Die Tricks der Lebensmittelindustrie

Die Lebensmittelindustrie nutzt kostengünstige Aromen, um verarbeitungsbedingte Geschmacksverluste auszugleichen, beispielsweise in Fruchtjoghurts, Fertiggerichten und Instantbrei für Babys. Außerdem sparen die Anbieter durch Aromastoffe wertgebende natürliche Zutaten ein. Nur in wenigen Lebensmitteln wie Milch, frischem Obst oder Fleisch sind Aromen verboten. In Bio-Lebensmitteln ist der Einsatz von Aromastoffen deutlich begrenzt.

RS9535_Geleeglas © Gernot Krautberger - Fotolia.com_.jpg

Glas mit rotem Gelee

Aromen – weit verbreitet

Auch Lebensmittel, bei denen man es nicht vermutet, enthalten Aromastoffe – beispielsweise eingelegte Gurken oder Margarine. Selbst in Baby-Beikost sind sie erlaubt. Aromen plus weitere preisgünstige Zutaten wie Wasser, Bindemittel oder Emulgatoren ersetzen wertvolle Zutaten, deren Abbildungen und Namen aber trotzdem die Etiketten schmücken.

Die wirtschaftlichen Vorteile für die Lebensmittelindustrie liegen klar auf der Hand: Aromastoffe erzeugen einen Geschmack, den die verwendeten Zutaten allein nicht hergeben. So kann in einem Himbeerjoghurt die geringe Menge an zugesetzten Früchten den gewünschten Himbeergeschmack nicht liefern. Das Nachhelfen mit Aromen spart viel Geld. So lässt sich mit Himbeeraroma im Wert von circa sechs Cent etwa 100 Kilogramm Joghurt aromatisieren. Echte Himbeeren in der erforderlichen Menge würden etwa das 500-fache kosten.

Aroma statt Frucht

Häufig werden Süßwaren, Getränke oder Milchprodukte mit Abbildungen oder Namen von Früchten oder anderen wertgebenden Zutaten beworben. Tatsächlich enthalten sind – wenn überhaupt – nur geringe Fruchtanteile. Stattdessen werden Aromen eingesetzt. „Papaya-Schoko-Knusper“ klingt einfach appetitlicher als „Puffreisriegel mit Schokoladenüberzug und Aroma“. Und der „Erdbeer-Drink – fruchtig & lecker“ entpuppt sich als „Milchmischgetränk aus Magermilch mit Erdbeergeschmack“, wobei der Erdbeergeschmack ausschließlich aus Aroma stammt.

Auch Früchtetees wecken vielfach falsche Erwartungen: Nach den Leitsätzen für Tee und teeähnliche Erzeugnisse sollen aromatisierte Früchtetees in der Bezeichnung auf die Aromatisierung hinweisen und die Geschmacksrichtung angeben, zum Beispiel „Aromatisierter Früchtetee – Granatapfel-Brombeere“. Die auf der Verpackung genannten und oft auch abgebildeten Früchte stecken tatsächlich oft aber in nur sehr geringer Menge oder gar nur als Aroma im Tee. Hauptzutaten des Tees sind vielfach andere preisgünstige Früchte. Im Dezember 2015 hat der Bundesgerichtshof dazu klar gestellt: Früchte die drauf sind, müssen auch drin sein. Auf der Verpackung lediglich Aromen zuzugeben, die den Geschmack imitieren, reicht nicht aus.

Früchtetee

Abbildung 1: Früchtetee – Beeren sind als Produktname genannt und Beerenfrüchte auf der Vorderseite abgebildet. Foto: www.lebensmittelklarheit.de, Foto Beeren © camera-me.com - fotolia.com. Stand: 02.01.2017

Zutatenliste von Früchtetee

 Abbildung 2: Früchtetee – Nicht alle abgebildeten Beerenarten stehen als Zutaten in der Zutatenliste, sondern lediglich als Aroma. Stand: 02.01.2017

Umfragen auf der Internetplattform der Verbraucherzentralen www.lebensmittelklarheit.de haben gezeigt, dass Verbraucher bei Fruchtabbildungen und -bezeichnungen tatsächlich Früchte, Fruchtanteile oder Konzentrate der jeweiligen Frucht erwarten. Sie fühlen sich vielfach getäuscht, weil die abgebildeten Früchte in den Produkten fehlen. Viele Verbraucher haben sich bereits mit Produktbeschwerden an das Internetportal der Verbraucherzentralen gewandt. Dreiste Täuschungsversuche wurden erfolgreich abgemahnt.

