Vegane Ernährung (Teil 2): Gesund oder gefährlich?

Immer mehr Menschen setzen auf vegane und vegetarische Produkte. Entweder den Tieren zuliebe oder der eigenen Gesundheit wegen. Doch was ist dran an der Pflanzenkost? Leben Veganer gesünder oder schaden sie ihrer Gesundheit? Das wollte VerbraucherFenster-Redaktionsmitglied Barbara-Maria Birke genauer wissen. Professor Dr. Kathrin Kohlenberg-Müller von der Hochschule Fulda stand hierfür Rede und Antwort.

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Brot mit Gurke und Radieschen

VF: Veganer meiden alle vom Tier stammenden Lebensmittel. Was kann dann überhaupt noch gegessen werden?

Kohlenberg-Müller: Gemüse und Früchte in allen Farben, Getreide zum Beispiel als Vollkorn, Hülsenfrüchte inklusive Soja, Kartoffeln, Nüsse, Saaten und Keimlinge sowie Kräuter, Gewürze und Pilze.

VF: Stellt das eine ausgewogene, vollwertige Ernährung sicher oder muss ich Mangelerscheinungen fürchten?

Kohlenberg-Müller: Nicht für alle Nährstoffe ist die Versorgung sichergestellt. Die pflanzliche Kost ist beispielsweise nahezu frei von Vitamin B12 – hier sind Ergänzungsmittel erforderlich. Für Veganer ist die Lebensmittelauswahl auf pflanzliche Produkte beschränkt und dadurch besteht neben einer Vitamin B12-Unterversorgung das Risiko einer mangelhaften Zufuhr von Energie, Protein, langkettigen n-3 Fettsäuren, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Riboflavin und Vitamin D.

VF: Das klingt besorgniserregend. Also nicht vegan leben?

Kohlenberg-Müller: Um gesund vegan zu leben, sind tiefgehende Kenntnisse über die Auswahl pflanzlicher Lebensmittel und ihrer Zubereitung erforderlich. Bei Veganern sollten die Versorgungszustände an Nährstoffen regelmäßig überprüft werden – eine qualifizierte Ernährungsberatung ist unbedingt zu empfehlen!

VF: Fleisch enthält zum Beispiel viel B-Vitamine und Eisen - Milchprodukte enthalten Kalzium, was für den Knochenaufbau wichtig ist. Wie bekomme ich diese Nährstoffe in meinen Körper?

Kohlenberg-Müller: Abgesehen von Vitamin B12  kann die bedarfsgerechte Zufuhr über Brot und andere Getreideprodukte, Gemüse und Obst erfolgen. Auch kalziumreiches Mineralwasser kann einen guten Beitrag zur Versorgung leisten.

VF: Bekomme ich nicht einen Zuckerschock, wenn ich auf viel Obst setze? So viel Fruchtzucker kann ja nicht gesund sein, oder?

Kohlenberg-Müller: Obstsorten wie Weintrauben oder Bananen enthalten viel „Zucker“ und dadurch kommt es nach dem Verzehr zu einem schnellen Einstrom von „Zucker“ in das Blut. Bei empfindlichen Personen, zum Beispiel Personen mit einer Glucosetoleranzstörung, kann dadurch der Blutzuckerspiegel stark belastet werden. Dieser Effekt kann aber abgemildert werden, wenn das Obst z.B. zusammen mit einer ballaststoff- und /oder fettreicheren Mahlzeit verzehrt wird.

VF: Säfte enthalten Gelatine und Schokolade Milchzucker. Wenn ich mich vegan ernähre, fällt ganz schön viel weg. Führen Veganer ein freudloses Dasein?

Kohlenberg-Müller: Nein, das wird von Veganern keinesfalls so empfunden.

VF: Wie muss eine vegane Ernährung aussehen, damit sie dem Körper mehr nutzt als schadet?

Kohlenberg-Müller: Sehr abwechslungsreich ausgewählt, vor allem sorgfältig geplant und in den Essalltag umgesetzt.

VF: Wie sieht es eigentlich mit Kindern und Schwangeren aus? Ist vegane Ernährung hier angebracht oder sogar schädlich?

Kohlenberg-Müller: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) hält eine rein pflanzliche Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit sowie im gesamten Kindesalter für nicht geeignet, um eine adäquate Nährstoffversorgung und die Gesundheit des Kindes sicherzustellen.

VF: Erst vor kurzem hat die WHO verlautbart, dass Fleisch, vor allem rotes und verarbeitetes, Krebs beim Menschen auslösen könnte. Wenn ich mich vegan ernähre, ist die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, also geringer?

Kohlenberg-Müller: So einfach lässt sich das nicht sagen. Hier sind die Zusammenhänge sehr komplex. Neben der Ernährung haben auch noch andere Faktoren Einfluss auf die Entstehung von Krebs.

