Vegane Ernährung (Teil 1): Was steckt dahinter?

Vegane Ernährung liegt im Trend. Etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung und damit rund 900.000 Menschen leben hierzulande vegan. Wieso ernähren sich Menschen vegan? Leben Veganer gesünder oder gefährlich? Und ist es überhaupt möglich, selbst ein leckeres veganes Essen zu kochen? Diese Fragen beantwortet das VerbraucherFenster in einer vierteiligen Serie. Zum Auftakt hat unsere Redakteurin Barbara-Maria Birke mit dem Ernährungswissenschaftler Professor Dr. Claus Leitzmann gesprochen.

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Verschiedene Sorten Gemüse

VF: Herr Leitzmann, Sie sind bekennender Vegetarier. Wie wird man das?

Leitzmann: Meine fünfjährige berufliche Tätigkeit im buddhistischen Thailand (1969-1974) hat mir die religiösen Motive für eine vegetarische Ernährung aufgezeigt. Als Ernährungswissenschaftler für internationale Ernährung kannte ich die damals noch sehr begrenzte wissenschaftliche Literatur zum Vegetarismus. Aber den Schritt zur vegetarischen Ernährung in unserer Familie löste unsere jüngste Tochter aus, die sich aus ethischen Gründen für diese Ernährungsform entschieden hatte. Meine Frau und ich sowie unsere anderen drei Kinder erklärten sich solidarisch mit dieser Entscheidung und so praktizieren wir seit 1977 den vegetarischen Lebensstil.

VF: Und vegane Ernährung? War das nie ein Thema für Sie?

Leitzmann: Obwohl ich mich nahezu vegan ernähre, ist der konsequente Veganismus für mich nicht zwingend, da global und langfristig nur die biologische Landwirtschaft alle Menschen ausreichend ernähren kann. Nun liegt der biologischen Landwirtschaft ein Kreislaufsystem zu Grunde, dass auf Tiere als Düngelieferanten angewiesen ist. Zusätzlich können marginale Böden und Hanglagen genutzt werden, auf die zukünftig zur Ernährung der Menschheit nicht verzichtet werden kann. Die Tierhaltung in biologischen Betrieben halte ich für vertretbar, auch wenn sie nie artgerecht sein kann.

Die vegane Ernährung war und ist immer noch ein sehr aktuelles Thema für mich. So haben wir Anfang der 1990er Jahre die Deutsche Vegan Studie durchgeführt und mussten feststellen, dass viele Veganer in Deutschland nicht optimal ernährt sind. Die inzwischen vorliegende internationale Literatur zu diesem Thema bestätigt, dass Veganer bei fast allen Gesundheitsparametern besser abschneiden als Fleischesser, wie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck und Krebs. Der Nährstoffstatus hat sich verbessert, Probleme bestehen vornehmlich mit der Vitamin B12-Versorgung.

VF: Wo genau liegen die Unterschiede zwischen vegan und vegetarisch?

Leitzmann: Der Vegetarismus ist eine Ernährungs- und Lebensweise, bei der keine Lebensmittel verzehrt werden, die von toten Tieren stammen – also kein Fleisch, kein Fisch, keine Meerestiere sowie alle daraus hergestellten Produkte. Grundlage der Ernährung sind alle pflanzlichen Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Kräuter. Je nach der Form des Vegetarismus können auch Produkte von lebenden Tieren wie Milch, Eier, Honig und daraus hergestellte Produkte enthalten sein. Hier liegt der gravierende Unterschied zu den Veganern. Sie meiden alle vom Tier stammenden Nahrungsmittel und Produkte.

VF: Das heißt?

Leitzmann: Veganer verzichten auf Produkte, die von lebenden und toten Tieren stammen. Sie essen deshalb auch keine Eier, keinen Honig, keinen Käse und keine Milchprodukte. Zudem meiden sie Produkte wie Leder, Wolle, Federn, Daunen, Seide, Perlen, Hornprodukte wie Kämme und Schmuck und Gelatine.

VF: Lässt sich das in der Realität praktizieren?

Leitzmann: Das geht schon, aber man muss dabei ein paar Dinge beachten.

VF: Welche?

Leitzmann: Man muss sich so abwechslungsreich wie möglich ernähren und Vitamin B12 als Nahrungsergänzung nehmen. Im Winter eventuell Vitamin D ergänzen. Jod mit Algen oder Jodsalz sollte sparsam verwendet werden. Zu den Mahlzeiten sollten Veganer Vitamin-C-haltige Getränke trinken, um die Eisenaufnahme zu optimieren. Raffinierter Zucker und Auszugsmehle sollten ebenso gemieden werden wie stark verarbeitete Nahrungsmittel. Und zusätzliche Fette und Öle sollten nur in geringen Mengen zu sich genommen werden. Ratsam ist, frisches Gemüse, Früchte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollkornprodukte, Beeren, Samen und Kräuter zu essen.

VF: Das klingt ganz schön kompliziert. Wieso tun Menschen sich so etwas an?

