Ärztliche Zweitmeinung: Diese Rechte haben Patienten

Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung halten drei Viertel der Befragten eine ärztliche Zweitmeinung für sinnvoll. Viele Patienten sind aber verunsichert, ob und wann sie das Recht haben, eine zweite Meinung einzuholen und ob diese von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird.

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Arzt spricht mit Patientin

Anspruch auf freie Arztwahl

Eine Zweitmeinung ist die Beurteilung einer Erstdiagnose durch einen anderen, unabhängigen Arzt oder/und die Einschätzung, ob eine vorgeschlagene Therapie, zum Beispiel eine Operation angebracht ist oder eine andere Behandlung empfehlenswerter wäre.

Gesetzlich Versicherte haben immer das Recht, eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen. Das garantiert der Anspruch auf freie Arztwahl, der im Sozialgesetzbuch V verankert ist. Frei wählen können Versicherte unter den zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassenen Haus- und Fachärzten. Falls ein Pathologe oder Radiologe zu Rate gezogen werden soll, ist dafür eine Überweisung notwendig. Doch auch bei einer Überweisung können Versicherte den konkreten Arzt frei wählen.

TIPP: Wenn bereits Untersuchungen durchgeführt wurden, können sich Patienten Kopien ihrer Behandlungsunterlagen aushändigen lassen, damit überflüssige und eventuell schädliche Doppeluntersuchungen vermieden werden. Gemäß § 630g des Bürgerlichen Gesetzbuches haben Patienten ein Einsichtsrecht in ihre Patientenunterlagen und Anspruch auf Kopien, deren Kosten sie allerdings selbst tragen müssen.

Eingeschränkt in der freien Arztwahl können Versicherte dann sein, wenn sie sich in speziellen Versorgungsmodellen der Krankenkasse eingeschrieben haben, wie in die hausarztzentrierte Versorgung. Hier unterschreiben Versicherte einen Vertrag, mit dem sie sich für mindestens ein Jahr an den teilnehmenden Hausarzt binden und sich verpflichten, Fachärzte nur mit Überweisung aufzusuchen. Ausgenommen sind Augenärzte, Frauenärzte und Notärzte. Die Teilnahmebedingungen der Krankenkassen regeln die Vertragsbedingungen und die Folgen von Pflichtverstößen. Eine ärztliche Zweitmeinung außerhalb dieser Verträge müsste der Versicherte selbst bezahlen. Auch in Verträgen zur besonderen Versorgung binden sich Versicherte für einen bestimmten Zeitraum an vertraglich festgelegte Leistungserbringer.

Neue Regelung: Zweitmeinung bei planbaren Eingriff

Seit 2015 regelt § 27 der Sozialgesetzbuchs V, dass gesetzlich Versicherte bei planbaren Eingriffen einen Anspruch auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung haben. Dieser Anspruch besteht bei Eingriffen, bei denen man vermutet oder weiß, dass sie zu oft durchgeführt werden. Überflüssige Operationen sollen damit vermieden werden. Laut einer Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) aus dem Jahr 2018 betrifft dies bislang nur Mandeloperationen (Tonsillektomie, Tonsillotomie) und Gebärmutterentfernungen (Hysterektomien). Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Landeskrankenhausgesellschaften müssen Patienten darüber informieren, welche Ärzte zu diesen Eingriffen eine Zweitmeinungen abgeben dürfen.

Freiwillige Satzungsleistung

Viele Krankenkassen bieten ihren Versicherten als freiwillige Satzungsleistung Zweitmeinungsverfahren an. In der Regel beziehen sich diese Zweitmeinungsangebote auf orthopädische Operationen an der Wirbelsäule, der Schulter, der Hüfte oder dem Knie und/oder auf Operationen bei Krebserkrankungen.

Die Ausgestaltung der Angebote ist sehr unterschiedlich. Ein Teil der Krankenkassen kooperiert mit Spezialisten, die - bei mitunter regional beschränkten Angeboten - entweder aufgesucht oder telefonisch hinzugezogen werden können. Ein Teil der Krankenkassen kooperiert mit Zweitmeinungsportalen im Internet.

Internetportale

Im Internet gibt es eine Reihe von Portalen, die ärztliche Zweitmeinungen anbieten. Beispiele für Zweitmeinungsportale im Internet - ohne Wertung und abschließende Aufzählung - sind:

www.medexo.de : Zweitmeinungen in vielen Fachbereichen, vor allem vor operativen Eingriffen

www.krebszweitmeinung.de : Zweitmeinungen bei Krebserkrankungen bezüglich Diagnostik und Therapie

www.2te-zahnarztmeinung.de : Finanzielle Gegenangebote zu eingestellten Heil- und Kostenplänen bei Zahnersatz

Wenn Kooperationen mit Krankenkassen bestehen, übernehmen diese als freiwillige Satzungsleistung die Kosten. Bei einem Gutachten können diese mehrere Hundert Euro betragen. 

Tipps für Verbraucher

Patienten, die eine zweite Meinung bei Erkrankungen wünschen, die nicht von der Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses umfasst sind (siehe Kapitel 2. Neue Regelung: Zweitmeinung bei planbaren Eingriffen), sollten sich nicht scheuen, diese trotzdem in Anspruch zu nehmen. Im Rahmen der freien Arztwahl können Patienten andere Ärzte hinzuziehen. Patienten haben ein Einsichtsrecht in ihre Patientenunterlagen und Anspruch auf Kopien. So können Doppeluntersuchungen vermieden werden. Ob man den Wunsch nach einer Zweitmeinung mit dem behandelnden Arzt bespricht, wird davon abhängen, ob man bei dem behandelnden Arzt bleiben will; dann kann es sinnvoll sein, mit offenen Karten zu spielen, um das Ergebnis gemeinsam besprechen zu können. Vor der Inanspruchnahme eines Zweitgutachtens sollten Versicherte abklären, welche Angebote die Krankenkasse diesbezüglich macht. 

Weitere Informationen

Beratungsangebote der Verbraucherzentrale Hessen

  • Telefonische Patientenberatung immer montags von 10 bis 14 Uhr 0900 1 972013. 1,75 € pro Minute aus dem deutschen Festnetz; Mobilfunkpreise können abweichen.
  • Persönliche Beratung der Verbraucherzentrale Hessen zu den Themen Gesundheit und Pflege. Kosten: 60 € pro 45 min. Terminvereinbarungen am Servicetelefon.
  • Servicetelefon/Auskunft: (069) 97 20 10 – 900, Mo bis Do 10 – 16 Uhr, Fr 10 – 15 Uhr

Verfasser: Verbraucherzentrale Hessen e.V., Große Friedberger Str.13 – 17, 60313 Frankfurt am Main

Stand: Januar 2019