Nahrungsergänzungsmittel – Umstrittene Gesundmacher

Glaubt man der Werbung, sind sie wahre Wunderwaffen: Nahrungsergänzungsmittel. So soll Magnesium bei Wadenkrämpfen helfen, Zink und Vitamin C Erkältungen vorbeugen und Vitamin B12 die geistige Leistungsfähigkeit erhöhen. Doch was ist dran an diesen Aussagen und was sind Nahrungsergänzungsmittel überhaupt? Sind sie eine sinnvolle Ergänzung der Nahrung oder genügt eine ausgewogene Ernährung?

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Pillen
Pillen und Tabletten

VerbraucherFenster-Redakteurin Barbara-Maria Birke hat mit Wiebke Franz gesprochen. Sie ist Lebensmittelexpertin bei der Verbraucherzentrale Hessen.

VF: Nahrungsergänzungsmittel stehen im Regal neben Arzneitees, Pflastern und Erkältungsbonbons. Sind sie also auch Arzneiprodukte?

Franz: Ganz klar nein. Laut der Nahrungsergänzungsmittel-Verordnung sind Nahrungsergänzungsmittel Lebensmittel, die die allgemeine Ernährung ergänzen sollen. Sie sind

Konzentrate von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung in dosierter Form als Kapseln, Pastillen, (Brause-) Tabletten, Pulver oder Trinkampullen zur Aufnahme in abgemessenen kleinen Mengen. Nährstoffe im Sinne der Verordnung sind Vitamine und Mineralstoffe, einschließlich Spurenelemente.

Arzneimittel sollen nach dem Arzneimittelgesetz Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder krankhafte Beschwerden heilen, lindern, verhüten oder erkennen. Das tun Nahrungsergänzungsmittel nicht. Ebenso wenig sind sie Medizinprodukte wie Pflaster oder Fettbinder. Denn diese greifen nicht in den Organismus ein und haben nur physikalische Wirkung. 

VF: Wenn man die Werbung ansieht, müssen Nahrungsergänzungsmittel wahre Wunderwaffen sein. Sie helfen bei Wadenkrämpfen, beugen Erkältungen vor und steigern die Leistungsfähigkeit. Sind diese Heilsversprechungen zutreffend?

Franz: Ob Nahrungsergänzungsmittel eine Wirkung haben, hängt von Fall zu Fall ab – der persönlichen Lebenssituation. Bin ich schwanger, habe ich eine Krankheit und benötige deswegen mehr Nährstoffe zur Ergänzung meiner Ernährung oder habe ich einen Mangel an einem bestimmten Nährstoff – dann können Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein. Die Einnahme von bestimmten Vitaminen oder Stoffen wie Vitamin D in der dunklen Jahreszeit, Calcium, Jod oder Eisen, wenn man sich vegetarisch oder vegan ernährt, kann durchaus sinnvoll sein.

Nahrungsergänzungsmittel sind aber keine Wunderwaffen. Sie können bei Überdosierung oder Falschdosierung sogar schädlich oder nachteilig wirken. Ein Zuviel an Nährstoffen kann außerdem die Aufnahme anderer Nährstoffe behindern, beispielsweise hemmen sich Calcium und Magnesium. Daher gilt: Nahrungsergänzungsmittel erst einnehmen, wenn der Arzt einen Mangel festgestellt hat. Es geht weder, sich von Nahrungsergänzungsmitteln allein zu ernähren, noch eine ansonsten ungesunde Lebensweise damit auszugleichen. Diesen Anschein erwecken manche Hersteller, aber das ist unzulässig und reine Geschäftemacherei.

VF: Wieso?

Franz: Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel. Einem Lebensmittel darf nicht der Anschein eines Arzneimittels gegeben werden. Es dürfen ihm keine Wirkungen oder Eigenschaften zugesprochen werden, die es nicht besitzt. Aber genau das tun manche Hersteller.

VF: Was ist denn bei der Anpreisung der Nahrungsergänzungsmittel möglich und was nicht?

Franz: Vorsicht ist geboten, wenn das Mittel laut der Werbung Wunder bewirken soll, beispielsweise: „wirkt gegen eine Vielzahl der unterschiedlichsten Erkrankungen von Arthrose bis Neurodermitis“, „hilft dort, wo die Schulmedizin versagt hat“, „ist besonders wirksam laut zahlreicher Erfahrungsberichte“, „soll in dieser Qualität nur für kurze Zeit und nur bei dieser Firma erhältlich sein“, „wird schon seit Jahren angewandt, aber offiziell nicht anerkannt“, „ist so erfolgreich, dass es eigentlich ein Arzneimittel sein müsste“. Das sind nur einige Beispiele.

VF: Können Sie weitere konkrete Aussagen nennen?

