Für (Leistungs-)Sportler - sinnvoll oder unsinnig?

Mancher Sportler nimmt Nahrungsergänzungsmittel, Eiweißdrinks und Energieriegel zu sich. Doch ist dies überhaupt nötig, um sportlich fit zu sein?

RS10692_Pillen und Tabletten © Arno Oesterheld - Fotolia.com_.jpg

Tabletten

Wer Sport macht, möchte sicher sein, dass sein Körper über alle nötigen Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel verfügt, um die entsprechende Leistung abzurufen. Wie selbstverständlich werden daher Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium oder Calcium eingenommen, um optimale Leistung zu erbringen. Doch ist das überhaupt erforderlich? Wann sind Nahrungsergänzungsmittel für Sportler sinnvoll, wovon hängt die optimale Zufuhr ab und kann eine Überdosierung zu Schäden führen? Über diese Fragen hat VerbraucherFenster-Redakteurin Barbara-Maria Birke mit Hans Braun gesprochen. Er ist Diplom-Ökotrophologe und Diplom-Sportwissenschaftler und arbeitet an der Deutschen Sporthochschule Köln am Institut für Biochemie.

VF: Herr Braun, was ist dran am Leitsatz „Nahrungsergänzungsmittel für optimierte Leistung im Sport“?

Braun: Tatsache ist, dass Sportler häufiger auf Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen als Nicht-Sportler. Inwieweit einzelne Produkte sinnvoll sind, hängt von verschiedenen Faktoren wie der Trainingshäufigkeit sowie der Belastungsdauer und –intensität ab. Manche Nahrungsergänzungsmittel können jedoch für Sportler in ausgewählten Situationen durchaus sinnvoll sein.  Die „optimale“ Versorgung sollte auf Grundlage einer vielfältigen vollwertigen Ernährung stattfinden. Im Einzelfall kann dann ein Nahrungsergänzungsmittel helfen, die Nährstoffversorgung zu verbessern. Im Breitensport ist das eher selten der Fall.

VF:  Welche Nahrungsergänzungsmittel sind für wen sinnvoll?

Braun: Generalisieren lässt sich das nicht. Sofern wir Kohlenhydratriegel, -gele und auch Sportgetränke zu den Nahrungsergänzungsmitteln zählen, sind diese Produkte durchaus sinnvoll, wenn es darum geht, bei intensiven Belastungen, die länger als eine Stunde dauern, zwischendurch Energie in Form von Kohlenhydraten aufzunehmen. Proteinpräparate sind eher selten notwendig, da die meisten Sportler ausreichend Protein über die Lebensmittel konsumieren. Eine kritische Gruppe hinsichtlich der Proteinversorgung könnte jedoch die der Sportler sein, die in Sportarten aktiv sind, bei denen es auf ein geringes Körpergewicht ankommt und die daher die Energiezufuhr häufig reduzieren. In solchen Situationen ist aber auch die Zufuhr vieler Mikronährstoffe kritisch.

VF: Inwiefern?

Braun: Die Konsequenz einer geringeren Energiezufuhr ist meist auch eine geringere Nährstoffzufuhr. Das muss nicht so sein, bedeutet aber, dass in dieser Situation noch genauer auf eine ausgewogene vollwertige Ernährung geachtet werden muss. Manchmal ist das für Sportler im Alltag nicht so einfach zu realisieren und dann kann der gezielte Einsatz eines Nahrungsergänzungsmittels sinnvoll sein.

VF: Variiert die Zufuhr von Nahrungsergänzungsmitteln von Sportart zu Sportart?

Braun: Ob ein Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll ist, hängt nicht zwingend von der Sportart ab, sondern eher von der akuten Trainings- und Wettkampfbelastung. Leichtathletik als Sportart ist komplex und beinhaltet Werfer und Läufer. Beide haben aber durchaus unterschiedliche Anforderungen an die Ernährung.

VF: Und von Sportler zu Sportler? Klein oder groß, dick oder dünn – macht das einen Unterschied?

Braun: Es kann sicherlich Unterschiede hinsichtlich des Nährstoffbedarfs von Mensch zu Mensch geben, die gibt es jedoch auch außerhalb des Sports. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede wie am Beispiel Eisen sind beschrieben und zeigen, dass häufig Frauen in Ausdauersportarten einen unzureichenden Eisenstatus haben. Trotzdem sollten Eisenpräparate nur nach entsprechender ärztlicher Diagnose eingenommen werden.

VF: Sie führen das Beispiel Eisen an. Kann eine ausgewogene Ernährung bei Sportlern überhaupt  den Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen decken?