Aroma statt Edelzutaten

Auch bei luxuriös aufgemachten Feinschmeckerprodukten, die besonders vor Festtagen im Handel auftauchen, sparen die Lebensmittelhersteller häufig an den auf der Verpackung hervorgehobenen Edelzutaten. Oft müssen billige Aromen für den Geschmack herhalten. In einem Marktcheck der Verbraucherzentrale Hessen im Dezember 2013 enthielten die meisten vermeintlichen Gourmetprodukte die beworbenen Zutaten nur in kleinsten Mengen: So bestand eine "Hummer"-Suppe nur aus Garnelen und einer Paste aus „Krustentierextrakt“. Die "Champagnertörtchen" enthielten lediglich 0,6 Prozent Champagner. Die Balsamico-Creme „Cremoso Trüffel“ wies mehr Trüffelaroma als Trüffel (0,05 Prozent) auf. Luxuriös sind dann meist nur die Preise dieser Lebensmittel.

Der Trick mit dem natürlichen Image

Die "Natürlichkeit" von Lebensmitteln ist für eine zunehmende Anzahl von Verbrauchern ein wichtiges Kaufkriterium. Werbeaussagen wie „natürlich“, „purer Genuss“ oder „nach alter Tradition“ liegen daher im Trend. Eine weitere Werbemasche ist das Clean Label ("sauberes Etikett"), das verarbeiteten Produkten ein natürliches Image verleihen soll, so zum Beispiel durch die Aussage „ohne künstliche Aromastoffe“. In den Zutatenlisten finden sich dann häufig „natürliche Aromen“, die ebenfalls aus dem Labor stammen, und Geschmacksverstärker. Hersteller nutzen sowohl die Begriffsverwirrung bei der Deklaration der Aromastoffe als auch die Tatsache, dass der Begriff „natürlich“ für Lebensmittel nicht rechtlich definiert ist, aus. Technologisch aufwändig hergestellte Zutaten und “natürliche“ Aromen aus dem Labor widersprechen tatsächlich der Werbung mit „Natur“ oder „natürlich“.

Natur Porridge

Abbildung 3: Rossmann Genuss Plus Natur Porridge – Hinweis im Produktnamen „Natur“ sowie Bilder von Haferbrei und zwei Vanilleschoten wecken die Erwartung an ein Produkt mit weitgehend naturbelassenen Zutaten und echter Vanille. Stand: 02.07.2018

Zutatenliste von Natur Porridge

Abbildung 4: Rossmann Genuss Plus Natur Porridge – Die Zutatenliste nennt nicht nur natürliche Zutaten, sondern auch "Aroma“, Glukosesirup oder Milchfettpulver. Gemahlene Vanilleschoten oder natürliches Vanillearoma fehlen. Stand: 02.07.2018

Aromen in Bio-Lebensmitteln

Die EU-Öko-Verordnung erlaubt zur zusätzlichen Aromatisierung von Bio-Lebensmitteln zwar die Beigabe von sogenannten „natürlichen Aromen“. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren Herstellung und Handel e. V. empfiehlt seinen Mitgliedern jedoch, nur Substanzen zu nutzen, die tatsächlich aus Lebensmitteln stammen. Dazu zählen  beispielsweise Aromaextrakte oder ätherische Öle. Zudem sollen sie möglichst aus ökologischer Erzeugung stammen.

Tipps und Forderung der Verbraucherzentrale

Tipps für Verbraucher:

  • In unverarbeiteten Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Fleisch und Honig ist die Beigabe von Aromastoffen verboten.
  • Auch in wenig verarbeiteten und naturbelassenen Produkten ist die Beigabe von Aromen und Zusatzstoffe nicht erlaubt. Dazu gehören pasteurisierte Milch und H-Milch, reine Buttermilch, Quark und Joghurt ohne weitere Zutaten, Haushaltszucker oder natürliches Mineralwasser.
  • Aromen sind in Biolebensmitteln deutlich seltener zu finden als in konventionellen Lebensmitteln.

Die Verbraucherzentrale fordert …

…ein generelles Verbot von Aromen in Verbindung mit Werbehinweisen wie „natürlich“ oder „ohne künstliche Aromastoffe“, um Verbrauchertäuschung zu verhindern.

Weitere Informationen

Informationen der Verbraucherzentrale Hessen

  • Persönliche Beratung in allen Beratungsstellen der Verbraucherzentrale Hessen.
  • Telefonische Beratung zu Lebensmittel und Ernährung 0900-1-972012, dienstags 10 bis 14 Uhr, 0,90 € pro Minute aus dem deutschen Festnetz; Mobilfunkpreise können abweichen.
  • Verbraucherservice: Informationen über das Beratungsangebot und das Beratungsstellennetz der Verbraucherzentrale Hessen unter (069) 97 20 10 900.
  • Informationen zu Werbung mit "Natur" oder "natürlich" für aromatisierte Lebensmittel liefert der Marktcheck der Verbraucherzentrale Hessen „‘Natur pur‘  mit Aromastoffen?“  Informationen rund um Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln, www.lebensmittelklarheit.de

Verfasser:    Verbraucherzentrale Hessen e.V., Große Friedberger Str. 13-17, 60313 Frankfurt


Stand: Dezember 2018