Erzeuger-Verbraucher-Dialog: Faire Produktion von Lebensmitteln

Die Initiative „Du bist hier der Chef“ legt nach! Nachdem sie bereits 2020 eine Milch in die Supermarktregale gebracht hat, bei deren Produktion Verbraucher und Landwirte maßgeblich mitentschieden haben, gibt es nun auch Eier, die sowohl ein hohes Maß an Tierwohl als auch eine faire Vergütung für die Betriebe garantieren.

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Mädchen lacht und hält Glas mit Milch in der Hand

Was Erzeuger und Verbraucher wollen

Lebensmittel zu produzieren, die sowohl die Wünsche auf Verbraucherseite als auch die Bedürfnisse der Produzenten abdecken, das klingt nach einem Mammutprojekt – aber es ist gelungen! Die ersten Produkte, bei denen Verbraucher und Landwirte mitentschieden haben, sind Eier und Milch.

Lange schon beklagen Landwirte die Preispolitik im Handel und die sinkenden Einkaufspreise. Verbraucher hingegen legen beim Einkauf tierischer Lebensmittel immer größeren Wert auf Tier- und Umweltschutz. Da muss man doch zusammenkommen können – so oder ähnlich war wohl der Gedanke des Gründers der Initiative und Verbrauchermarke „Du bist hier der Chef!“, Nicolas Barthelmé aus Hessen. Ziel seines bundesweit aktiven Vereins ist, dass Verbraucher beim Herstellungsprozess von verantwortungsbewusst produzierten Lebensmitteln mitbestimmen dürfen und so die Produktion transparenter wird. Gleichzeitig sollen Landwirte fair entlohnt werden.

Die Idee dahinter

Auf der Website „Du bist hier der Chef!“ können Verbraucher online entscheiden, welche Lebensmittel über die Initiative hergestellt werden sollen. Gleichzeitig sieht sich die Initiative nach Landwirten und Verarbeitungsbetrieben um, bespricht mit diesen Produktionskriterien und Preise und entwickelt daraus einen Fragebogen für Verbraucher, der auf der Homepage von Interessierten ausgefüllt werden kann. Mit dem Fragebogen haben Verbraucher die Möglichkeit, ihr persönliches Feedback zu geben, wie sie sich ihr Lebensmittel wüschen, etwa in Bezug auf Herkunft, Produktionsprozess, Vergütung für die Landwirte, Qualität und Verpackung. Aus den Ergebnissen werden dann Kriterien für ein Pflichtenheft zusammengestellt, das die zukünftige Produktion des gewählten Lebensmittels bestimmt. Ein unabhängiges Prüfinstitut überwacht gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern die Einhaltung der Pflichtenheft-Kriterien. Landwirte, Hersteller und Händler, die diese Kriterien unterstützen, sorgen dafür, dass das von den Verbrauchern gestaltete Produkt schnellstmöglich im Handel verfügbar ist.

Die Verbrauchermilch

Für die Milch, die als erstes Produkt über die Initiative in den Handel gekommen ist, haben sich mehr als 9.000 Verbraucher am Fragebogen beteiligt. Aus den Antworten sind folgende Kriterien für die Produktion der Milch ergeben:

  • Die Milch ist bio.
  • Die Kühe stehen mindestens vier Monate auf der Weide.
  • Im Stall bekommen die Kühe als Futter Frischgras.
  • Das Futtermittel wird direkt aus der Region bezogen.
  • Die Kühe bekommen kein gentechnisch verändertes Futter.
  • An der Initiative teilnehmende Betriebe müssen den Tiergerechtigkeitsindex nutzen. Dabei geht es um die Bewertung von Tierhaltungsverfahren für die Bereiche Bewegungsmöglichkeit, Sozialkontakt, Bodenbeschaffenheit, Licht, Luft und Lärm sowie Betreuungsintensität. Dazu werden Punkte vergeben. Hier müssen die Mindestanforderungen vorliegen.
  • Landwirte bekommen pro Liter Milch 58 Cent. Das bedeutet, dass sie im Bundesdurchschnitt elf Cent mehr für den Liter Biomilch erhalten.
  • Ein Cent des Preises geht in einen Fond, der dazu dient, Landwirte bei der Umstellung eines Betriebs auf Weidehaltung, auf muttergebundene Kälber-Aufzucht oder auf ökologische Landwirtschaft zu unterstützen.
  • Die Milch befindet sich in einem Getränkekarton, der im Vergleich zu PET und Glas als umweltfreundlichste Verpackung gehandelt wird. Zudem ist die Verpackung klimaneutral, da bei der Herstellung entstehende Treibhausgas-Emissionen durch die Förderung von Klimaschutzprojekten, Reduzierung des Materialeinsatzes und die Verwendung erneuerbarer Rohstoffe und Strom kompensiert werden.

Bisher kann man die Verbrauchermilch in Rewe- und Tegut-Filialen in Hessen, Teilen von Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen erwerben. Zu erkennen ist die Verbrauchermilch an dem großen Aufdruck „Diese Milch wurde von uns Verbrauchern gewählt“. Welche Märkte die Milch genau anbieten, kann man hier einsehen.

Damit die Verbrauchermilch auch bundesweit angeboten wird, können Verbraucher zudem einen Vordruck für eine Produktanfrage in Supermärkten ausdrucken, die die Milch bisher noch nicht in ihrem Sortiment haben.

Du bist hier der Chef - Verbrauchermilch

Nun erobern die Verbrauchereier das Supermarktregal

Beim zweiten Produkt der Verbraucherinitiative – den Verbrauchereiern - haben 15.338 Verbraucher bei der Online-Abfrage mitgemacht. Gewählt wurden Eier, die ähnlich wie die Milch, ein Qualitätsniveau aufweisen, welches über herkömmliche Bio-Standards hinausgeht.

  • Die Eier werden von Zweitnutzungshühnern gelegt. Dabei handelt es sich um Tiere, die gleichermaßen als Eier- und als Fleischlieferanten gehalten werden. Zwar wachsen die Hennen deutlich langsamer und legen weniger Eier, die Hähne setzen dafür mehr Fleisch an und können als Masthähnchen aufgezogen werden. Bei herkömmlichen Hochleistungshühner werden die männlichen Küken in der Regel aussortiert.
  • Die Hühner werden mit regionalen Bio-Futtermitteln gefüttert.
  • Die männlichen Küken werden ökologisch aufgezogen.
  • Die Landwirte bekommen faire Preise für ihre Eier. So kostet die 6er-Packung 3,76 Euro – 2,28 Euro davon erhalten die Landwirte.

Noch sind die Eier in der von den Verbrauchern gewählten Qualität nur vereinzelt im Handel aufzufinden.

Rewe ist die erste Handelskette, die die Eier im Sortiment der hessischen Supermärkte einführen wird.

 Weiter geht es!

Es kann bereits für weitere Produkte abgestimmt werden, etwa für Apfelsaft, Honig oder Hähnchenfilet. Hier geht es zu Voting!

Auf Werbung verzichtet die Initiative übrigens vollständig. Stattdessen setzt sie auf Mundpropaganda und Social Media. Projektfinanzierung und Betriebskosten finanziert der Verein hingegen durch fünf Prozent des Verkaufspreises. (Sie)

Stand: November 2021