Künstliches Fleisch aus dem Reagenzglas – bald schon im Kühlregal?

Konventionelle Fleischproduktion ist klimaschädlich und mit hohem Ressourcenverbrauch verbunden. Zudem stehen Massentierhaltung und Medikamenteneinsatz in der Tiermast in der Kritik. Dennoch wollen viele Menschen nicht auf Fleischkonsum verzichten. Kann künstliches Fleisch die Probleme lösen helfen?

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Fleisch im Reagenzglas

Was ist künstliches Fleisch?

Künstliches Fleisch - auch In-Vitro-Fleisch genannt – wird aus tierischem Muskelgewebe hergestellt, das im Labor erzeugt wird. Das Verfahren wird als „Tissue Engineering“ (Gewebezüchtung) bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Vermehrung von Muskelstammzellen, die einem lebenden Spendertier entnommen wurden. Im Labor werden diese Zellen in Nährlösungen so kultiviert, dass sich daraus Muskelfasern bilden können. Die Konsistenz der Produkte ähnelt derzeit am ehesten der von Hackfleisch.

Zukunftsmusik oder schon Fleisch gewordene Realität?

Im Jahr 2013 wurde von holländischen Forschern mit einem Burger erstmals ein Produkt aus In-Vitro-Fleisch vorgestellt. Bis zur „Serienreife“ werden aber wohl noch einige Jahre ins Land gehen, vermuten Forscher und Industrie. Das Problem dabei ist die derzeit noch nicht vorhandene Möglichkeit einer Massenproduktion. Viele offene Fragen müssen zunächst beantwortet werden. Hierzu zählt beispielsweise, welche Zellen und welche Nährmedien am besten geeignet sind.

Auch Fragen der notwendigen, zum Verzehr geeigneten Gerüstsubstanzen, an denen die Zellen zu größeren Fleischstücken wachsen können, sind noch weitgehend offen. Schließlich wollen Verbraucher nicht nur aus kleinteiligem In-Vitro-Fleisch hergestellte Produkte essen. Ein weiteres Problem: Fettgewebe als geschmacksgebender Fleischbestandteil kann derzeit noch nicht im Labor erzeugt werden.

Dennoch rüsten sich Presseberichten zufolge große Fleischproduktionsunternehmen in Europa und in den USA für die Zukunft. Diese gehen davon aus, dass Fleisch aus der Petrischale in einigen Jahren in Supermärkten und Restaurants erhältlich sein und von Verbrauchern nachgefragt werden wird. Auch China hat an dieser Technologie bereits Interesse gezeigt. Man darf also gespannt sein.

Gut für Umwelt und Geldbeutel?

Nach Einschätzungen eines nordamerikanischen Startup-Unternehmens, das sowohl Fleischbällchen als auch künstliches Geflügelfleisch entwickelt hat und bereits 2021 auf den Markt bringen will, kann die Produktion dieser Erzeugnisse bis zu 90 Prozent Landressourcen und Wasser im Vergleich zur traditionellen Fleischerzeugung einsparen helfen. Das Unternehmen geht zudem davon aus, dass künftig die Produktionskosten im Bereich der konventionellen Fleischproduktion oder sogar darunter liegen. Auch andere Entwickler prognostizieren, dass bis etwa Mitte der 2020er Jahre ein Burger aus In-Vitro-Fleisch nicht mehr kostet als ein Burger aus üblicher Herstellung.

Was hält die Gesellschaft vom „Kunstfleisch“?

Dieser für den kommerziellen Erfolg der Produkte alles entscheidenden Frage ist das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) nachgegangen. Das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), eine Forschungseinrichtung des KIT, hat Verbraucher sowie Wissenschaftler, Systemgastronomen und Vertreter von Organisationen im Bereich Umwelt und Tierschutz hierzu befragt. Den Ergebnissen zufolge „…sieht die Mehrheit der Befragten im In-vitro-Fleisch eine von vielen möglichen Alternativen zur konventionellen Fleischproduktion“, so das KIT. Allerdings gäbe es auch kritische Stimmen, die die Zukunft der Ernährung eher „…in einer Reduktion des Fleischkonsums und dem ökologischen Umbau der Landwirtschaft sehen“. Gegen das In-Vitro-Fleisch würden auch „…mögliche weitere Entfremdung des Menschen vom Tier und die Gefahr einer Monopolisierung der In-vitro-Fleisch-Produktion“ sprechen.

Fazit

  • Fleisch aus dem Labor ist derzeit noch im Entwicklungsstadium, bis zur Marktreife dürften aber nur noch wenige Jahre vergehen.
  • Möglicherweise wird In-Vitro-Fleisch helfen können, Probleme im Bereich Welternährung, Klima- und Tierschutz zu lösen.
  • Inwieweit Verbraucher die Produkte akzeptieren bleibt abzuwarten, da Marktpreise und Aspekte wie Geschmack, Geruch und Aussehen von In-Vitro-Fleisch noch weitgehend unbekannt sind.

Stand: Mai 2019

Quelle / Literatur: Woll, S., Böhm, I.: In-vitro-Fleisch: Eine Lösung der Probleme der Fleischproduktion und des Fleischkonsums? Ernährungs-Umschau 1/2018, S. 12-20