VF: Wie sieht es bei Volkskrankheiten wie Diabetes Mellitus, Bluthochdruck, Übergewicht und Herz-Kreislauferkrankungen aus?

Kohlenberg-Müller: Für die Gruppe der Veganer wurde in großen Studien an Siebenten-Tags-Adventisten in den USA gezeigt, dass sie im Vergleich zu Nicht-Vegetariern deutlich weniger gefährdet sind, diese Erkrankungen zu erlangen. Das hängt auch damit zusammen, dass Veganer einen niedrigeren BMI im Vergleich zu Nicht-Vegetariern haben.

VF: Wenn die vegane Ernährung solche positiven Auswirkungen hat, wieso fällt es den Deutschen so schwer auf ihr Fleisch und ihre Wurst zu verzichten?

Kohlenberg-Müller: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch in Deutschland ist immerhin etwas zurückgegangen, liegt aber mit 60,4 Kilogramm, die für den menschlichen Verzehr bestimmt waren, sehr hoch. Der Ernährungsreport 2016 zeigt, dass nur drei Prozent der Befragten nie Fleisch oder Wurst essen. Sechs Prozent der Frauen, aber nur ein Prozent der Männer sind Vegetarier. Immer mehr Menschen sind aber bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, das aus artgerechter Haltung stammt. Es braucht Zeit, bis sich Einstellungen und Werte in der Gesellschaft verändern und der Fleischkonsum sinkt. Die Vorteile einer pflanzenbetonten Kost, vor allem die geschmackliche Vielfalt und der Genuss, sollten immer wieder hervorgehoben werden.    

VF: Auf eine fleischlose Gesellschaft deuten die Zahlen aber nicht hin. Liegt es vielleicht auch daran, dass vegane Ernährung ganz schön teuer werden kann? Die Waren sind ja nicht zu Discounterpreisen zu haben.

Kohlenberg-Müller: Davon gehe ich nicht aus. Wenn auf vegane Fertiglebensmittel und Ersatzprodukte wie z.B. Fleischersatzstoffe aus Sojabohnen verzichtet wird, ist die vegane Ernährung sogar günstiger. Zudem ist Essen und Trinken in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern nicht teuer. Im Jahr 2014 wendeten die Verbraucher durchschnittlich weniger als 14 Prozent ihrer gesamten Konsumausgaben für Nahrungsmittel auf.

VF: Schaut man in das Angebot der meisten Kantinen, scheint vegan ein nicht bekanntes Phänomen zu sein. Was muss hier passieren?

Kohlenberg-Müller: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) hat Qualitätsstandards für die Gemeinschaftsverpflegung heraus gegeben und bietet Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung sowie Caterern, die diese Einrichtungen beliefern, die Möglichkeit, ein vollwertiges Verpflegungsangebot durch die DGE-Zertifizierung oder die DGE-PREMIUM-Zertifizierung auszeichnen zu lassen. Beispielsweise ist nach den DGE-Qualitätsstandards für die Betriebsverpflegung ein vegetarisches Gericht täglich im Angebot.

VF: Aber augenscheinlich wird das Angebot der Zertifizierung nicht ausreichend genutzt, wenn man in die meisten Kantinen schaut. Oder wie sehen Sie das?

Kohlenberg-Müller: Es ist sehr wünschenswert, dass die Qualitätsstandards breiter umgesetzt werden. Beispielsweise fordert die Deutsche Allianz gegen nichtübertragbare Krankheiten (NCD Allianz) zur Primärprävention verbindliche Qualitätsstandards für Kita- und Schulverpflegung.

VF: Auswärts vegan zu essen dürfte insgesamt eher schwierig sein, oder?

Kohlenberg-Müller: Nicht in Großstädten. Hier finden sich vegane Restaurants und Cafés. Auch bieten viele Restaurants und Cafés einzelne vegetarische oder sogar vegane Gerichte an. Ansonsten kann ein Veganer Gemüse oder Salat mit Kartoffeln, Reis oder Getreideprodukten als Einzelkomponenten von Gerichten auswählen und seine Bestellung mit der Servicekraft oder mit dem Koch besprechen. Veganes Essen liegt im Trend, von daher gehe ich davon aus, dass viele Restaurants darauf eingestellt sind.

VF: Lebt jemand der regelmäßig Sport treibt, aber Fleisch und Wurst in Maßen isst genauso gesund wie ein Veganer?

Kohlenberg-Müller: Es fehlen hierzu noch aussagekräftige Untersuchungen, um diese Frage konkret beantworten zu können. Viele Veganer sind körperlich sehr aktiv. Es müssten also Gruppen mit identischer körperlicher Aktivität aber unterschiedlichem Ernährungsmuster verglichen werden.

VF: Vielen Dank für das Gespräch.

Frau Dr. Kohlenberg-Müller