Fit in den Herbst: Kalte Dusche gefällig?

Einen kalten Wasserstrahl von links nach rechts über das Gesicht laufen lassen oder Kaltwassergüsse über einzelne Gliedmaßen: Der Badearzt und Pfarrer Sebastian Kneipp wusste schon im 19. Jahrhundert um die positive Wirkung auf das Immunsystem. Bis heute finden sogenannte Kneipp-Therapien Anwendung, um die Abwehrkräfte zu stärken und Infekten vorzubeugen. Doch was passiert während der Kaltdusche genau im Körper und auf was sollte man dabei achten?

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Frau unter kalter Dusche

Was Kneipp schon wusste…

Ob bei Minustemperaturen in eiskalte Flüsse oder Seen springen oder die etwas softere Variante mit kalten Duschen einzelner Gliedmaßen, viele Menschen schwören auf den gezielten Einsatz von „Kälteschocks“, um das Immunsystem gegen Infektionen zu stärken. Bereits Badearzt und Pfarrer Sebastian Kneipp wusste im 19. Jahrhundert um die positive Wirkung von Kältereizen und kurierte in jungen Jahren seine Tuberkulose durch Kältebäder in der winterlichen Donau. Hierauf begründete er später seine berühmten Wasserkuren wie das Wassertreten, Wickel oder die Kaltwassergüsse. Bis heute finden die sogenannten Kneipp-Therapien in der Naturheilkunde Anwendung, beispielsweise bei Bluthochdruck, Rheuma oder chronischen Schmerzen. Sorgen die Kältereize tatsächlich für eine Stärkung der Immunabwehr?

Erste Hinweise auf Wirksamkeit

Wissenschaftler, u.a. der Universität Jena, haben sich mit den Wassergüssen und deren Wirkung auf das Immunsystem in einer kleineren Studie etwas genauer befasst.

Die Wissenschaftler der Universität Jena führten regelmäßig über zehn Wochen kalte Brustgüsse bei 20 Lungenerkrankten (COPD) durch. Nach der Behandlung zeigten Blutanalysen einen Anstieg der Abwehrzellen um 13 Prozent. Zusätzlich wiesen die Personen eine geringere Infekthäufigkeit auf als vor oder während der Güsse.

Verbesserte Durchblutung stärkt dir Abwehrkräfte und macht putzmunter

Was aber darüber hinaus die Kneipp-Anwendungen so wirkungsvoll macht, ist der durchblutungsfördernde Effekt: Der Körper reagiert auf den Kältereiz zunächst mit Verengung der Blutgefäße. Um sich im Anschluss wieder zu erwärmen, weitet er die Gefäße wieder. Auf diese Weise werden Haut und Schleimhäute verstärkt durchblutet. Viren beispielsweise können auf feuchten, gut durchbluteten Schleimhäuten, wie etwa in der Nase oder im Rachen, wesentlich schlechter andocken.

Zudem gelangen durch den erhöhten Blutstrom mehr Abwehrzellen zu den Bereichen, in denen sich Krankheitserreger bereits breit gemacht haben.

Ganz nebenbei sorgt die angekurbelte Durchblutung für einen Frischekick bei geistiger Ermüdung.

Kalte Dusche für die Schönheit

Wer zu heiß duscht, entzieht Haut und Haaren Feuchtigkeit. Folgen sind trockene, juckende Haut und strohigen Haare. Kaltes Wasser verschließt hingegen die Poren und lässt so den Schutzfilm der Haut intakt. Auf diese Weise können Spliss und Falten auf natürliche Weise den Kampf angesagt werden – ein wirklich schöner Nebeneffekt.

Was muss ich bei den kalten Güssen beachten?

Damit die Güsse einen positiven Effekt aufweisen, müssen sie regelmäßig stattfinden. Daher empfiehlt es sich, die Anwendungen etwa dreimal die Woche durchzuführen. Dies muss nicht zwangsläufig in einem Kneipp-Therapiezentrum erfolgen, sondern kann auch in den eigenen vier Wänden praktiziert werden. Hierfür kann zum Beispiel die normale Dusche zu einem Kneipp-Schlauch umfunktioniert werden: Einfach den Duschkopf abschrauben. Der Wasserstrahl für derlei Güsse sollte etwa drei Zentimeter Durchmesser aufweisen und nicht feinperlig, wie aus der Brause, sein.

Einsteiger in die Kneipp‘schen Anwendungen sollten aber mit milderen Reizen beginnen, wie etwa Wechsel-Fußbädern oder -Armbädern. So kann sich der Körper langsam an die Kältereize anpassen. Denn wer sich morgens direkt unter eine kalte Dusche stellt und dies nicht gewohnt ist, riskiert eine Erkältung.

Geübtere Kaltduscher können dann mit kalten Teilgüssen über Füße, Knie, Oberschenkel und Arme weitermachen.

Gesichtsgüsse:
Für die Gesichtsgüsse sollte dann der Wasserstrahl senkrecht nach unten drei Mal über die rechte Gesichtshälfte und anschließend über die linke Gesichsthälfte geführt werden. Zum Schluss umkreist der kalte Wasserstrahl noch dreimal das ganze Gesicht.

Wechselduschen:
Zunächst heiß duschen, um ein angenehmes Wärmegefühl herbeizuführen, währenddessen gut strecken. Danach auf kaltes Wasser umstellen und herzfern beginnend abduschen. Zunächst das rechte Bein, dann das linke Bein, dann rechter Arm und linker Arm: erst Außen- und dann jeweils die Innenseite. Zum Schluss folgen kalte Güsse über Brust, Bauch, Nacken und Gesicht. Nach den Anwendungen direkt warm anziehen.

Tautreten:
Eine weitere Anwendung für Zuhause kann das Tautreten sein. Hierfür betritt man jeden Morgen mit nackten Füssen für drei bis fünf Minuten Grasboden, auch wenn dieses noch nass oder mit Raureif überzogen ist.

Und das ist auch noch wichtig:

Oberste Priorität ist es, bei den Anwendungen nicht auszukühlen, denn dies würde den Organismus eher schwächen. Ein Kältereiz auf ohnehin schon kalte Füße verringert die Durchblutung zusätzlich. Da die Füße mit dem Nase-Rachen-Raum in enger Verbindung stehen, führen kalte Füße zu einer schlecht durchbluteten Nasenschleimhaut. Darum sollte bei allen gezielt gesetzten Kältereizen der Körper zu Beginn warm sein und nach der Behandlung direkt wieder warm verpackt werden.

Sinnvoll ist es außerdem, bereits im Sommer etwa Ende August mit den Kältereizen zu beginnen, damit man zum Herbst ein starkes Immunsystem aufweist.

Noch vor Beginn mit den Kältegüssen ist aber ein Gespräch mit dem Hausarzt ratsam.

Stand:Dezember 2019