Franz: Grundsätzlich müssen gesundheitsbezogene Angaben rechtlich zugelassen sein. Das ist bei folgenden  Aussagen wie „Lutein führt zu besserem Sehvermögen“, „Traubenkernextrakt hilft gegen geschwollene Beine“, „Sojaprotein verringert den Cholesteringehalt im Blut“  nicht der Fall. Mit diesen Aussagen zu werben, ist nicht erlaubt. Das ist Verbrauchertäuschung. Wenn auf der Verpackung die versprochene Sensationswirkung aus der Anzeige nicht mehr auftaucht, sollte man skeptisch sein.

VF: Das waren jetzt Aussagen, die gar nicht gehen. Was ist erlaubt?

Franz: Zulässig sind gesundheitsbezogene Angaben, die wahrheitsgemäß, klar, verlässlich und nicht irreführend für die Verbraucher sind. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überprüft die Aussagen der Hersteller. Nur solche, die wissenschaftlich belegt werden können, können auch zugelassen werden.

VF: Zum Beispiel?

Franz:  Zulässig sind zum Beispiel: „Magnesium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei“ oder „Vitamin C trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“ oder „Jod trägt zum normalen Wachstum von Kindern bei“ oder „Eisen trägt zur normalen kognitiven Entwicklung von Kindern bei“. Diese Sätze, die aussagen, dass die meist zugesetzten Vitamine und Mineralstoffe lediglich zu einer normalen Körperfunktion beitragen und somit keine Wunderwaffen sind, sind zulässig. Eine Übersicht über erlaubte Aussagen finden Verbraucher bei der Europäischen Kommission unter http:/ec.europa.eu/nuhclaims/VF: Kann man dem keinen Riegel vorschieben?

Franz: Nur bedingt. Die Lebensmittelüberwachung kontrolliert Nahrungsergänzungsmittel zwar stichprobenartig und risikoorientiert auf ihre Wirkstoffe, ihre Zusammensetzung und die Kennzeichnung. Das Problem ist hierzulande aber, dass keine Zulassung für Nahrungsergänzungsmittel notwendig ist, sondern nur die Anzeige beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Jeder, der ein Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt bringen will, kann dies tun.

VF: Wirklich?

Franz: Ja. Nahrungsergänzungsmittel sind ein lukratives Geschäft, da manche Substanzen wie Magnesium zum beispielsweise günstig sind und teuer verkauft werden können.

VF: Gibt es keine rechtlichen Anforderungen?

Franz: Schon, aber die sind erfüllbar. Es gibt mehrere Verordnungen, die den Rahmen setzen, wie beispielsweise die Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel, das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch, die Lebensmittelinformations-Verordnung,  die Novel Food Verordnung und die Health Claims Verordnung. So regelt beispielsweise die Lebensmittelinformations-Verordnung die Pflichtkennzeichnung für Nahrungsergänzungsmittel. Das Produkt muss die Bezeichnung „Nahrungsergänzungsmittel“ tragen, Auskunft über produktprägende Nährstoffe und sonstige Stoffe mit physiologischer Wirkung wie Lutein geben, eine Zutatenliste, die empfohlene tägliche Verzehrmenge und den Warnhinweis: „Die angegebene empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden“ enthalten. Zudem sind die Hinweise, dass Nahrungsergänzungsmittel kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung sind und außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahrt werden sollten, notwendig. Nährwertangaben und Angaben zur Bedarfsdeckung in Prozent pro empfohlener Tagesmenge, das Mindesthaltbarkeitsdatum, die Losnummer, die Mengenangabe sowie die Adresse des Herstellers, Verpackers oder Verkäufers müssen außerdem auf jeder Verpackung stehen.

VF: Das klingt doch eigentlich ganz gut.

Franz: Das Problem ist auch weniger die Kennzeichnung der Produkte als vielmehr die Werbung. Bei der wird gerade bei Haustürgeschäften, Kaffeefahrten oder im Internet wild fabuliert. Es werden teilweise Produkte angepriesen, die nicht halten, was sie versprechen. Und das zu teurem Geld.

VF: Was kann dagegen getan werden?

Franz: Den Verbraucher aufklären, was wir als Verbraucherzentrale auch tun. Zudem schwarze Schafe beim Namen nennen. Am 18. Januar 2017 ist von Seiten der Verbraucherzentrale ein Internetportal zu Nahrungsergänzungsmitteln online gegangen, das Informationen enthält, wo Verbraucher Fragen stellen, Produkte und Internetseiten melden können und aktuelle Meldungen und Warnungen finden. Darüber hinaus können Verbraucherinnen und Verbraucher auch entsprechende Produkte, wenn sie beispielsweise an deren Verkehrsfähigkeit oder an der Werbung dafür Zweifel haben, bei der zuständigen Behörde der Lebensmittelüberwachung melden oder als Beschwerdeprobe abgeben.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Stand: Februar 2017

Wiebke Franz
Wiebke Franz