehungsweise der Produktion des Lebensmittels entstehen. Berücksichtigt man jedoch ökologische oder gesundheitliche Auswirkungen, gehen mit jedem Lebensmittel auch versteckte Kosten einher. So zahlt man für Lebensmittel zweimal – einmal beim Einkauf und ein zweites Mal über Steuern, Abgaben und Krankenkassenbeiträge. Denn vor allem konventionell produzierte Ware verursacht durch den nicht nachhaltigen Umgang mit Ressourcen Kosten für Umwelt und Gesundheit, welche letztlich die Gesellschaft zahlt.

Lösungsansatz für mehr Transparenz: die Nachhaltigkeitsblume

Um die versteckten Kosten zu veranschaulichen, haben Biounternehmen das Modell der Nachhaltigkeitsblume entwickelt. Sie wird verwendet, um die nachhaltige Entwicklung einer Organisation zu bewerten, kann aber auch die wahren Kosten von Lebensmitteln aufzeigen. Mithilfe einer Methode zur Bestimmung der wahren Kosten lassen sich diese Merkmale in Geldbeträge umrechnen. Das Modell besteht aus sieben Blütenblättern, die soziale und ökologische Merkmale der Lebensmittelproduktion oder des unternehmerischen Handelns definieren:

Modell Nachhaltigkeitsblume

Gesellschaft

Beim Aspekt Gesellschaft geht es um die Vernetzung von Unternehmen, Lokalpolitik und der Gemeinschaft vor Ort, und die Auswirkungen auf die verschiedenen mit dem Unternehmen verbundenen Interessensgruppen und Akteure. So stehen Transparenz, Menschenrechte, Gleichheit und Teilhabe hier im Vordergrund.

Wirtschaft

Mit verantwortungsvollem unternehmerischen Handeln und einer Neudefinition von Gewinn soll eine nachhaltige Entwicklung erzielt werden. Gewinn soll nicht länger nur Rendite bedeuten, sondern auch die finanziellen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt berücksichtigen.

Klima

Da Treibhausgase den größten Kostenfaktor darstellen, sind schonende Bodenbearbeitungen vorteilhaft, die wenig Kohlendioxid freisetzen und die Bindung von CO2 im Boden fördern. Kernthemen sind hierbei die Reduktion von Emissionen, der Einsatz erneuerbarer Energien und Transport.

Wasser

Durch den Einsatz von Stickstoffdüngern und Pestiziden finden sich Rückstände im Gewässer, was eine teure Reinigung von Grundwasser und Trinkwasseraufbereitung nach sich zieht. Ökologisch bewirtschaftete Böden haben durch den Einsatz von Kompost und organischem Material ein 70 Prozent höheres Wasserhaltevermögen und senken somit den Wasserverbrauch.

Boden

Die Anbauverfahren bestimmen maßgeblich, wie nachhaltig der Boden als Ressource genutzt wird. Überdüngung und Überweidung führen zur Bodenverarmung, während Kompost und bodenverbessernde Maßnahmen sich positiv auf Bodenqualität und -nährstoffe auswirken.

Artenvielfalt

Wichtig ist ein widerstandsfähiges und vitales Ökosystem, das flexibel auf Veränderungen in der Umwelt reagieren kann. Um es zu erhalten, werden Themen wie chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel, GMOs (genmodifizierte Organismen) und Pestizide kritisch diskutiert.

Individuum

Auch das Wohlbefinden, die Gesundheit, Sicherheit und die Entwicklung von Mitarbeitern trägt zu einem nachhaltigen Unternehmen bei.

Ökologischer Anbau ist günstiger

Die wahren Kosten von Lebensmitteln sind die Summe der herkömmlichen Produktionskosten und der versteckten Kosten in Form von Umwelt- und Gesundheitsschäden.

Demnach verursacht ein vermeintlich billiges Lebensmittel aus konventionellem Anbau höhere gesellschaftliche Kosten als ökologisch angebaute Produkte. Wenn diese versteckten Kosten sich in den Lebensmittelpreisen spiegelten, würden Lebensmittel sechs bis 196 Prozent mehr kosten.

Am Beispiel einer Birne lässt sich gut erkennen, welche Auswirkungen die Anbauart auf die Kosten hat: In der Domäne „Boden“ entstehen durch konventionell erzeugte Birnen 1.163 Euro Kosten pro Hektar Anbaufläche pro Jahr, während ökologisch angebaute Birnen sich sogar positiv auf den Boden auswirken und somit eine positive Bilanz von 254 Euro pro Hektar pro Jahr aufweisen. Damit ergibt sich für die Bio-Birne ein gesellschaftlicher Kostenvorteil von 1.317 Euro allein für den Bereich „Boden“. Dass konventionelle Produkte aber günstiger angeboten werden, führt zu einer Wettbewerbsverzerrung, in der umweltfreundlich produzierte Lebensmittel benachteiligt werden. Dies zeigt sich auch im Angebot, denn mehr als 90 Prozent der in Deutschland verkauften Lebensmittel stammen aus konventioneller Erzeugung.

Tierische Lebensmittel gehen mit den höchsten versteckten Kosten einher, denn aus dem Futtermittelanbau, der Beheizung und Belüftung der Ställe und dem Stoffwechsel der Tiere resultieren umweltschädliche Aspekte wie reaktiver Stickstoff, Treibhausgase und ein hoher Energiebedarf. Durch bodenschonenden Anbau, einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und den Verzicht auf energieaufwendig hergestellte synthetische Stickstoffdünger haben Lebensmittel aus ökologischem Anbau deutlich geringere versteckte Kosten als konventionell angebaute.

Eine Chance für mehr Nachhaltigkeit

Die Nachhaltigkeitsblume gibt Richtungen für ein nachhaltigeres Wirtschaften vor und kann den wahren Preis, der sich hinter der Produktion von Lebensmitteln versteckt, aufzeigen. Derzeit ist dies nur für neun Lebensmittel möglich: Äpfel und Birnen aus Argentinien, Tomaten und Karotten aus den Niederlanden, Ananas aus Costa Rica, Zitronen aus Chile, Orangen und Trauben aus Südafrika und Ägypten sowie Avocados aus Kenia. Ihren praktischen Nutzen zeigt die Nachhaltigkeitsblume trotzdem: 2021 führte Großbritannien ein auf der Nachhaltigkeitsblume basierendes Modell ein, das den Umbruch zu einer regenerativen Landwirtschaft ermöglichen soll.

Stand: Juni 2022