Haltungssiegel für Frischfleisch – sinnvoll oder nicht?

Seit Frühjahr 2018 kennzeichnen Lidl, Netto, Penny, Kaufland und Aldi nach und nach ihr Frischfleischangebot mit firmeneigenen Herkunftssiegeln. Auch andere Supermarkt-Ketten wollen nachziehen. Durch die Siegelvergabe wollen die Discounter mehr Transparenz beim Einkauf schaffen. Doch wie sinnvoll ist diese Kennzeichnung wirklich?

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Abgepacktes Fleisch in der Supermarkt-Kühltheke

Warum kennzeichnen die Märkte ihre Frischfleisch-Angebote?

Die Verbraucher sollen sich durch die Haltungskennzeichnung bewusster für Produkte aus besseren Haltungsformen entscheiden. Durch diese Kaufentscheidung soll, laut der Supermarkt-Ketten, langfristig ein positiver Einfluss auf das Haltungs- und Tierwohlniveau der gesamten Branche genommen werden.

Was sagt die Kennzeichnung aus?

Die Herkunftskennzeichnungen für Frischfleisch sind bisher bei allen durchführenden Supermarkt-Ketten in vier, sich sehr ähnelnden Stufen unterteilt. Nur bei genauerer Betrachtung gibt es kleine Unterschiede im Detail. Die Kennzeichnungen gelten für abgepacktes Frischfleisch der Supermarkt-Eigenmarken, jedoch nicht bei nur temporär erhältlichen, internationalen Spezialitäten.

  • Stufe 1: „Konventionelle Stallhaltung“: Hier ist die Rede von Massentierhaltung - die gesetzlichen Mindestanforderungen werden eingehalten. So hat ein Schwein beispielsweise 0,75 Quadratmeter (qm) Platz.
  • Stufe 2: „Stallhaltung Plus“: Die Tiere erhalten zehn Prozent mehr Platz, als bei Stufe 1 und zusätzlich Beschäftigungsmaterial, wie etwa ein Stück Holz oder eine Kordel zum Kauen. Außerdem ist ab der Stufe 2 die Anbindehaltung nicht mehr zulässig.
  • Stufe 3: „Auslauf“ oder „Außenklima“: Die Tiere haben bis zu 40 Prozent mehr Platz als bei Stufe 1 und haben einen Außenbereich, sodass Hühner beispielsweise scharren oder Rinder saisonalen Weidegang genießen können. Allerdings kann „Außenklima“ auch bedeuten, dass der Stall lediglich an einer Seite offen ist und die Tiere nicht raus können. Des Weiteren werden die Tiere ab der Haltungsstufe 3 gentechnikfrei gefüttert.
  • Stufe 4: „Bio“: Hier erhalten die Tiere 100 Prozent mehr Platz als bei Stufe 1 und die Tiere erhalten Auslauf zu Grünflächen, mindestens ein Drittel ihrer Lebenszeit (Mastpute und Masthähnchen) oder ständig (Mastschwein und Rind). Außerdem stehen den Tieren Stroh, Späne, Sand oder andere Naturmaterialien als Einstreu in den Ställen zu Verfügung. Die Stufe 4 entspricht dabei den Anforderungen des EU-Bio-Siegels nach der EU-Öko-Verordnung.

Allerdings: Die Etiketten der Herkunftskennzeichnung sehen bei allen Märkten anders aus.

Was bringt die Haltungskennzeichnung tatsächlich?

Verlässlichkeit

Zunächst einmal ist die Haltungskennzeichnung der Märkte  als verlässlich einzuordnen. Stufe 1 des Etiketts erfüllt dabei gesetzliche Standards zur Tierhaltung und Stufe 4 die Bio-Standards, während Stufe 3 und 4 durch externe Zertifizierungsstellen kontrolliert werden, welche ebenfalls als vertrauenswürdig gelten.

Wirkung auf Kaufentscheidung

Schwieriger wird es hingegen bei der Angebotsauswahl. Hier muss der Verbraucher genau hinschauen. So haben nun zwar viele Produkte an den Kühltheken ein neues Siegel erhalten, welches Auskunft gibt über die vorausgegangene Tierhaltung, jedoch ist die Auswahl zwischen Produkten unterschiedlicher Haltungsstufen begrenzt. So ist beispielsweise das Geflügel größtenteils mit Stufe 2 ausgezeichnet, Rind und Schwein mit Stufe 1. Ausnahmen sind Produkte mit Bio-Kennzeichnung.

Einfluss auf Tierwohl

Die Supermärkte haben angekündigt, dass bis 2019 ein Großteil ihres Angebots mindestens aus der Haltungsstufe 2 hervorgehen soll. Allerdings ist die Verbesserung von Haltungsstufe 1 zu 2 bei weitem nicht ausreichend, um nennenswerten Einfluss auf das Tierwohl zu haben. So unterscheidet sich Stufe 2 von 1 lediglich um etwa zehn Prozent mehr Platz fürs Tier ohne Anbindehaltung. Erst hinter Stufe 3 verbergen sich Haltungsarten, welche sich die meisten bewussten Kunden wünschen.

Kennzeichnungsdschungel: Uneinheitlich und verwirrend

Das jede Supermarkt-Kette ein eigenes Label entwirft, ist für den Verbraucher beim Einkauf eher verwirrend. Auch ist das Vier-Stufen-Modell, in dem Stufe 4 die beste Haltungsbedingung ausmacht, uneinheitlich. Denn bei der EU-weiten Kennzeichnung von Eiern ist die Nummerierung genau anders herum: Hier bedeutet die Stufe 0 „Ökologische Erzeugung“ und Stufe 3 „Käfighaltung“. Des Weiteren beziehen sich die Kennzeichnungen lediglich auf das Fleisch der Eigenmarke und zudem nur auf Frischfleisch.

Fazit

An sich ist die Kennzeichnung der tierischen Lebensmittel mit einem Haltungssiegel eine gute Sache und kann den Verbraucher über die vorangegangene Tierhaltung informieren sowie bei der Produktwahl Einfluss nehmen. Da jede Supermarkt-Kette allerdings derzeit ihr eigenes Haltungssiegel entwirft, ist die Kennzeichnung bisher sehr uneinheitlich und macht es dem Verbraucher schwer, sich beim Einkaufen zu orientieren. Ziehen noch weitere Supermarkt-Ketten nach, wird es für den Kunden immer schwerer den Überblick zu behalten. Außerdem ist bisher die alternative Auswahl an Produkten in den Märkten noch recht gering und die Supermarkt-Ketten labeln nur das im eigenen Verkauf bestehende Sortiment.

Allerdings: Ein einheitliches, mehrstufiges Label zu Haltungsbedingungen ist derzeit vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Planung.

Stand: August 2018