Tierwohl darf Geld kosten! Oder doch nicht?

Ein weit überwiegender Anteil der Allgemeinheit unterstützt die Haltung, dass der Mensch Tiere als Nutztiere halten darf. Dafür müsse er aber den Tieren ein gutes Leben ermöglichen. Doch an der Ladentheke scheinen sich viele Verbraucher und Verbraucherinnen nicht mehr an die eigene Haltung zu erinnern. Warum ist das so?

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Ferkel schlafend auf Stroh

Die Marktzahlen sind eindeutig

Schon seit längerem zerbricht sich die Wissenschaft den Kopf darüber, was an deutschen Ladentheken schiefläuft. Bis zu 80 Prozent der Bevölkerung gibt in Befragungen an, dass sie bereit wären mehr Geld auf den Ladentisch zu legen, wenn sichergestellt ist, dass das Geld bei den Landwirten im Stall - und damit bei den Tieren - ankommt. Die Marktanteile für Bio-Fleisch liegen aber nur bei mageren 1-2 Prozent. Etwas besser ist die Entwicklung bei der Eierproduktion. Knapp 20 Prozent der Hennen legen ihre Eier in Freilandhaltung. Der Bioanteil liegt mit gut 10 Prozent schon deutlich niedriger. Die häufigste Form der Haltung ist mit über 60 Prozent die Bodenhaltung. Bis spätestens 2025 gehört der Käfig als Haltungsform der Vergangenheit an, doch das heißt noch lange nicht, dass die Tiere jemals einen Schritt aus dem Stall machen können. Ebenso enttäuschend ist der Marktanteil von Bio-Milch, der je nach Statistik zwischen vier bis neun Prozent liegt.

Siegel motivieren kaum

Es existieren schon länger diverse Label und Zertifikate im Handel, die nachweisen sollen, dass die tierischen Produkte ethischen und ökologischen Gesichtspunkten entsprechen. Alle Label verbindet, dass sie sich kaum im Markt durchsetzen konnten. So ist das Konzept „Neuland“ mit seinem Label seit mehr als 30 Jahren am Markt aktiv und konnte nicht über eine Nischenposition hinauswachsen. Vom Deutschen Tierschutzbund haben sich bis 2019 rund 330 Betriebe zertifizieren lassen, bei einer Gesamtzahl von rund 185.000 Betrieben in Deutschland, in denen Tiere gehalten werden.

Die Konsumenten-Bürger-Lücke

In einer Studie der Universität Göttingen haben sich 2020 Wissenschaftler der Thematik gewidmet und Erklärungsansätze für die Situation gefunden. Nicht nur der tatsächliche Fleischkonsum widerspricht den allgemeinen Aussagen. Blutspenden oder das Tragen von Fahrradhelmen sind weitere Themen, in denen sich eine Lücke zwischen dem wirklichen Verhalten und dem geäußerten Anspruch auftun. Die Forscher konnten in ihrer Studie verschiedene Motive für den Widerspruch identifizieren:

  • Geäußerte Meinungen geben häufig Wünsche wieder und keine manifestierten Verhaltensweisen im Verbraucherverhalten.
  • Oft wird in Befragungen geflunkert. Die Wissenschaft nennt das „soziale Erwünschtheit“. Die Befragten geben die Antwort, von der sie meinen, dass das Gegenüber sie hören möchte.
  • Trittbettfahrer-Syndrom: Die Konsumenten befürchten, dass sie mit einer Änderung ihres Einkaufsverhaltens letztlich nur die Zeche zahlen würden, während andere als Gewinner der Situation dastehen.
  • Für einige Bevölkerungsgruppen ist aber der Preisunterschied zwischen den Produktsparten harte Realität. So können die deutlich höheren Kosten für Biofleisch oder -Eier nicht einfach aus dem laufenden Familienbudget abgezwackt werden.

Konsum überdenken oder mehr zahlen

Die Tatsachen sprechen für sich. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Diskussion um das Thema Tierwohl wird sich nur auf dem Teller oder an der Kasse beeinflussen lassen. Eine echte Win-Win-Situation wäre sicherlich, wenn in deutschen Haushalten weniger Fleisch auf den Tisch kommt. Gut 60 Kilo Fleischprodukte pro Kopf und Jahr sind schon aus ernährungsphysiologischen Gründen zu viel, wobei insbesondere die männliche Bevölkerung hervorsticht. Weniger, aber dafür hochwertigere und teurere Fleischprodukte kämen den Konsumentinnen und Konsumenten gesundheitlich und geschmacklich entgegen, die Landwirte könnten höhere Einkommen erwirtschaften und letztlich würden die Tiere bessere Lebensbedingungen vorfinden. Eine Möglichkeit wäre, über höhere Abgaben oder Steuern auf die Fleischpreise Einfluss auf eine zukünftige Tierhaltung zu nehmen.

Tierwohl in Hessen

Die hessische Landesregierung misst der artgerechten Nutztierhaltung und dem Tierwohl in der Landwirtschaft einen hohen Stellenwert bei. Aus diesem Grund hat sie einen Runden Tisch zum Thema Tierwohl eingesetzt. Experten von landwirtschaftlichen Verbänden, Tierschutzorganisationen sowie Vertreter aus der Wissenschaft und der Verwaltung beschäftigen sich hier mit Fragen zum Tierwohl der artgerechten Haltung und zur Tiergesundheit. (eck)