Von klimaneutral bis klimapositiv: Klimalabel-Wirrwarr

Von Duschgel über Zahnbürsten bis hin zu Weingummi und Geflügel: Klimalabel auf den Verpackungen sollen darauf hinweisen, dass die Produkte „klimapositiv“ oder „CO2-neutral“ produziert worden sind. Wie aussagekräftig sind die Label tatsächlich und wie kann man den Einkauf emissionsärmer gestalten?

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Logo "CO2-neutral" auf verschwommenem Hintergrund mit Supermarktregal

Klimasiegel oder auch CO2-Label sollen auf den Verpackungen von Lebensmitteln oder Hygieneartikeln Hinweise auf die vom jeweiligen Produkt verursachten Kohlendioxid-Emissionen geben. Die Hersteller geben die Menge ausgestoßener Treibhausgase an oder nutzen eine Skala, um die Klimabelastung des Produktes einzuordnen. Dadurch sollen Verbraucher direkt am Supermarktregal in wenigen Sekunden einen Überblick darüber bekommen, wie stark die einzelnen Produkte das Klima belasten. Dabei sind die Klimalabel besonders eins: Verkaufsfördernd!

Klimalabel haben keine einheitliche Aussage

Viele der Klimasiegel werden nicht einmal von unabhängigen Stellen vergeben, sondern von den produzierenden Unternehmen selbst entworfen. Zudem gibt es keine gesetzlich geregelten Mindeststandards, wie etwa bei staatlich vergebenen Bio- oder Öko-Siegeln.

Klimalabel sind nicht gleichzusetzen mit Bio-Siegeln

Bei den verwendeten Klimalabeln sollen lediglich die Treibhausgas-Emissionen abgebildet werden. Sie geben keine weiteren Rückschlüsse darauf, ob die Produkte auch ökologisch erzeugt oder ob Wert auf Tierwohl-Standards gelegt wurde. Hier können Verbraucher schnell ein falsches Bild bekommen. Konventionell erzeugte Produkte mit einer entsprechenden Aufmachung der Verpackung im Öko-Style und einem Klimalabel können nachhaltiger wirken, als sie tatsächlich sind.

Klimaneutralität bedeutet nicht Emissionsfreiheit

Die wenigsten Unternehmen schaffen es bisher bei der Produktion ihrer Güter keine Treibhausgase auszustoßen. Stattdessen versteht sich das Prinzip der Klimaneutralität meist folgendermaßen: Die Produzenten lassen die ausgestoßene CO2-Menge, die bei der Fertigung und beim Transport der Produkte entsteht, durch Zertifizierungsunternehmen berechnen. Die errechnete Menge an Emissionen gleichen die Produzenten dann durch Investitionen in Klimaschutzprojekte aus – etwa Baumpflanzaktionen. Dadurch handelt es sich nicht wirklich um einen emissionsfreien Herstellungsprozess, sondern vielmehr um den Kauf von Klimakompensations-Zertifikaten.

Klimakompensationen bergen Unsicherheiten

Nicht selten handelt es sich bei den Klimakompensationen um Projekte in weit entfernten Drittländern, etwa Aufforstungsaktionen zum Erhalt des Regenwaldes. Allerdings ist eine Kontrolle dieser Aktionen nur sehr schwer umsetzbar. Niemand kann zudem vorhersagen, ob die neu gepflanzten Bäume dort auch in 20 bis 30 Jahren noch stehen und tatsächlich die Menge an CO2 gebunden haben, wie für die Kompensation ermittelt wurde.

Klimafreundlich einkaufen kann jeder

Um den Einkauf klimabewusster zu gestalten, braucht es nicht unbedingt Labels. Klimaschutz geht auch so:

  • Regional und saisonal: Durch den Kauf regionaler und saisonaler Produkte können unnötige Transportwege verhindert werden.
  • Hofläden oder Wochenmärkte sind beispielsweise eine gute Einkaufsadresse. Hier werden viele Lebensmittel aus der Region angeboten. Doch das bedeutet nicht, dass hier nicht auch Artikel aus ferneren Ländern angeboten werden. Die Händler können bei Nachfrage Auskunft über die Anbaugebiete der Waren geben.
  • Fleischverzehr: Wer öfter mal auf tierische Lebensmittel verzichtet und auf die Tierhaltung achtet, kann eine Menge CO2 einsparen. Fast 15 Prozent aller von Menschen verursachten Treibhausgase entsteht durch die Massentierhaltung.
  • Mehr Bio bitte: Ökologisch erzeugte Lebensmittel benötigen bei der Herstellung weniger Energie und binden mehr Kohlenstoff in Böden und Biomasse – das Ergebnis: Die Lebensmittel sind wesentlich umwelt- und klimafreundlicher.
  • Plastik ade: Statt Plastiktüten und –verpackungen zu nutzen, kann man beim Einkauf zu wiederverwendbaren Behältnissen greifen.
  • Realistische Mengen: Es ist bereits klimafreundlich, nur die Mengen einzukaufen, die man auch mit Sicherheit aufbrauchen wird. So landen keine Lebensmittel im Müll.

Worauf können Verbraucher achten?

Wer die CO2-Siegel dennoch als Einkaufshilfe nutzen möchte, sollte nachfolgende Tipps beachten:

  • Was genau ist klimaneutral? Manche Klima-Siegel vermerken zusätzlich mit dem Aufdruck „Unternehmen“, „Produkt“ oder „Verpackung“ den Bereich, für den die Hersteller Emissionen ausgleichen.
  • Blick auf die Website der Hersteller: Hier können sich Verbraucher darüber informieren, welche Maßnahmen die Produzenten konkret für den Klimaschutz ergreifen. Handelt es sich hauptsächlich um Kompensationszahlungen oder arbeitet das Unternehmen auch daran, bei Herstellungsprozessen und Transport CO2 einzusparen?
  • ID-Nummer des Siegels: Auf vielen Klimalabeln findet sich eine ID-Nummer, anhand derer Verbraucher auf der Website der Label-Aussteller herausfinden können, wie die Klimaschutzprojekte von den Produzenten unterstützt werden.
  • Auf Regionalität setzen: Viele Hersteller investieren auch in regionale Klimaschutzprojekte, zum Beispiel Renaturierung europäischer Moore. Der Vorteil: Diese sind besser überprüfbar, als Projekte in weit entfernten Ländern! Hier lohnt sich für Verbraucher eine Recherche. (Sie)

Stand: März 2022