Leitzmann: Die Gründe sind vielfältig. Mal erfolgt vegane Ernährung aus ethischen, moralischen, spirituellen oder religiösen Gründen oder aber aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Anliegen oder unter Gesichtspunkten wie Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Hygiene. Diese individuell unterschiedlichen Motive beeinflussen den Ernährungsstatus. So sind ethisch motivierte Veganer meist schlechter versorgt als gesundheitlich motivierte. Es zeigt sich, dass Veganer auch eine Ernährungsberatung benötigen.

VF: Dann kann vegan sogar schaden?

Leitzmann: Jede Form der Ernährung ist schädlich, wenn sie einseitig praktiziert wird oder die Vorgaben ignoriert werden oder gar nicht bekannt sind. Oft sind Veganer recht gut informiert, aber eben nicht immer, dann ist eine Ernährungsberatung hilfreich und notwendig. Bei einer richtigen Zusammensetzung und Zubereitung veganer Kost, einschließlich einer Vitamin B12-Substitution wird vegan nicht schaden. Im Gegenteil, im Vergleich zur üblichen Fleischkost ist sie deutlich gesünder.

VF: Ist es nicht widersprüchlich Tofu-Bratwurst zu essen?

Leitzmann: Ja, zumindest auf den ersten Blick. Wenn Veganer beim Übergang zu ihrer neuen Ernährungsform nicht auf den Fleisch- oder Rauchgeschmack verzichten können oder wollen, dann sind diese Produkte sicher eine Hilfe. Auf Dauer müssen diese Produkte nicht sein, denn viele enthalten allerlei Geschmacks-, Farb-, Süß- und Konservierungsstoffe.

VF: Immer mehr Menschen springen auf diesen Veganer-Zug auf. Woran liegt das?

Leitzmann: Es gibt immer mehr Menschen, die ihre Gesundheit erhalten, die Umwelt schonen und die Tiere nicht getötet wissen möchten. Besonders junge Menschen, überwiegend Frauen aus gebildeten Schichten, machen die größte Anzahl der Veganer aus.

VF: Tut die Nahrungsmittelindustrie ihr Übriges, indem immer mehr vegane Produkte auf den Markt drängen?

Leitzmann: Hier findet eine Art Geben und Nehmen statt. Viele Veganer suchen nach passenden Ersatzprodukten und die Nahrungsmittelindustrie stellt entsprechende Produkte her. Sicher ist die geschickte Werbung nicht ohne Einfluss, aber die letzte Entscheidung liegt immer beim Verbraucher.

VF: Ist das ein vorübergehender Trend oder eine lang anhaltende ernstzunehmende Entwicklung? Wird es irgendwann eine fleischlose Gesellschaft geben?

Leitzmann: Es ist zu erwarten, dass die weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten inklusive Übergewicht, der Klimawandel, die Massentierhaltung, Lebensmittelskandale und der Hunger in anderen Teilen der Welt diesen Trend weiterhin befördern werden. Es hängt von den Entwicklungen in diesen Bereichen ab, wie stark dieser Trend wird. Eine fleischlose Gesellschaft, das heißt der Vegetarismus, könnte bis zum Ende des Jahrhunderts eine Mehrheit werden, der Veganismus sicher nicht. Es sei denn, die Umstände zwingen die Menschheit dazu. Da etwa die Hälfte unserer für Nahrungszwecke geeigneten Böden nur von Tieren genutzt werden kann, wird es wohl immer Fleischesser geben.

VF: Kann Werbung mit bekannten Gesichtern noch mehr für Veganismus begeistern?

Leitzmann: Ganz sicher, denn Vorbilder sind für jede gesellschaftliche Entwicklung förderlich. Gerade in der veganen Szene gibt es Persönlichkeiten, die besonders junge Menschen ansprechen und motivieren.

VF: Oft liest man, dass vegane Ernährung nicht nur ein Ernährungsstil, sondern ein Lebensstil sei. Was heißt das in der Praxis?

Leitzmann: Der vegane Lebensstil beschränkt sich nicht auf Ernährung, sondern beinhaltet ein gesundes und nachhaltiges Verhalten in allen Lebensbereichen. Dazu zählen neben einer pflanzlichen Ernährung mit Bio-Lebensmitteln das Meiden von Nikotin, Alkohol und Drogen sowie eine regelmäßige körperliche Aktivität und ein umweltfreundliches Verhalten in Sachen Konsum, Kleidung, Energieverbrauch und Entsorgung von Abfällen.  

VF: Veganismus und Nachhaltigkeit – gut vereinbar?

Leitzmann: Ja. Sehr sogar, denn vegan ist prima für´s Klima. Ein Veganer, der sich mit Bio-Produkten ernährt, verursacht jährlich einen Treibhauseffekt von umgerechnet etwa 300 Autokilometern, ein Alles-Esser dagegen einen Treibhauseffekt von umgerechnet etwa 4400 Autokilometern. Diese Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

VF: Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft dürften aber nicht sehr positiv ausfallen, oder?

Leitzmann: Für die Landwirtschaft würden sich langfristig weitaus überwiegend Vorteile ergeben, sofern es sich um eine ökologische Landwirtschaft handelt. In der Übergangsphase würden Verdienstmöglichkeiten mit tierischen Produkten entfallen, dafür müssten pflanzliche Lebensmittel teurer werden, damit die Landwirte ein auskommendes Einkommen haben.

VF: Danke für das informative Gespräch.

Stand: Januar 2016