Braun: Eine ausgewogene Ernährung kann auf jeden Fall den Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen decken, beziehungsweise eine sehr gute Grundlage liefern. Trotzdem kann es in manchen Situationen dazu kommen, dass der Bedarf bei Leistungssportlern nicht gedeckt werden kann und dann kann ein Nahrungsergänzungsmittel kurzfristig helfen, die Versorgungslücke zu decken.

VF: Heutzutage gibt es Hersteller, die maßgeschneiderte Vitamin- und Mineralstoff-Präparate für die einzelnen Athleten anbieten. Ist das sinnvoll oder reine Geschäftemacherei?

Braun: Es stellt sich die Frage, ob diese Produkte tatsächlich in der Lage sind, die Gesunderhaltung oder gar die Leistungsfähigkeit zu unterstützen. Mir ist jedoch bisher keine wissenschaftliche Publikation bekannt, die aufzeigt, wie es funktionieren soll über beispielsweise eine Blutanalyse ein individuelles Nahrungsergänzungsmittel zusammenzustellen. Ganz zu schweigen von einer Placebo-kontrollierten Studie, die dann die Wirksamkeit belegt.

VF: Wenn dem Athleten Präparate in hoch dosierter Konzentration verabreicht werden, besteht hier nicht die Gefahr der Überdosierung?

Braun: Ja. Das gilt vor allem für Mineralstoffe und Spurenelemente, aber auch zum Beispiel für Vitamin A. Das Bundesinstitut für Risikobewertung oder die EFSA (European Food Safety Authority) bewerten dies ähnlich.

VF: Protein für die Muskeln, viel Kohlenhydrate für die ausreichende Energiezufuhr und Magnesium gegen Muskelkrämpfe - was ist an diesen Aussagen dran?

Braun: Klar brauchen die Muskeln Protein, die Zufuhrempfehlung wird aber im Regelfall über die Nahrung gedeckt. Ebenso kann im Regelfall der erhöhte Kohlenhydratbedarf eines Sportlers durch eine entsprechende Lebensmittelauswahl gedeckt werden. Bei Wettkämpfen, wie zum Beispiel  einem Marathon, hat sich zumindest unter Leistungssportlern der Einsatz von Sportgetränken, Kohlenhydratriegeln und -gelen etabliert, da diese Produkte häufig unter körperlicher Belastung auch gut vertragen werden.

VF: Führen Energiegels und Powerriegel auch zu besseren sportlichen Leistungen?

Braun: Ohne Training bringen auch diese Produkte nichts. Sie können aber helfen, die Ermüdung hinauszuzögern. Dabei ist die individuelle Verträglichkeit zu beachten. Das Motto „Viel hilft viel“ ist hier fehl am Platz.

VF: Im Leistungsbereich werden Nahrungsergänzungsmittel oft mit Doping in Verbindung gebracht? Wie kann ich als Athlet sicher gehen, dass ich saubere Produkte zu mir nehme?

Braun: Nahrungsergänzungsmittel sind nicht automatisch dopingrelevante Produkte. Sie werden jedoch mit Doping in Verbindung gebracht, da sie in der Vergangenheit in manchen Fällen zu einem positiven Dopingbefund geführt haben. Dabei kann es sich um die Kontamination eines Nahrungsergänzungsmittels mit einer unerlaubten Substanz oder um eine absichtliche Anreicherung gehandelt haben. Das ist schlecht für die Sportler. Zudem können auch gesundheitliche Risiken beim Konsum solcher Nahrungsergänzungsmittel nicht ausgeschlossen werden. Wir empfehlen daher den Sportlern, nur risikoarme Produkte zu nehmen, die auf dopingrelevante Substanzen untersucht wurden. Eine Plattform, die risikoarme Nahrungsergänzungsmittel zusammenfasst ist die Kölner Liste (www.koelnerliste.com).

VF: Welche Produkte finde ich hier?

Braun: Die Kölner Liste stellt keine Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel dar, sondern dient lediglich dazu, risikoarme Produkte sachlich neutral darzustellen. Hersteller nutzen diese Möglichkeit, um aufzuzeigen, dass ihre Produkte auf dopingrelevante Substanzen untersucht wurden. Insofern  finden Sie alle möglichen Produkte auf der Kölner Liste. Sportler, die nun zum Beispiel ein Proteinpräparat nehmen möchten, können sich dort informieren , welche Hersteller ihre Produkte haben untersuchen lassen.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Hans Braun

Hans Braun

Stand: März 2017